Wenn man seine Kinder nicht aufziehen darf : Mutter – und geistig behindert

Viermal hat sie gespürt, wie Leben in ihr wächst. Hat sechs Kinder zur Welt gebracht. Geistig behinderte Frauen wie Melanie Werner haben ein Recht darauf, Kinder zu bekommen. Aber nur geringe Chancen, sie großziehen zu dürfen.

Susann Gebbert
Nur zwei Schnuller am Schlüsselbund von Melanie Werner deuten darauf hin, dass es noch eine andere Welt in ihrem Leben gibt.
Nur zwei Schnuller am Schlüsselbund von Melanie Werner deuten darauf hin, dass es noch eine andere Welt in ihrem Leben gibt.Foto: Susann Gebbert

Er muss spüren, wie sehr ihr Herz klopft. Mit wachem Blick beobachtet sie der Kleine auf ihrem Arm, während sie ihn die vier Stufen hinauf zur Eingangstür trägt. Die Frauen in dem hellen Klinkerhaus sind entzückt. Er hat besonders blaue Augen. Sie drückt ihn noch fester an sich. Ihren Paul.

Melanie Werner vergisst manches, aber an diesen Moment erinnert sie sich genau. Ein Tag im August. Das Gefühl, dass es jetzt um alles geht. Paul, ihr Erstgeborener. Sie weiß auch noch, wie sie dachte: Den gebe ich nicht her.

Vier Mal hat Melanie Werner gespürt, wie Leben in ihr wächst. Wie sich ihr Bauch wölbt, weil ein Füßchen von innen dagegen tritt. Vier Mal hoffte sie, eine heile Familie zu gründen. Hat sechs Kinder zur Welt gebracht: Paul, die Zwillinge Laurent und Mariella, die Zwillinge Andre und Maximilian, zuletzt Elfi-Melina. Das ist erst vier Monate her.

Vier Mal ist sie am Ende alleine nach Hause gegangen. Kindeswohlgefährdung, befand der Staat. Melanie Werner ist geistig behindert. Ihr Gehirn ist nicht normal entwickelt. Sie schreibt wie eine Fünftklässlerin, rechnet wie eine Zweitklässlerin. Es fällt ihr schwer, Ärger und Wut zu kontrollieren. Der Staat hat klare Kriterien dafür, was eine gute Mutter ist: Sie muss wissen, wie warm das Badewasser für ein Baby sein darf. Erkennen, wann es gefüttert werden muss.

Melanie Werner, 29 Jahre alt. In Wirklichkeit heißt sie anders. Zierlich ist sie, blass. Ihre braunen Haare hat sie mit einem dicken, samtenen Zopfgummi im Nacken zusammengewurschtelt. Ihre Jeans schlackert an den Beinen.

Zwangsverhütung ist verboten

Melanie Werner ist zu wenig behindert, als dass der Staat sich automatisch um sie kümmern würde. Also kümmert sie sich selber, irgendwie. In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Neubaublock in Bad Harzburg, einer Kleinstadt am nordwestlichen Harzrand, löst sich die vergilbte Tapete von den Wänden. Der Fernseher läuft. Daneben türmen sich Hosen, T-Shirts, BHs. Vier Katzen tigern herum. Und Sven. Er nimmt und verkauft Drogen, schlägt Melanie manchmal und hat „keinen Bock“, offiziell mit ihr zusammenzuziehen. Nicht, dass er noch für sie zahlen muss.

Melanie Werner bekommt 310 Euro Sozialhilfe. Sie hat einen gesetzlichen Betreuer, der ihr zweimal im Monat Geld bringt. Davon bezahlt sie Essen, Eistee, Kaffee, ihre Prepaid-Karten, Zigaretten.

Nur zwei Schnuller an Melanie Werners Schlüsselbund deuten darauf hin, dass es noch eine zweite Welt in ihrem Leben gibt. Sie hat einen blauen Nuckel für Paul eingefädelt und einen weißen mit bunten Punkten für Elfi. Ihr ältestes und ihr jüngstes Kind.

