Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz (HZT) Berlin : Aus dem Wedding in die Welt

In den Uferstudios tanzt die freie Szene. Seit 2007 kann man zeitgenössischen Tanz dort auch studieren – am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin.

Katharina Deparade
The Church of Banana. Die HZT-Studierenden Éva Tankó, Martin Hansen, Kasia Wolinska auf dem Campus Uferstudios bei einem Performance-Projekt zur Eröffnung des Bachelor-Festivals.
The Church of Banana. Die HZT-Studierenden Éva Tankó, Martin Hansen, Kasia Wolinska auf dem Campus Uferstudios bei einem...Foto: Mira Hirtz

Es ist heiß in Pasewalk. Während in Berlin an diesem ersten Juniabend ein Sommergewitter niedergeht, bleibt es im Schloss Bröllin in der deutsch-polnischen Grenzregion trocken. In den alten Stallungen des Gutshauses residiert seit einer Woche das Tanz-Kollektiv „Suddenly“ um Grete Smitaite und Hannah Kritten Tangsoo, Alumnae des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz (HZT) Berlin.

Das Besondere an der Gruppe: Sie besteht aus einem gesamten Jahrgang. Alle 13 Mitglieder haben beschlossen, auch nach dem Studium weiter zusammenzuarbeiten. „Grundlage unserer Gemeinschaft bilden Vertrauen und Solidarität“, erklärt Lyllie Rouvière, und auch Smitaite stimmt zu: „In den drei intensiven Studienjahren haben wir uns kennengelernt und Entwicklungen beobachten können. Wir wissen einfach, wie wir uns unterstützen müssen.“

Alle 13 jungen Tänzerinnen und Tänzer haben im vergangenen Jahr den Bachelorstudiengang „Tanz, Kontext, Choreographie“ am HZT Berlin abgeschlossen. Einer der Studiengänge, die 2007 – ein Jahr nach der Gründung des HZT Berlin – eingeführt wurden. 2007: ein wichtiger Marker in der Geschichte des zeitgenössischen Tanzes in Berlin. Bis dato bot nur die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ einen Diplomstudiengang Choreographie an. Für den klassischen Tanz gab es bereits die Staatliche Ballettschule Berlin. Zeitgenössische Tänzer haben ihr Studium vorwiegend in anderen Städten abgeschlossen. In Berlin organisierten sie sich derweil in Initiativen, wie etwa der Tanzfabrik Berlin, die neben den Räumlichkeiten auch Kurse anboten oder Projekte ermöglichten. Alles in freischaffender Arbeit.

Frei arbeitet auch die „Suddenly“ HZT-Alumni-Crew. In Bröllin proben sie für „Limitation Piece 2“, das seine Premiere beim Open Spaces Festival der Tanzfabrik feiern wird. Als die öffentliche Probe beginnt, betreten die Tänzerinnen und Tänzer langsam und schweigend den Raum – den Dachboden einer alten Scheune. Sie interagieren mit dem Raum, verstecken sich abwechselnd hinter Balken und schauen das Publikum direkt an. Es fällt schwer, den eisernen Blicken standzuhalten. Dann setzt ein Beat ein. Plötzlich fangen alle an, wild um sich zu springen. Scheinbar frei von technischen Vorschriften, am liebsten möchte man mitmachen.

Jeder tanzt für sich, in seinem Stil, aber nicht isoliert. Der Einzelne reagiert auf die anderen – mal mehr, mal weniger. Wie ein Bienenschwarm bleibt das Kollektiv zusammen, aber ohne körperliche Bindung. Springt einer vor, kreisen die anderen direkt nach. Das Individuum im Zusammenspiel mit dem Kollektiv. 45 Minuten Ekstase, mehr passiert nicht. Irgendwann schreit eine der Tänzerinnen von hinten: „Thank you“ – Applaus – Ende.

Mitarbeiter der Tanzfabrik Berlin fördern die Gruppe

Mitarbeiter der Tanzfabrik Berlin sitzen im Publikum. Sie fördern die Gruppe mit dem Auftritt bei ihrem Festival, mit Unterstützerschreiben für Residenzen, mit Rat und Beistand. Das ist vor allem Juan Gabriel Harcha zu verdanken. Er ist Produktionsleiter in der Tanzfabrik und nicht zufällig ebenfalls ein Alumnus des HZT Berlin. Er ist beim studentisch organisierten Festival des Bachelorstudiengangs „Tanz, Kontext, Choreographie“ im letzten Jahr auf die Arbeit von Suddenly gestoßen. „Was mich daran fasziniert hat, war der pure Tanz, dass da wirklich 13 schwitzende Körper bis zur Erschöpfung tanzten“, erklärt Harcha.

