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Ticketbörse : Viagogo vor Gericht verurteilt

Wenn Konzerte oder Fußballspiele ausverkauft sind, hilft nur noch einer: Viagogo. Aber Verbraucherschützer warnen vor dem Portal.

Laurin Meyer
Superstar Ed Sheeran: Doch Kunden, die ihr Ticket über Viagogo gekauft hatten, mussten im vergangenen Sommer beim Konzert des Singer-Songwriters im Berliner Olympiastadion draußen bleiben.
Superstar Ed Sheeran: Doch Kunden, die ihr Ticket über Viagogo gekauft hatten, mussten im vergangenen Sommer beim Konzert des...Foto: imago/POP-EYE

Die Lieblingsband einmal live zu erleben, ist gar nicht so leicht. Das bekamen zuletzt die Fans der Rockband Rammstein zu spüren. Deren Konzerte für das laufende Jahr waren nämlich nach vier Stunden ausverkauft, der lizenzierte Online-Ticketverkäufer Eventim verzeichnete Zehntausende Anfragen pro Sekunde – zu viel für die Server des Portals.

Wie gut, dass es Online-Ticketbörsen gibt, auf denen Privatpersonen noch einzelne Restkarten veräußern wollen, dürfte man meinen. Verbraucherschützer warnen jedoch schon länger vor den Maschen der Betreiber.

Den Onlinemarktplatz Viagogo, die nach eigenen Angaben weltgrößte Ticketbörse, hatte die Verbraucherzentrale Bayern wegen seiner Geschäftspraktiken vor dem Landgericht München verklagt - und jetzt einen Erfolg erzielt. So darf die Plattform nicht mehr länger damit werben, dass die Lieferung „gültiger Tickets“ garantiert wird, wenn das Ticket in Wirklichkeit kein Recht zum Besuch der Veranstaltung verschafft. Außerdem muss Viagogo seinen Kunden künftig die Identität und Anschrift der Ticketverkäufer offenlegen.

So arbeitet Viagogo

Offizielle Vorverkaufsstelle oder Online-Marktplatz? „Vielen ist gar nicht klar, dass Viagogo eine Ticketbörse und kein Ticketverkäufer ist“, sagt Tatjana Halm, Referatsleiterin bei der Verbraucherzentrale Bayern, die die Kundenbeschwerden sammelt. Viagogo vermittelt lediglich zwischen privaten Verkäufern und Käufern. Weil aber die Ticketbörse nicht angibt, wer der Verkäufer ist, hätten Kunden den Eindruck, sich auf einer offiziellen Kartenverkaufsseite zu befinden, beklagt Halm. Wer das Geschäftsmodell verstehen will, werde erst in den Geschäftsbedingungen fündig.

Wie viel teurer die Viagogo-Tickets verglichen mit dem Originalpreis sind, hat die Verbraucherzentrale am Beispiel der Stadt München untersucht. Durchschnittlich kosteten Eintrittskarten für Veranstaltungen im April und Mai dort fast das Dreifache, besonders gefragte Konzerte waren teilweise achtmal so teuer.

Die Karten werden immer teurer

Die Verbraucherzentrale beklagt vor allem die Intransparenz beim Preis. Denn während des Buchungsprozesses werden zum beworbenen Preis noch verschiedene Gebühren aufgeschlagen. Wer sein Ticket geliefert bekommen möchte, zahlt durchschnittlich 15 Euro mehr. Für ein elektronisches Ticket verlangt die Plattform gut sechs Euro zusätzlich. Später berechnet Viagogo noch Buchungsgebühren und die Mehrwertsteuer.
Das Ergebnis: Kurz vor der Buchung war ein Ticket dann durchschnittlich über 50 Prozent teurer als noch zu Beginn. „Verbraucher sind bei Viagogo einer preislichen Willkür ausgeliefert“, sagt Halm. „Dabei ist nicht ersichtlich, wer von diesem Preisaufschlag profitiert, weil die Verkäufer anonym bleiben.“

Wer steckt dahinter?

Verbraucherschützer und Politiker haben aber einen Verdacht: Hinter den Verkäufern könnten nicht nur Privatpersonen stehen, sondern professionelle Ticketbroker. Diese kaufen kurz nach Verkaufsstart große Bestände von lizenzierten Vorverkaufsstellen auf, um das Angebot künstlich zu verknappen – und anschließend teurer zu verkaufen. „Es gibt zwar keine belegbaren Zahlen“, räumt Halm ein, „es spricht aber einiges dafür.“ Die Broker sollen dabei auch auf automatisierte Programme zurückgreifen. Fans bleibe dadurch kaum eine Chance, die Eintrittskarten zum Originalpreis zu bekommen.