Menschen mit Behinderungen haben in Deutschland wie alle anderen das Recht, eine Familie zu gründen. Sie dürfen so viele Kinder bekommen, wie und wann sie wollen. So schreibt es auch die UN-Behindertenrechtskonvention vor. Seit Einführung des Grundgesetzes 1949 ist Zwangsverhütung bei behinderten Menschen in Deutschland verboten. Paragraf 1905 des Bürgerlichen Gesetzbuchs aus dem Jahr 1992 regelt, dass staatlich „Betreute“ – beispielsweise geistig behinderte Frauen – nicht gegen ihren Willen sterilisiert werden dürfen. Sie haben ein Recht auf Elternsein.

Theoretisch. Praktisch werden viele dieser Frauen ihr Kind nicht versorgen, nicht erziehen können. Das weiß der Staat und nennt es Kindeswohlgefährdung. Die Frauen wissen das oft nicht.

Keine Frau ist freiwillig hier. Das Jugendamt hat sie geschickt

Sechs Jahre ist es her, dass Melanie Werner ihren Erstgeborenen die vier Stufen zu dem hellen Klinkerhaus hinaufgetragen hat. Eine Wohngruppe in Soltau – ihre letzte Chance.

Tanja Hüner, kurze blonde Haare, schwarze Brille und weiche Züge, leitet den Verein für Jugendhilfe und Sozialarbeit, zu dem die Einrichtung gehört, eine von 492 Mutter-Kind-Wohngruppen in Deutschland. Acht Mütter betreut sie mit ihren Kollegen hier. Oft sind es minderjährige, manchmal geistig behinderte Frauen, die hier landen.

Die meisten eint, dass sie ziemlich allein dastehen. Ohne Partner, der für sie einen Wickeltisch aufbaut, Mutter, die Hühnersuppe kocht. „Keine Frau ist freiwillig hier“, sagt Tanja Hüner. Das Jugendamt hat sie geschickt.

Drei Phasen müssen die Mütter meistern, wenn sie gemeinsam mit ihrem Kind wieder ausziehen wollen. Erst leben sie im Hauptgebäude, unter ständiger Beobachtung. Dann in Dreier-WGs im Nebenhaus. Die letzte Stufe sind Apartments mit eigener Küche und Waschmaschine. Die Frauen lernen, dass sie Wäsche waschen müssen, bevor der Schrank leer ist, und sie einem Tag Struktur geben, wenn sie bis 9.30 Uhr angezogen sind. Ein bis zwei Jahre bleiben die Frauen in der Wohngruppe. Drei von vier dürfen ihr Kind am Ende mit nach Hause nehmen.

Den anderen versucht Tanja Hüner zu vermitteln, dass es „eine reife, verantwortungsvolle Entscheidung ist, das Kind wegzugeben“. Selbsterkenntnis heißt das Ziel. Wenn die Mütter nicht selbst erkennen, verfügen die Mitarbeiter. Das Jugendamt folgt den Einschätzungen der Wohngruppe.

Dass sie behindert ist, fällt erst in der Schule auf

Welches Wohl wiegt schwerer? Das der Frau oder das des Kindes? Es ist ein Spannungsfeld, in dem die Angestellten arbeiten. „Die Kinder sind existenziell darauf angewiesen, dass sich einer um sie sorgt“, sagt Hüner. Sie brauchen jemanden, der ihre Bedürfnisse erkennt und sie erfüllt. Im Heim bedeutet das: Im Zweifel für die Trennung. Im Zweifel gegen Melanie.

„Ich bin traurig“, sagt Melanie Werner.

Melanie kommt in Magdeburg zur Welt. Wenn ihr Vater zu Hause ist, trinkt er und ist laut. Dass Melanie behindert ist, fällt erst in der Schule auf. Sie kann dem Unterricht nicht folgen. Zunächst geht sie auf eine Förderschule für Kinder mit Lernschwäche. Auf Anraten der Lehrer wechselt sie auf eine Schule für geistig Behinderte.