Solche Netzwerke entstehen durch die geografische Nähe. Um sich die studentischen Arbeiten beim Bachelor-Festival anzusehen, muss Harcha nur über den Hof laufen. „Da wir auf demselben Gelände sind, kommen wir sehr früh in Kontakt mit Studierenden“, sagt Harcha. „In der Tanzfabrik arbeiten wir nicht nur mit etablierten Künstlern zusammen, sondern es ist uns ein Anliegen, den Nachwuchs von Anfang an zu begleiten.“ So geschehen mit der Suddenly-Crew. „Juan ist nach der Aufführung auf uns zu gekommen“, bestätigt Smitaite. „Er hat uns gefragt, ob wir nicht eine Company gründen, oder zumindest darüber nachdenken wollen.“

Die Tanzfabrik und das HZT sind beide in den „Uferstudios für Zeitgenössischen Tanz“ im Wedding ansässig. Ein magischer Ort. Von weitem sticht der alte erhabene Schornstein hervor. Die tosende Badstraße hinter sich lassend, bemerkt man hier zunächst nichts als Ruhe. Die Backsteingebäude der ehemaligen BVG- Zentralwerkstätten umschließen einen riesigen Hof. Ein Raum, der bewusst offen gehalten wird. Nur im hinteren Bereich findet sich der „Impossible Forest“ aus toten Baumstämmen neben wild blühenden Sträuchern und Gräsern, ein Kunstprojekt von Jared Gradinger. In den Uferstudios ist das Epizentrum des zeitgenössischen Tanzes in Berlin entstanden; und mittendrin das HZT. Hier begegnen sich Studierende, Lehrende, Künstlerinnen, die temporär Studios für Proben oder Veranstaltungen mieten, sowie Mitarbeiter der Tanzfabrik Berlin, des ada-Studios und des Tanzbüros Berlin.

Nik Haffner, der künstlerische Direktor des HZT Berlin, sitzt an einem winzigen Schreibtisch in der Ecke eines Gemeinschaftsbüros auf dem Gelände der Uferstudios. Er verbringt viel Zeit in den Studios. Trifft er zufällig auf Kollegen, sprechen sie über diese oder jene Abschlusspräsentation, mögliche Kooperationen. Etwas, was sonst Terminplanung erfordert, kann in den Fluren der Uferstudios nebenbei entstehen.

Pro Jahr sechs Kooperationsprojekte

„Die Verbindung von Studium und professioneller Tanzszene war seit der Geburtsstunde des HZT Teil dieses Konstrukts“, erklärt Haffner. „Das HZT entstand aus dem Wunsch und der Initiative der freien Szene Berlins heraus.“ 2006 wurde der Moment genutzt, als die Kulturstiftung des Bundes mit „Tanzplan Deutschland“ bundesweit Geldmittel für nachhaltige Maßnahmen zur Förderung des Tanzes fließen ließ. Ziel war es, zeitgenössischen Tanz in der öffentlichen Wahrnehmung als gleichwertige Kunstform neben Oper und Theater zu etablieren. „Da war für Berlin sehr schnell klar, dass zeitgenössischer Tanz auch hier endlich auf Hochschul-Level unterrichtet und studiert werden sollte“, bestätigt Haffner. Mittlerweile hat das HZT Berlin eine lange Liste von Kooperationspartnern aufgebaut, viele davon aus dem Ausland. Pro Jahr werden durchschnittlich sechs Kooperationsprojekte von Studierenden und etablierten Kulturschaffenden und Institutionen realisiert. Nicht selten entstehen daraus auch noch nach dem Studium Projekte.

„Es geht darum, die Forschung in die Stadt zu tragen, Lehre für die Gesellschaft zu öffnen“, sagt Haffner, „anstatt sie als Laboratorium einer Universität zu isolieren.“ So sind die Lectures mit namhaften Tanzforschern öffentlich, ebenso wie die Abschlusspräsentationen der Studierenden. Ziel ist es, etwas Größeres als sich selbst zu schaffen. Das HZT, die Uferstudios, die Tanzfabrik und viele weitere Partner – ein Netzwerk, ein sich immer weiter ausbreitendes Geflecht mit treibenden Blüten.

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