Interview mit Siemens-Vorstandsmitglied Cedrik Neike : „Wir begrüßen diese Start-up-Kultur sehr“

Siemens-Vorstandsmitglied Cedrik Neike erzählt im Interview, warum das Unternehmen bis zu 600 Millionen Euro in eine neue Lebenswelt in Berlin investiert.

Patricia Pätzold
Vogelperspektive. Ein städtebaulicher Wettbewerb wird zeigen, wie das kreative Umfeld in der Siemensstadt 2.0 aussehen wird.
Vogelperspektive. Ein städtebaulicher Wettbewerb wird zeigen, wie das kreative Umfeld in der Siemensstadt 2.0 aussehen wird.Foto:Wolfgang Chodan

Herr Neike, Siemens hat sich klar zu dem Ort bekannt, an dem das Unternehmen entstanden ist: Berlin. 600 Millionen Euro fließen in die Siemensstadt 2.0 an der Nonnendammallee. Was waren die Beweggründe?

Auf dem historischen Siemens-Gelände in Spandau wollen wir in den kommenden Jahren in eine neue Arbeits- und Lebenswelt investieren – mit bis zu 600 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte von Siemens in Berlin.

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Als gebürtiger Berliner freue ich mich besonders, dass sich die Stadt im internationalen Werben um einen geeigneten Standort für unser Zukunftsprojekt durchsetzen konnte. Berlin ist dynamisch und steht für Erfindergeist. Jedes dritte Start-up in Deutschland hat seinen Sitz in der Stadt. Berlin ist außerdem der weltweit größte Produktionsstandort von Siemens. Ein dritter Grund sind schließlich die weltweit renommierten Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Zu dem integrativen und innovativen Ökosystem, das Siemens plant, gehört auch der Wissenschaftscampus IWCB, in den 70 Millionen Euro und mehr fließen sollen. An ihm ist die TU Berlin wesentlich beteiligt. Was ist das Ziel für diesen Campus? Was verspricht sich Siemens davon?

Damit die Hauptstadt der größte Fertigungsstandort der Siemens AG weltweit bleibt, haben wir den Industrie- und Wissenschaftscampus Berlin initiiert. Als Teil der Siemensstadt 2.0 wollen wir hier viel schneller als bisher innovative Produkte entwickeln und fertigen. Dies wird möglich, weil wir gemeinsam mit unseren Partnern – der TU Berlin, der Fraunhofer Gesellschaft und der Bundesanstalt für Materialforschung – am selben Ort forschen, entwickeln, validieren und produzieren. Kurze Wege, Hand in Hand, von der Grundlagenforschung bis zur Fertigung. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit den Geschäftsfeldern der Energieerzeugung, der Energieverteilung und der Energie-Services. Wir fokussieren die drei Technologietreiber Digitalisierung, Additive Fertigung und Neue Werkstoffe.

Mit dem IWCB sollen auch drei neue Professuren an der TU Berlin verankert werden. Obwohl die Planungsphase erst begonnen hat: Gibt es schon konkrete Überlegungen, welche Forschungsthemen für die Professuren angedacht sind?

Die drei Professuren werden von der TU Berlin voraussichtlich im Frühjahr 2019 ausgeschrieben, sie basieren auf den definierten Zukunftstechnologien. Einzelheiten werden erst mit der Ausschreibung veröffentlicht.

Die TU Berlin wird, neben der Forschung, insbesondere eine sehr lebendige Start-up- Kultur in die Entwicklung des Campus mit einbringen. Welche Erwartungen sind damit für Siemens verbunden?

Jedes Unternehmen, jede Organisation hat Stärken und Schwächen. Wir bei Siemens glauben an Kooperation statt Protektionismus. Gerade die Kooperation mit Start-ups fördert Siemens intensiv, weil wir wissen, wie wertvoll der Beitrag innovativer, agiler Gründer ist. Wenn große Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups ihre Stärken kombinieren, kann Außergewöhnliches erreicht werden. Der Industrie- und Wissenschaftscampus Berlin steht genau für diesen Gedanken. Daher begrüßen wir die Start-up-Kultur der TU Berlin sehr und freuen uns auf den Austausch und das Bündeln der Stärken. Gemeinsam wollen wir das beste Ergebnis erzielen, das beste Produkt entwickeln, den besten Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Welche Erwartungen haben Sie an die Wissenschaftsstadt Berlin?

Von der Wissenschaftsstadt Berlin erwarten wir die Ideen für den produktionstechnischen Strukturwandel 2.0, um hier am Standort Berlin die nächste Generation von Produktinnovationen fertigen zu können. Das gilt nicht nur für die Energieerzeugung, -verteilung und Services, sondern auch für die Geschäftsfelder Mobilität und Smart Infrastructure.

Wenn Sie die Siemensstadt 2.0 im Jahr 2030 beschreiben sollten: Worin werden Vorteil und Nutzen liegen, die Berlin durch das Projekt bekommen hat?
Der Nutzen liegt klar auf der Hand: Wir öffnen die Siemensstadt für externe Unternehmen, Start-ups, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Berlinerinnen und Berliner. Zugleich soll auch Wohnraum für Familien und Studierende geschaffen werden. Es entsteht also ein neuer, lebenswerter Kiez, in dem Berlinerinnen und Berliner arbeiten, lernen, forschen und wohnen. Durch diese einzigartige Verbindung entstehen ganz neue Ideen und hochinnovative Produkte, die die Berliner Industrie stärken und deren Zukunftsfähigkeit erhöhen. Die Siemensstadt 2.0 wird also für die Stadt Berlin, die beteiligten Unternehmen und die Menschen ein Gewinn.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold.