Do-it-yourself-Möbel : Wie ich einmal mein Regal selber bauen wollte

Der neue Trend: Man kauft seine Möbel nicht, sondern besorgt sich das Material und die Anleitung aus dem Baumarkt. Klappt das?

Viola Heeger
Viel Holz: Daraus soll ein Regal werden.
Viel Holz: Daraus soll ein Regal werden.Foto: Tahere Kalantary

Eigentlich sieht es kinderleicht aus, Möbel selbst zu bauen. Die Baumärkte werben damit, der Trend geht hin zu Individualität und Handarbeit statt Möbeln von der Stange. Doch ist es wirklich so einfach, ein Regal zu bauen? Wir haben die Probe gemacht.

Der erste Schritt: App herunterladen

Zunächst braucht man die App. Immer mehr Baumärkte setzen auf personalisierte digitale Angebote, um Kunden zu gewinnen. Nach einer viermonatigen Testphase hat Obi vor kurzem seine „hey“-App gelaunched, die einen Online-Shop, Projektideen und eine Beratung anbietet. Auch Bauhaus hat Apps für seine Kunden, im Gegensatz zu Obi und Hornbach ist es aber keine Universalapp. Bauhaus setzt vielmehr auf Einzelapps für bestimmte Gelegenheiten wie einen Umzug. Bei Hornbach ist die App mit Online-Shop und Projektanleitung analog zur Website aufgebaut. Zusätzlich bietet der Baumarkt Services, die den Einkauf erleichtern sollen: Der „Self-Scan“ erlaubt es Kunden, in der Filiale den Barcode von Produkten einzuscannen und einen QR-Bezahlcode zu erstellen, mit dem sie an der Kasse bezahlen können.

Mühselige Rackerei: Besser die Bretter im Baumarkt zuschneiden lassen.
Mühselige Rackerei: Besser die Bretter im Baumarkt zuschneiden lassen.Foto: Tahere Kalantary

Um die App von Obi nutzen zu können, muss man zunächst ein Konto anlegen. Bei der Anmeldung für den sogenannten „Obi-Account“ werden Name, Anschrift und Wohnsituation abgefragt. Obi zufolge soll dadurch das Beratungsangebot personalisiert werden, sodass beispielsweise nur Designideen für Balkon oder Garten gegeben werden, wenn der Nutzer auch tatsächlich einen hat.
Über den Obi-App-Account kann man direkt im Onlineshop einkaufen. Das spielt auch bei der Beratung eine Rolle: Statt einen Berater im Baumarkt vor Ort aufzusuchen, kann man via Chat Fragen zu Reparaturen stellen und Fotos anhängen. Diese werden von den Beratern ausgewertet. Sie können Reparaturanleitungen geben oder Produkte aus dem Online-Shop empfehlen. Antworten erfolgen meist in wenigen Stunden oder am nächsten Tag. Alternativ zu Fotos und Chats können Nutzer auch einen fünfzehnminütigen Videochat für den nächsten Werktag anfragen. Aufgezeichnet und ausgewertet werden diese nur mit Zustimmung des Nutzers. Man kann auch Fotos von eigenen Designideen einschicken. Dabei schätzen die Berater ab, wie schwer das Projekt umzusetzen ist, ob die notwendigen Produkte im Shop erhältlich sind und geben Ratschläge für den Bau. Ist das Projekt nicht mit Obi-Produkten zu verwirklichen, verweisen die Berater auf die Selbstbaumöbel von Obi.

Man muss die Bretter abschleifen.
Man muss die Bretter abschleifen.Foto: Tahere Kalantary

Mit dem steigenden „Do it yourself“-Trend bieten immer mehr Baumärkte solche Baupläne mit Materiallisten zum Nachbauen an. Bei Bauhaus fallen die Anleitungen allerdings minimalistisch aus: In wenigen Schritten und in Fachjargon wird der Bau beschrieben, die Materiallisten sind allgemein gehalten. Einen Kostenrechner oder individualisierbare Modelle gibt es nicht. Hornbach hat dagegen aus dem Selbstbautrend eine eigene Marke entwickelt: Neben Anleitungen für Garten- und Hausmöbel gibt es die Buildify-Produkte – Kisten, Paletten und Gerüststangen – die für den Eigenbau gemacht sind, aber teilweise noch zugeschnitten und verschraubt werden müssen. Die Anleitungen sind übersichtlich, in einem einseitigen PDF-Dokument werden Materialien aufgelistet und skizziert, wie die Einzelteile zusammengefügt werden können.
Obi bietet auf seiner Website Bauanleitungen für Betten, Tische, Bänke, Schränke sowie Möbel für Garten und Kinderzimmer. Möbel aus Kisten, Paletten und Beton bilden eigene Kategorien. Für jedes Möbelstück gibt es eine Punktebewertung. Ein Punkt heißt: für Anfänger geeignet, fünf Punkte: nur etwas für Heimwerkerveteranen.

Der zweite Schritt: Möbelstück auswählen

Ich habe mich für das Regal Max „Ordnung“ mit 120 Zentimetern Breite, 180 Zentimetern Höhe und 20 Zentimetern Tiefe entschieden. Es besteht aus 15 verschieden großen Kiefernholzkisten. In einem 3D-Simulator kann man auswählen, welche Version man in welcher Größe und mit welchen Farben nachbauen will. Die geschätzten Gesamtkosten werden inklusive Material, Farbe und Zuschnitt in der Filiale angezeigt. Allerdings ist der Rechner nicht in jedem Fall präzise: Bei meinem Regal war der Preis ohne Farbe einen Euro teurer aus als mit. In einer Fußnote am Ende der Seite wird darauf hingewiesen, dass Bauzeit und Preis variieren können. Statt der veranschlagten 149,63 Euro kostete der Einkauf am Ende 136,38 Euro, da ich Bleistift, Lineal und Schleifklotz schon hatte.