Als Melanie zehn ist, packt die Mutter ihre Sachen und zieht mit Melanies älterer Schwester, die von einem anderen Mann ist, fort nach Bad Harzburg. Melanie lässt sie bei ihrem Vater zurück. Erst, als ihr bei Besuchen die blauen Flecken am Körper ihrer Tochter auffallen, holt sie Melanie nach.

Melanie Werners erstes und ihr jüngstes Kind, Paul und Elfi, leben bei der 49-Jährigen. „Ich sehe mich nicht als Pflegemutter oder so. Ich fühle mich als Mutter“, sagt sie. Sie sitzt neben ihrer Tochter auf einem blauen Ecksofa zwischen Paillettenkissen. Ein Himmelbettchen steht daneben. Überall Vasen, Blumen, Steine, Kerzen, gerahmte Bilder. Ein Kanarienvogel singt in einem Käfig. Die blondierten Haare hat Melanies Mutter zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden.

Ihr Sohn nennt sie Melanie. Für niemanden ist sie Mama

Vor Fremden redet Melanie Werner nur, wenn sie angesprochen wird. Elfis kleiner Finger hält Melanies silberne Halskette umklammert. Die Haut ist noch ganz schrumpelig. Melanie Werner schuckelt Elfi unaufhörlich. „Schschsch.“ Paul ist ein Super Hero mit Zahnlücken und Star-Wars-Pistole ohne Batterien. Am 1. November ist er sechs Jahre alt geworden. Er klettert auf dem Sofa, auf dem Melanie sitzt. Die Paillettenkissen fallen zu Boden. „Paul, pass doch mal auf. Jetzt reicht es aber“, schimpft Melanies Mutter.

Wenn sie Paul und Elfi besuchen will, muss Melanie Werner ihre Mutter um Erlaubnis fragen. Könnte sie jeden Tag hierher kommen? „Nee, das würde mir auf die Nerven gehen“, sagt die Mutter. Also kommt sie einmal pro Woche, manchmal auch drei Wochen nicht. Nicht immer kann sie sich motivieren. Ist zu schwach für Verbindlichkeiten. Melanies Mutter sagt: „Melanie ist ja schon mit sich selbst überfordert. Melanie ist ungeduldig und abhängig von irgendwelchen Typen. Ein Kind großzuziehen, wird sie nicht schaffen.“ Melanie sitzt daneben und schweigt.

Als das Baby auf Melanie Werners Arm zu weinen beginnt, nimmt Melanies Mutter es auf den Arm. Stille. Paul klettert hinter das Sofa, streckt die Hand aus. „Mama, willst du ein Eis?“ Melanies Mutter winkt ab. Melanie ist einfach Melanie. Für niemanden ist sie Mama.

Als Paul geboren wird, ist Melanie Werner 23. „Ein Wunschkind“, erzählt sie. Wo sie Pauls Vater kennengelernt hat, weiß sie nicht mehr. Ob es die Krankenschwestern sind, die das Jugendamt informieren, oder ihr gesetzlicher Betreuer, hat sie nie erfahren, auch nicht hinterfragt. Die Mitarbeiter des Amts vereinbaren mit ihr, dass sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung geht.

Aber Melanie Werner fühlt sich unwohl. „Die haben mich scheiße behandelt. Mir nur gesagt, was ich alles falsch mache.“ Etwa, als sie den neun Monate alten Säugling mit einem Fruchtzwerg füttert. Die vielen Regeln, der autoritäre Umgangston machen sie aggressiv. Fremde Menschen kommen und nehmen Paul mit. Melanie Werner geht zurück zu Pauls Vater, der sie Zigarettenstummel suchen lässt. Bis ihr das Jugendamt einen Platz in Soltau vermittelt – mehr als eine Stunde Fahrtzeit entfernt.

