zum Hauptinhalt
Riskant. Wer sein Geld auf junge Firmen setzt, verliert in 20 Prozent der Fälle alles.

© Jonas Hamers/Reporters/laif

Noch gibt es in Deutschland viel zu wenig Venture Capital. Bundeskanzlerin Merkel will sich der Sache nun annehmen.

Mit Glück, sagt Fabian Heilemann, habe das nichts zu tun. Viel mehr mit professioneller Vorbereitung. „Wir haben mit vielen Leuten gesprochen, nach den Stärken und Schwächen einzelner Investoren gefragt“, sagt der Gründer des Gutschein- Portals Daily Deal. „Dann haben wir ein Ranking erstellt von den Geldgebern, mit denen wir am liebsten zusammenarbeiten wollten.“ Und die ganz oben auf der Liste haben Fabian Heilemann und sein Bruder Ferry überzeugt, dass sie ein ausgezeichnetes Team sind, eine Spitzenidee haben und dazu jetzt noch den richtigen Investor brauchen. 2009 traten sie auf einer Konferenz an den Unternehmer Stefan Glänzer heran, stellten sich und ihre Idee kurz vor. „Dann haben wir ihm gesagt: Wir wollen dich gerne als Business Angel gewinnen. Wenn du uns als Unternehmer-Team interessant findest, dann sag’ es jetzt und dann präsentieren wir dir so bald wie möglich den Business-Plan.“

Dann ging alles sehr schnell: Im Januar 2010 floss ein sechsstelliger Betrag, im Februar eine Finanzspritze in Millionenhöhe. Im April und Juni investierten Risikokapitalgeber aus Luxemburg und den USA weitere Millionen. Sie haben ihr Geld gut angelegt. Im September 2011 übernahm Google das Berliner Start-up Daily Deal für 114 Millionen Dollar.

Seit dem Jahr 2000 hat es in Deutschland keine so lebendige Gründerszene mehr gegeben wie jetzt. Vor allem in Berlin boomt es. Doch während der Konkurrenz aus den USA viele finanzstarke Risikokapitalgeber (Venture Capital, kurz: VC) zur Seite stehen, haben es junge deutsche Firmen mit der Wachstumsfinanzierung schwerer. Die Finanzierungsgeschichte von Daily Deal ist daher ungewöhnlich und typisch zugleich. Außerordentlich ist das Tempo. Typisch ist, dass die ersten Mittel aus Deutschland kamen, das große Geld aber aus den USA. „Am Anfang ist es relativ einfach, an Geld zu kommen“, sagt Joel Kaczmarek, Chefredakteur des Internetportals Gründerszene, selbst ein Start-up aus Berlin. „Aber es gibt hier nur sehr wenige Geldgeber, die schmerzfrei eine Finanzierung über fünf Millionen Euro stemmen.“

Die Finanzierung eines typischen Internet-Start-ups verläuft über mehrere Phasen. Geld von der Bank gibt es in der Regel nicht, da die jungen Firmen ohne Umsatz und oft noch ohne fertiges Produkt nicht kreditwürdig sind. Los geht es also mit Erspartem, Geld von Familie und Freunden. Dann kommen Business Angels hinzu, erfahrene Unternehmer, die Geld und Rat geben. „In der Szene unterscheidet man zwischen dumb und smart Money“, sagt Kaczmarek. „Die einen geben nur Geld, die anderen bringen Erfahrung und Kontakte mit ein, denn ein funktionierendes Netzwerk ist für ein junges Unternehmen der Schlüssel zum Erfolg.“

In der Frühphasenfinanzierung (Seed Capital) geht es um Summen von 100 000 bis 500 000 Euro. In den weiteren Finanzierungsrunden kommen Venture Capital ins Spiel. Die Gesellschaften legen Fonds zu bestimmten Branchen auf, sammeln Geld bei institutionellen Investoren ein und reichen es an junge Firmen weiter. So wird das Risiko gestreut.

2011 flossen in Deutschland knapp 690 Millionen Euro Risikokapital

Götz Hoyer von FHP Private Equity Consultants, der Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter in ihrer Anlagestrategie berät, hat eine gewisse Aufbruchstimmung bei den Risikokapitalgebern beobachtet. Aber auch er sagt: „Einen neuen Fonds in Deutschland aufzulegen, das war schon immer schwierig.“ Dafür nennt er verschiedene Gründe. Derzeit bringe die breite Masse der Investitionen nicht die gewünschte Rendite. 20 Prozent sollten es schon sein, denn das Risiko ist hoch und die Kapitalbindung lang – in der Regel bleiben VCs fünf bis sieben Jahre in einem Unternehmen. Im Schnitt scheitern 20 Prozent der Start-ups. Hinzukomme, dass sich Venture Capital als Anlageklasse in Deutschland nie richtig etabliert habe. „Viele Investoren haben sich beim Platzen der New-Ecomomy-Blase die Finger verbrannt und sind deswegen mit dem Thema durch“, sagt Hoyer. Heute sind es oft Unternehmen oder die Verwalter vermögender Familien, die Risikokapital geben. Dagegen fehlen wichtige Investorengruppen, die etwa in den USA für große Teile des Venture Capitals stehen: finanzstarke Pensionsfonds und Stiftungen. So kommt es, dass 2011 in Deutschland knapp 690 Millionen Euro Risikokapital flossen, also 0,027 Prozent der Wirtschaftsleistung. In den USA waren es 28,7 Milliarden Dollar und damit 0,2 Prozent.

Die Risikokapitalgeber führen außerdem an, dass sie wegen der Rahmenbedingungen in Deutschland international Wettbewerbsnachteile haben. So werden etwa in Frankreich private Investitionen in Risikokapital steuerlich begünstigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Kritik vernommen und trifft sich am Montag zu einem Internetgipfel mit Unternehmern und Investoren im Kanzleramt.

Doch am knappen Kapital liegt es nur zum Teil, dass keine Firmen wie Amazon, Facebook oder Google aus Deutschland kommen. So erhält zum Beispiel Roger Bendisch 300 Unternehmenskonzepte pro Jahr. „Aber nur zehn Prozent sind beteiligungsfähig“, sagt der Geschäftsführer der IBB Beteiligungsgesellschaft. Der Rest fällt durch wegen schlechter Marktrecherche, undurchdachtem Vertriebskonzept oder schlicht mangelhaftem Management. Professionelle Vorbereitung ist also tatsächlich ein Baustein zum Erfolg.

Zur Startseite