Der dritte Schritt: Material einkaufen

Für mein Regal konnte ich mir per Mail Materialliste und Bauanleitung zuschicken lassen. Mein Tipp: Drucken Sie beides aus, Tablets und Smartphones sind nämlich sehr unpraktisch beim Bau und der Suche nach dem Material. Für den Bau des Regals hat Obi 3,75 Stunden ohne Einkauf und Pausen veranschlagt. Das ist – gelinde gesagt – sportlich. Planen Sie für Einkauf und Bau vorsichtshalber mehr Zeit ein.

Ohne Bohrmaschine geht nichts.
Ohne Bohrmaschine geht nichts.Foto: Tahere Kalantary

In einem weitläufigen Baumarkt kann sich die Suche nach bestimmten Schraubenarten langwierig gestalten. Alternativ kann man die Produkte allerdings auch im Onlineshop kaufen. Überprüfen Sie auch vorher, welche Werkzeuge Sie haben, welcher Ort als Werkstatt geeignet ist, ob Sie eine Stromquelle benötigt und wie tolerant die Nachbarn einer etwaigen Lärmbelästigung gegenüberstehen. Und: Suchen Sie sich Hilfe. Für jeden Schwierigkeitspunkt sollte ein Mithelfer eingeplant werden.

Der vierte Schritt: Sägen

Die Kisten für das Regal Max sind nicht vorgefertigt, sondern werden aus Kiefernholzbrettern selbst geschreinert. Auf der Materialliste steht, welche Teile aus den einzelnen Brettern entstehen sollen. Geben Sie die ausgedruckte Liste am besten dem Zuschnittservice in der Holzabteilung der jeweiligen Obi-Filiale und lassen Sie die Bretter dort anpassen. Achtung: An geschäftigen Tagen kann es sein, dass man bis zu einer Stunde auf den Zuschnittdienst warten muss. Und: Nicht in jeder Filiale ist der Service gratis. Ein Schnitt pro Brett gilt als „Kürzungsschnitt“ und wird nicht berechnet, weitere Schnitte können kostenpflichtig sein. Dennoch dürfte sich die Investition vor allem dann lohnen, wenn man viele Schnitte machen muss. Denn das Sägen mit einer Stichsäge macht Krach, Dreck und Arbeit.

Ob das hält: Das Regal ist krumm und schief.
Ob das hält: Das Regal ist krumm und schief.Foto: Tahere Kalantary

Zudem braucht man Schraubzwingen und einen Tisch mit sicherem Stand sowie eine Schutzbrille und ein Mundschutz. Anfänger sollten zudem die Einschätzung revidieren, dass ein grader Schnitt mit einer Stichsäge ein einfaches Unternehmen ist und in eine Führungsschiene investieren, eine Art Lineal für Stichsägen. Kleinere Fehltritte können mit einer groben Holzraspel und Schleifpapier ausgeglichen werden. Vom Zuschnitt mit einer manuellen Säge ist bei 60 Schnitten dringend abzuraten.

Und dann: Schritt: Bohren, Schrauben, Streichen

Sind die Bretter zugesägt sind, ist der restliche Aufbau zwar zeitaufwändig, aber auch für Anfänger zu schaffen. Bevor die Bretter zu Kisten verschraubt werden können, müssen die Löcher für die Schrauben vorgebohrt werden. Die einzelnen Bretter werden mit Schleifpapier glatt geschmirgelt und können dann mit der Farbe angestrichen werden. Nachdem die Farbe getrocknet ist, können die Bretter verschraubt werden. Bevor die Kisten zum endgültigen Regal zusammengefügt werden, sollte man sie zunächst in der gewünschten Form arrangieren und die Löcher für die Schrauben markieren. Das Schrauben selbst ist problemlos, wenn man darauf achtet, dass die Kisten exakt aufeinander aufsitzen. Das Regal kann zwar alleine stehen, sollte aber in jedem Fall an der Wand befestigt werden.

Das fertige Regal: Etwas schief, aber selbst gemacht.
Das fertige Regal: Etwas schief, aber selbst gemacht.Foto: Tahere Kalantary


Ein Vorteil der Selbstbaumöbel: Sie bestehen aus Vollholz, das sonst nur beim Möbelbau in höherpreisigen Segmenten verwendet wird. Durch das Holz wirkt das Regal edel und stabil. Ob es aber wirklich stabil ist, hängt von dem eigenen Geschick ab. Vollholzmöbel sind viel schwerer als Spanplatten. Tipp: Wenn Sie umziehen wollen, bauen Sie das Möbelstück erst nach dem Umzug.

Fazit: Es macht Spaß, mit eigenen Händen etwas zu bauen. Allerdings sollte man auch nicht unterschätzen, welcher Frust entsteht, wenn man statt der veranschlagten vier Stunden tatsächlich acht benötigt. Wer sich an die Anleitung hält und genügend Mithelfer hat, kann allerdings über den Regalbau neue handwerkliche Fähigkeiten erlernen. Und mit diesen steht das nächste Regal dann vielleicht sogar gerade.

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