Welt : Das rechte Maß

Der Streit zwischen Martina Gedeck und Florian Henkel von Donnersmarck hat eine kleine Vorgeschichte

Rüdiger Suchsland

Vor einer Woche gewann Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Werk „Das Leben der Anderen“ den dritten „Auslands-Oscar“ der Filmgeschichte für einen deutschen Streifen. Doch nach der ersten Freude mischen sich zunehmend auch kleinere Misstöne in die Nachricht über den Preis. Die Meldung, dass der Regisseur die Hauptdarstellerin Martina Gedeck nicht mit zur Oscar-Verleihung nimmt und statt dessen seine Frau teilhaben lässt, verursachte in der Öffentlichkeit erhebliche Irritationen.

Dass es schon länger hinter den Kulissen Ärger gegeben hatte, ging unter. Dabei ist es in der deutschen Filmbranche schon seit mehr als einem Jahr ein offenes Geheimnis, dass sich der selbstbewusste Regisseur kräftig mit seiner Hauptdarstellerin Martina Gedeck gestritten hatte. Augenzeugen, die bei den Dreharbeiten dabei waren, erzählen von offenen Disputen am Set. Und schon bei den Vorbesprechungen zu den Dreharbeiten kam es zu Auseinandersetzungen. Gedeck, immerhin eine der bekanntesten deutschen Darstellerinnen, war offenbar nicht sehr erbaut darüber, dass ihr Regisseur so gar keine Rücksicht auf ihre Ansichten bezüglich ihrer Rolle in „Das Leben der Anderen“ genommen hatte. Weil Henckel von Donnermarck sich über alle Bedenken der Hauptdarstellerin diskussionslos hinweggesetzt hatte, machte Gedeck ihre Ansichten eben zum Filmstart vor einem Jahr öffentlich: „Im deutschen Film sollen Frauen möglichst brav sein und kleine Mädchen. Die Reduktion auf Hure oder Heilige ist doch langweilig!“ erklärte sie damals im Tagesspiegel-Interview, und verwies auf „dieses Moralinsaure“; darauf, dass der von ihr gespielten Frau etwas passieren muss, „damit die Katharsis des Mannes in Gang kommt und er sich verwandelt, ewig leidet und Reue empfindet. … Ich habe in den Vorbesprechungen gesagt: Vorsicht mit der Opferrolle.“ Auch von den inszenatorischen Fähigkeiten von Donnersmarcks ist Gedeck offenkundig weniger überzeugt, als der Regisseur selbst: „Zunächst mal ist er Anfänger“, sagte sie und beschrieb ihn distanziert: „Er ist sehr ehrgeizig, bedenkt alles und scheint Schauspieler zu bewundern. Und er ist stur.“

Das hörte der Regisseur nicht gern. Seine Rache ereilte Gedeck, als er sie nicht zur Oscar-Verleihung einlud und die ihm zustehenden Sitzplätze seiner Frau, Ulrich Mühe und Sebastian Koch gab. Als er dann drei Tage vor der Verleihung gönnerhaft sagte, er habe noch eine fünfte Karte für Frau Gedeck besorgen können, war es sichtlich zu spät. Aber Martina Gedeck ist nicht die Einzige, mit der es knirschte. Auch die Produzenten des Films, Max Wiedemann und Quirin Berg, mussten sich ihre Einladungskarten selbst kaufen – auch zu ihnen hat sich das Verhältnis merklich abgekühlt. Während Gedeck nur lässig kommentierte: „Herr Donnersmarck setzt Prioritäten, würde ich sagen“, wurde Donnersmarcks Einladepolitik von neutralen Beobachtern als kleinlich und unsouverän kritisiert. Immerhin entsteht kein Film als One-Man-Show, und der damalige Filmhochschüler hatte das Geld für sein Debüt überhaupt erst zusammenbekommen, als er mit der Zusage seiner hochkarätigen Darsteller aufwarten konnte. Gewiss hat Gedecks Name dann auch einiges zum Kassenerfolg des Films beigetragen. Und gerade in Amerika ist die Schauspielerin spätestens seit dem dortigen Überraschungserfolg ihrer Rolle als „Bella Martha“ eine Bank, die auch beim Oscarmarketing geholfen hat. Und ganz aktuell spielt sie als einzige Deutsche in dem Robert-DeNiro-Film „Der gute Hirte“ mit – auch ein Indiz für die Bekanntheit und Anerkennung der Darstellerin in den USA.