Die Trennungszeit ist die härteste

Tanja Hüner hat die junge Mutter „raubeinig“ in Erinnerung. Eine, die gereizt auf Kritik reagierte. Aber Melanie Werner gefällt es im Heim. „Ich war glücklich“, sagt sie. Weil man ihr Freiheiten ließ? Mit Achtung begegnete? Dennoch scheitert sie an dem Bemuttern, das alle von ihr verlangen. Zwölf Wochen nach ihrer Ankunft im Klinkerbau schreit Paul und will nicht aufhören. Tanja Hüner hat Melanie Werner erklärt, dass es die Zähne sind, die sich durch seinen Kiefer bohren. Trotzdem kann Melanie es nicht mehr ertragen, wird wütend. Schlägt mit aller Kraft gegen das Gitterbett.

Die Trennungszeit ist die härteste in der Wohngruppe, sagt Tanja Hüner. Sie beginnt mit der Gewissheit, das eigene Kind nicht behalten zu dürfen. Und endet mit dem Tag, an dem fremde Menschen trennen, was zusammengehört: Mutter und Kind. Manchmal dauert es vier Wochen, manchmal vier Monate, bis das Jugendamt eine Pflegefamilie gefunden hat. Der Alltag läuft wie immer, aber die Frauen reagieren gereizter, grenzen sich vom Rest der Gruppe ab. Ihr Kind umsorgen sie angestrengt herzlich. Auch für Tanja Hüner ist das eine harte Zeit. Manchmal hat sie schlaflose Nächte deswegen. „Ich bin seit 20 Jahren hier und es fällt mir nicht leicht, einen Sorgerechtsentzug einzuleiten“, sagt sie.

Zum Termin ins Familiengericht geht Melanie Werner allein. Von dort aus ruft sie ihre Mutter an und fragt, ob die das Sorgerecht für Paul übernehmen kann.

„Die Vorstellung, dass ich meine Enkelkinder nicht sehe, hat mich traurig gemacht“, sagt die Mutter. Aber auch noch Zwillinge aufzunehmen, war ihr zu viel. Schon jetzt reicht der Platz in der kleinen Neubauwohnung nicht. Schließlich leben hier auch noch der Lebensgefährte der Mutter und Melanies pubertierenden Schwestern, elf und zwölf Jahre alt. Auch für das Kind ihrer älteren Schwester, die ihr erstes Kind mit 13 Jahren bekommen hat, hat die Mutter das Sorgerecht. Der Junge ist fast erwachsen.

Das Scheitern überwinden wollen

Nimmt sie ihrer Mutter manchmal übel, dass sie ihre Kinder bei sich haben darf? Melanie Werner überlegt. „Ich bin neidisch auf Mama, weil sie das alles kann und ich nicht.“

Tanja Hüner vom Mutter-Kind-Heim in Soltau hat im Laufe der Jahre den Eindruck gewonnen, dass Frauen, die ihre Kinder nicht behalten durften, wahrscheinlich weitere Kinder bekommen. Das Gefühl des Scheiterns überwinden wollen. Beim nächsten Kind werden sie sich eine Familienwelt aufbauen. Zu Tanja Hüner kommen oft Frauen mit dem zweiten, dritten oder vierten Kind.

Melanie Werners Zwillinge Laurent und Mariella wurden drei Jahre nach Paul geboren. Die Zwillinge Andre und Maximilian ein Jahr später. Ein Zwillingspaar lebt bei Melanies Onkel. Das hat Melanies Mutter ihm abgerungen. Das andere in einer Pflegefamilie.

Melanie Werner zeigt ein Bild auf ihrem Handy. Eine Frau knuddelt zwei Kinder irgendwo am Strand an irgendeinem Meer. Ab und an schicken die Pflegeeltern Fotos. „Wie gut es deine Kinder haben. Wie viel Glück du hast“, sagt Melanies Mutter. „Ja“, sagt Melanie. „Traurig bin ich trotzdem.“ Melanie Werner knuddelt die Zwillinge nicht. Sie hat sich den Namen Mariella für das Mädchen überlegt. Die Pflegemutter sagt nur Ella. Das stört Melanie.

Immer donnerstags zwischen 17.30 und 18 Uhr darf sie die Familie anrufen, fragen, was die Kinder erleben. Einmal im Monat darf sie sie besuchen.

