Sexismus in Berlin : „Jetzt geht es doch wieder nur um euch, Männer“

Ein abstoßendes Plakat, eine zu erotische Stimme und ein irritierter Türsteher: Szenen aus einem Berlin nach #MeToo.

Lilo Sommer Timo Wend
Geschmacksfrage. Die Bierwerbung im Schaufenster eines Kreuzberger Getränkemarkts soll lustig sein.
Geschmacksfrage. Die Bierwerbung im Schaufenster eines Kreuzberger Getränkemarkts soll lustig sein.Foto: Mike Wolff

Alte Welt

Samstagmorgen in Kreuzberg, bei Getränke Lehmann an der Hasenheide hängt ein Plakat im Fenster, das einen nur mit Hotpants bekleideten Frauenhintern zeigt. Bierwerbung. Schlagzeile: „Neu: Der Astra Tatsch-Screen.“ Eine Kundin wendet sich an den Verkäufer. Nach den Übergriffen in der Neujahrsnacht am Kölner Hauptbahnhof vor zwei Jahren sei so ein Plakat doch voll daneben, sagt sie. Im Sommer habe sie schon mal darum gebeten, es abzuhängen. Wenn es nicht bald wegkomme, mache sie ihre Einkäufe künftig woanders. Der Verkäufer antwortet, dann wünsche er ihr einen schönen Einkauf woanders.

Ein zweiter Angestellter mischt sich ein. Das Plakat komme ganz bestimmt nicht weg. Sie sei erst die Zweite, die sich beschwere. Der Rest fänd’s lustig. Die Kundin will eine Frau in der Kassenschlange nach deren Meinung fragen, da stellt sich einer der Verkäufer dazwischen. „Wir woll’n hier doch keine Rebellion anzetteln!“, sagt er.

Das Plakat hängt noch immer da. Ausgerechnet in Kreuzberg, dem Bezirk, der eigens eine Arbeitsgruppe gegen sexistische und frauenfeindliche Werbung unterhält. Es bewirbt Astra-Bier, Sponsor des Fußball-Clubs St. Pauli, der sich in seinen Stadionstatuten ausdrücklich gegen Homophobie und Sexismus ausspricht.

Schon verstanden: Die Werbekampagne für Astra ironisiert das Sex- und Gewalt-Geprotze des Hamburger Kiezes. Manche Motive sind lustig. Das Bier, das zuvor ein ähnliches Image wie Schultheiss hatte, wird seitdem in Szenekneipen getrunken. Doch ohne Kenntnis dieser Kampagnen ist das Plakatmotiv im Getränkemarkt-Schaufenster eine Ermunterung zur Übergriffigkeit.

Sie habe Verständnis dafür, sagt die Kundin, dass Männer weniger sensibel für Sexismus sind, weil sie selbst in keine heiklen Situationen geraten. Deshalb ihr Hinweis. Mit einer solchen Kaltschnäuzigkeit hat sie in Zeiten von #MeToo, in denen sich Männer in der Regel öffentlich einsichtig zeigen, nicht gerechnet.

Männerfantasie

Früher Abend auf der Oranienstraße. Sie radelt mit ihrem Freund von der Arbeit nach Hause. An der Ampel kurbelt jemand ein Autofenster herunter, und ohne jede Vorwarnung packt ihr eine Männerhand an den Hintern. Sie weiß nicht, worüber sie mehr erschrickt. Über den ungenierten Übergriff oder weil sie nur knapp verhindern kann, mitsamt dem Rad auf den Asphalt zu krachen. Ihr Freund fährt hinter ihr. Er hat das alles gesehen. Er sagt nichts. Später streiten die beiden.

Sie will ihm erklären, warum sie nicht geschrien hat. Warum sie einfach weitergefahren ist. Er ist wütend, auf den Grabscher, aber viel mehr noch: auf sich. Und auch auf sie. Weil er denkt, sie habe von ihm erwartet, dass er den Typ zur Rede stellt. Dass er ihn verprügelt. Er glaubt, sie hielte ihn jetzt für unmännlich. Sie wünsche sich einen Freund, der sich in Gefahr begibt für sie.

Sie spürt seine Wut und schweigt. Dabei hatte sie sich vorgenommen, ihm zu erklären, wie das ist, wenn man auf einer Party seinen Weg zum Klo dananch wählt, wo die vermutlich harmloseren Typen rumstehen. Wie es sich anfühlt, in einer vollen U-Bahn unsichtbar sein zu wollen. Warum sie sich nicht wehrte, als ihr ein Kollege an die Brust fasste. Er denkt nur daran, was er gerade für ein Versager war. Weil er den Typ nicht zu Boden geschlagen hat. Sie spürt den Groll ihres Freundes, doch warum denn auf sie? Sie will ihm berichten, wie sie mal das Zugabteil wechselte, weil einer vor ihr zu onanieren begann.

Sie erwartet nicht, dass er das alles weiß. Und erst recht nicht, dass er irgendwen vermöbelt. Sie wünscht sich, dass er fragt, und dass er zuhört. „Jetzt geht es doch wieder nur um euch, Männer.“, sagt sie, als sie endlich versteht, woran er die ganze Zeit dachte.

Kündigungsgrund

Diese Berlinerin kann die Sorge der 100 Französinnen, darunter Catherine Deneuve, dass #MeToo einen neuen Puritanismus befördere, verstehen. Sie hat ihn erlebt. Zum Beispiel: 13, 14 Jahre alt wird sie gewesen sein, Klosterschülerin. Sie trug ein T-Shirt mit einem kleinen V-Ausschnitt, der sich mit Schnüren zuziehen ließ, wie es damals Mode war. Eine Ordensschwester griff die Enden des Bandes, um den Ausschnitt weiter zu schließen. Dabei zischte sie in angewidertem Ton: „Sex, Sex, Sex…“.

Mehr zum Thema

Jahrzehnte später wird ihr als Nachrichtensprecherin von ihrem Chef gekündigt, weil ihre Stimme zu erotisch sei. In diesen Wochen liest man immer von Männern, die ihre Macht nutzen, um Erotik zu erzwingen. Das Gegenteil, sieht man hier, kommt auch vor.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

50 Kommentare

Neuester Kommentar