Die SPD will das Treiben der Profihändler und Ticketbörsen jetzt aber per Gesetz unterbinden. „Wir müssen härter gegen die Abzocke von Viagogo vorgehen“, sagte der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, der „Welt am Sonntag“. Er will eine vom Europäischen Parlament verabschiedete Richtlinie schnell ins deutsche Recht übernehmen. Demnach dürften Ticketbroker dann nicht mehr mithilfe von Computerprogrammen massenhaft Tickets bestellen, um diese auf Online-Börsen weiterzuverkaufen.

Der schnelle Kauf

Damit Verbraucher die Tickets auch zu den deutlich höheren Preisen kaufen, haben sich die Plattformbetreiber einiges einfallen lassen. Hinweise wie „verkauft sich schnell“ oder „nur noch wenige Tickets verfügbar“ sollen die Verbraucher zum schnellen Kauf bewegen, erklärt Halm. Außerdem blinken während der Buchung kleine Fenster auf, die dem Nutzer in Echtzeit mitteilen, wie viele andere Seitenbesucher sich für dasselbe Ticket interessieren. „Da wird extrem viel Druck aufgebaut“, sagt Halm.

Viele Kunden lassen sich zum Kauf verleiten, statt bei weiteren Anbietern zu suchen. „Dabei sind Tickets teilweise noch im Originalverkauf verfügbar“, weiß Halm. Erschwerend komme hinzu: Bei Tickets haben Kunden kein Widerrufsrecht. Einmal gekauft, können die Eintrittskarten nicht zurückgegeben werden.

Wer trotz allem ein Ticket für ein Konzert der Lieblingsband ergattert hat, sollte sich nicht zu früh freuen. Immer wieder beklagen Käufer nämlich, dass Tickets viel zu spät oder gar nicht ankommen, weiß die Verbraucherzentrale Bayern. Außerdem würden manchmal Karten für Veranstaltungen angeboten, die es gar nicht gibt. Und auch Tickets für Fußballspiele, deren Termin noch nicht feststeht, sind laut Verbraucherschützern auf der Ticketbörse zu finden.

Viagogo weist diese Vorwürfe auf Tagesspiegel-Anfrage zurück. Kunden würden erst bezahlen, wenn sie die Tickets benutzt haben. Daher gebe es keinen Anreiz für Verkäufer, Fakekarten anzubieten. Zudem hebt Viagogo seine Garantie hervor: Man garantiere die rechtzeitige Lieferung. Sollte das ausnahmsweise mal nicht klappen, stelle man ein anderes Ticket zur Verfügung oder erstatte die Kosten in voller Höhe. Verbraucherschützer überzeugt das nicht: Die Ticketbörse behält sich das Recht vor, Ersatztickets nach eigenem Ermessen auszuwählen. Somit könnte es passieren, dass Verbraucher nicht die bestellten, sondern Tickets für andere Tage oder andere Plätze bekommen.

Superstars Rammstein: Auch diese Band lässt keine über Viagogo gekauften Tickets zu.
Superstars Rammstein: Auch diese Band lässt keine über Viagogo gekauften Tickets zu.Foto: dpa

Kein Eintritt – trotz Tickets

Millionen Kunden würden jedes Jahr die Plattform nutzen, sagt Viagogo. „Es ist unser Ziel, unsere Informationen so klar wie möglich zu machen“, heißt es auf Nachfrage. Außerdem seien Einkäufe von Kunden stets freiwillig.
Doch auch die Veranstalter wehren sich gegen das Geschäft. Immer häufiger personalisieren sie ihre Tickets. Auf den Karten ist dann der Name des Käufers gedruckt, hinein kommt nur, wer seinen Personalausweis vorzeigt. Das mussten im vergangenen Sommer auch Hunderte Fans des britischen Pop-Sängers Ed Sheeran feststellen. Ihnen soll der Eintritt zum Konzert im Berliner Olympiastadion verweigert worden sein, weil sie personalisierte Karten über Ticketbörsen gekauft hatten. Die Rockband Rammstein hat gegen Viagogo sogar eine Einstweilige Verfügung erreicht, die einen Weiterverkauf von Tickets eigentlich verbietet. Nur umgesetzt hat sie die Ticketplattform noch nicht. Wer will, bekommt dort immer noch Karten – für 400 Euro und mehr.

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