"Es ist unverantwortlich, ihr Hoffnungen zu machen"

Auf dem blauen Sofa umklammert Melanie Werner ihren Kaffeepott. „Beim Bäcker suchen sie eine Aushilfe.“ „Das kriegst du doch gar nicht hin“, antwortet ihre Mutter. Melanie schweigt. Genau das Gleiche hat sie zu ihr gesagt, als sie immer wieder schwanger wurde und sagte: „Diesmal bleibt mein Baby bei mir.“

Als Melanie Werner mit Elfi, ihrer jüngsten Tochter, schwanger ist, begutachten Mitarbeiter vom Jugendamt ihre kleine, ungepflegte Bude. Wenn sie die kinderfreundlich herrichte und sich bereit erkläre, mit dem Amt zusammenzuarbeiten, dürfe sie ihr Kind vielleicht behalten, sagen sie.

Das Jugendamt folgt der Vorgabe, immer wieder aufs Neue zu prüfen, ob es eine Chance für Mutter und Kind gibt. Stehen Windeln, Milchpulver und ein sauberer Schlafplatz bereit? Hat die Frau einen verlässlichen Partner?

Melanie Werners Mutter sagt: „Es ist unverantwortlich, Melanie Hoffnungen zu machen.

Tanja Hüner sagt: „Für manche dieser Frauen wäre es weniger schmerzlich, keine weiteren Kinder zu bekommen.“

Im Wohnzimmer von Melanie Werners Mutter hängt ein Kalender mit Bildern. Melanie mit Elfi-Melina im Krankenhaus. Melanie mit Elfi-Melina und Sven. Melanie hat ihn ihrer Mutter geschenkt.

Sie weiß nicht, wer der Vater ist

Sven weigert sich, einen Vaterschaftstest zu machen. Ist er der Papa der Kleinen? Oder Marc? Der lebt zehn Kilometer weiter. Im Knast. Melanie Werner wünscht sich, dass es Marc ist. Mit ihm ist sie seit neun Jahren mal mehr, mal weniger zusammen. Sie kennt ihn aus einer Behindertenwerkstatt, in der sie eine Zeit lang Lattenroste zusammengeschraubt hat. Er sitzt wegen Diebstahls, gelegentlich fährt sie ihn besuchen. Marc und Melanie haben zusammen, so viel ist sicher, vier Kinder. Marc hat die Vaterschaft für die Zwillingspaare anerkannt. Sie auch besucht, als er noch konnte.

Wenige Wochen, nachdem Elfi im Juli 2018 zur Welt gekommen ist, entzieht das Familiengericht Melanie Werner zum vierten Mal das Sorgerecht. Sie hat keine ordentliche Wohnung und Angst vor dem Mutter-Kind-Heim. So war es immer. Angst, dass es wieder so wird wie beim ersten Mal. „Mit Paul.“

Melanie Werner sagt: „Es ist das Beste für meine Kinder.“ Der Satz, den ihr die Mutter, die Mitarbeiter der Wohngruppe und das Jugendamt eingetrichtert haben. Ein Satz, der zu ihrem Mantra geworden ist. Werden musste, um nicht am zweiten, unausgesprochenen Teil zu zerbrechen: Nicht bei mir zu leben.

Wenn Melanie Werner nicht ihre Mutter, Paul und Elfi oder Marc im Knast besucht, sieht sie fern, isst, schmust mit den Katzen, schläft mit Sven. Das Jugendamt ist nicht mehr für sie zuständig, weil sie volljährig ist. Die einzige Unterstützung, die sie jetzt noch bekommt, sind die 310 Euro Sozialhilfe. Melanie Werner muss erst auffällig, straffällig werden oder schwanger, damit der Staat wieder auf sie aufmerksam wird. So lange ist sie unsichtbar.

Hat sie Träume? „Ja“, sagt Melanie Werner auf dem blauen Ecksofa. „Dass ich mit meinen Kindern aus dem Krankenhaus nach Hause in meine Wohnung komme.“

Ein paar Tage später gibt sie dem Wunsch ihrer Mutter nach, sich sterilisieren zu lassen.

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