Wer den Oscar gewinnt, hat recht, könnte man zwar sagen – aber ist es wirklich angemessen, diesen Galaauftritt des deutschen Films nach Gutsherrenart wie eine Privatveranstaltung zu verwalten?

Martina Gedeck konterte wiederum vor wenigen Wochen im „Stern“ auf die Enttäuschung: „Das Leben der Anderen“ habe gute Oscar-Chancen, meinte sie da maliziös, denn „ein Märchen verkauft sich gut“. Der Film habe schließlich eine „amerikanische, auslandskompatible Dramaturgie, all diese wunderbaren Black-and-White-Ingredienzien, die die Amerikaner so lieben“.

Auch sonst hat der neue Oscarpreisträger in der deutschen Filmbranche nicht nur Freunde. Schon vor der Auszeichnung mokierten sich viele hinter vorgehaltener Hand über seine öffentlichen Auftritte, überlange Reden und von Donnersmarcks auftrumpfendes Selbstbewusstsein, das von vielen als Arroganz gedeutet wird. So oder so ist von Donnersmarck jedenfalls ein Preisträger, der stilistisch deutlich andere Akzente setzt, als etwa Volker Schlöndorff, der als erster Deutscher den Preis gewann, und in seiner Rede an deutsche Film-Emigranten wie Fritz Lang erinnerte, die nach 1933 in Hollywood Zuflucht gefunden hatten. Von Donnersmarck bedankte sich stattdessen beim mächtigen Sony-Vertrieb, der für die effektive Marketingkampagne der letzten Wochen verantwortlich war – und bei Arnold Schwarzenegger.

Kritische Stimmen gab es seit dem Filmstart auch zum Film – und durchaus auch unter bekannten deutschen Filmemachern. Sie zielen auf die Kolportageelemente des Stoffes und Geschichtsklitterungen – denn einen Stasi-Major, der wie im Film unter der Hand die Seiten wechselte, und zum „guten Menschen“ wurde, hat es tatsächlich nie gegeben. Andere Vorwürfe wiegen schwerer: Besonders übel nahmen viele dem Regisseur die Skandalisierung der möglichen Vergangenheit als Stasi-IM von Jenny Gröllmann, der früheren Ehefrau des Hauptdarstellers Ulrich Mühe als Bestandteil des Marketings zum Filmstart. Im Begleitbuch zum Film hatte der Schauspieler erklärt, Gröllmann habe „bei der Staatssicherheit als IM gearbeitet“, und umfangreich seine Not und Erschütterung beschrieben – der Darsteller des Stasi-Spitzels stellte im Interview also offensiv seine persönliche Kränkung und seinen Status als Opfer heraus, wie er erklärte, auch aus Furcht, seine Verbindung zu seiner ehemaligen Frau würde seinem Ruf und seiner Karriere schaden. Jenny Gröllmann allerdings widersprach, warf Mühe Rufschädigung vor und erklärte, sie habe nie bewusst als Stasi-IM gearbeitet, sondern sei selber benutzt worden. Außerdem erwirkte sie in einer einstweilige Verfügung gegen Mühe, dass seine Behauptungen im Begleitbuch zum Film zu schwärzen sind. Einen unangenehmen Beigeschmack bekam die Affäre dadurch, dass Gröllmann zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lebensbedrohlich an Krebs erkrankt war. Inzwischen ist sie verstorben.

In Erinnerung ist auch die Talkshow „3 nach 9“, in der von Donnersmarck zusammen mit Volksbühnendarsteller Henry Hübchen („Alles auf Zucker!“) auftrat. Der hatte sich erlaubt, öffentlich über „Das Leben der Anderen“ zu äußern, der Film würde die Stasi romantisieren – worauf ihm von Donnersmarck in einem längeren Monolog kurzerhand das Recht absprach, sich zum Thema zu äußern. Hübchen habe in jener Zeit wohl eher „auf dem Surfbrett gestanden“. Auch später fehlte alle Einsicht, Donnersmack meinte auf seiner Website nur: „Sicher, ich hätte sanfter sein können mit Henry Hübchen.“ Jede einzelne Geschichte mag für sich genommen nur eine Anekdote sein. Lässt man sie in der Gesamtschau Revue passieren, wird das Bild eines Regisseurs erkennbar, der in dem ganzen Rummel um sich und seinen Film manchmal Takt und Maß vermissen lässt.

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