Berliner Handwerk : Erstmals eine Frau an der Spitze

Nach 16 Jahren tritt Stephan Schwarz als Präsident der Handwerkskammer ab. Nachfolgerin Carola Zarth betreibt eine Kfz-Werkstatt in Charlottenburg.

Stephan Schwarz führte 16 Jahre lang die Handwerkskammer Berlin.
Stephan Schwarz führte 16 Jahre lang die Handwerkskammer Berlin.Foto: Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Stimmung war miserabel im Handwerk, als Stephan Schwarz und Wolfgang Clement im Februar 2003 im Tempodrom auftraten. Der junge Berliner Firmenchef wurde gefeiert und der Wirtschaftsminister beinahe von den aufgebrachten Unternehmern von der Bühne gebrüllt. So war das damals in Krisendeutschland – Lohnnebenkosten, Bürokratie und Zahlungsmoral machten den Handwerkern neben der schwachen Konjunktur zu schaffen.

Schwarz sprach auf Einladung des Berliner Handwerkspräsidenten Hans-Dieter Blaese auf der Kundgebung, und er machte seine Sache so gut, dass er ein paar Monate später dessen Nachfolger wurde. Ein 38-jähriger studierter Philosoph und Historiker löste den 73-jährigen Blaese ab. Es ist gut gegangen.

GRG wird 100 Jahre alt

Schwarz hatte nach dem plötzlichen Tod des Vaters 1996 die Leitung des Familienunternehmens übernommen. Gemeinsam mit seinem Bruder entwickelte er die GRG-Services rasant, in manchen Jahren wurden 500 Leute eingestellt. Heute beschäftigt der Gebäudedienstleister rund 4200 Mitarbeiter und feiert 2020 den 100. Geburtstag. Der Chef hat nun ausreichend Zeit zur Vorbereitung der Feierlichkeiten: Am Freitag wird Schwarz vom Präsidenten des deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller im Meistersaal verabschiedet.

„Das Handwerk hat heute ein anderes Standing in der Berliner Stadtgesellschaft“, sagt seine Nachfolgerin Carola Zarth über Schwarz, der mehr als 16 Jahre dem Handwerk Stimme und Gesicht gab. Bereits an diesem Mittwoch wird die Kfz-Unternehmerin zur Präsidentin gewählt. Zarth ist die erste Frau an der Spitze der Berliner Handwerkskammer.

Schwarz und Schweitzer spielten zusammen

Piefig und träge, konservativ und immer ein wenig hinterm Baum – das verbreitete Image der Handwerker passte so gar nicht zu dem jungen Intellektuellen, der auch in den Jahren im Amt nicht zum schnöden Funktionär wurde. „Ein Glücksfall“ sei er gewesen, sagt IHK-Chef Jan Eder über den „Menschenfänger“ Schwarz. Eder muss es wissen, denn die Zusammenarbeit der beiden Kammern war noch nie so intensiv gewesen wie in den Jahren von Schwarz und Handwerksgeschäftsführer Jürgen Wittke auf der einen und Eder sowie IHK-Präsident Eric Schweitzer auf der anderen Seite.

Mit Studien und Initiativen, zum Beispiel zur Berliner Verwaltung, zur Industrie- und Flächenpolitik oder zuletzt zum Schulbau, haben sich die Kammern als wirtschaftspolitischer Akteur und Dampfmacher profiliert. Schwarz wurde auch noch Vizepräsident der IHK – und trat vor fünf Jahren von diesem Amt zurück, als ihm der Umgang von Schweitzer mit der damaligen Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer missfiel. Der Fall macht den Einfluss der Kammern deutlich.

Senatorin Yzer legte sich mit der Messe an

Yzer hatte sich verrannt im Streit um die Spitze der landeseigenen Messe Berlin , die in den Zuständigkeitsbereich der Wirtschaftsverwaltung fällt. Die Senatorin wollte den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Kamp loswerden und Messe-Chef Christian Göke am besten gleich mit. Eder, auch Mitglied des Messe-Aufsichtsrats, positionierte sich mit Schweitzer an der Seite von Kamp/Göke. Schwarz vermittelte dann einen Kompromiss, über dessen Zustandekommen Vertraulichkeit vereinbart wurde – die dann jedoch von Yzer und Schweitzer gebrochen wurde. Schwarz sah seine Glaubwürdigkeit beschädigt – und trat zurück vom Ehrenamt bei der IHK. Der Freundschaft der Kammerherrn hat das nicht geschadet: Schwarz und Schweitzer, Eder und Göke fahren noch immer gemeinsam Ski.

Der Handwerkspräsident gehörte vor fünf Jahren zu den Mitbegründern von Arrivo, dem Berliner Integrationsprojekt. In seinem eigenen Unternehmen beschäftigt Schwarz inzwischen Personal aus mehr als 100 Nationen. Walter Schwarz, der Großvater von Stephan, hatte die Firma 1920 in Kreuzberg gegründet und nannte sie später GRG – Großberliner Reinigungsgesellschaft. Der Mauerbau traf auch die GRG hart – mit einem Schlag war ein Drittel der Mitarbeiter weg.

Überall fehlt Personal

Heute kämpfen wir um Mitarbeiter, nicht um Kunden“, bringt Schwarz den aktuellen Fachkräftemangel auf den Punkt. Mit Schulpartnerschaften und immer neuen Kampagnen wirbt das Handwerk für sich. Noch niemals zuvor ging es den Betrieben so gut wie heute – wenn bloß die Personalprobleme nicht wären.

Vielleicht strahlt ja die die neue Präsidentin stärker aus auf die Jugend – vor allem auf junge Frauen, die im Handwerk noch immer unterrepräsentiert sind. Carola Zarth, wie Stephan Schwarz im Jahr 1965 geboren, Groß- und Außenhandelskauffrau, stieg 1984 in das Familienunternehmen ein, das 1930 von ihrem Großvater Franz Holtz gegründet worden war. Zehn Leute arbeiten heute in der Kfz-Werkstatt in Charlottenburg.

Zarth ist Mitglied der CDU

Zarth ist seit langem auf diversen Feldern engagiert. 1991 gründete sie den Landesverband der „Unternehmerfrauen im Handwerk in Berlin“. Auch politisch ist sie präsent. Zu Zeiten eines Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker in Berlin schloss sie sich 1983 der CDU an, für die sie 2016 (vergeblich) für das Abgeordnetenhaus kandidierte.

Sie kennt das Handwerkermilieu gut und die Kammer auch, deren Vorstand sie seit einigen Jahren angehört. Als „liberal-konservativ“ beschreibt sich Carola Zarth, so, wie man sich das Berliner Handwerk mit seinen 30 000 Betrieben und 200 000 Beschäftigten vorstellt. Der bunte Vogel Stephan Schwarz flattert künftig woanders rum – er will sich aber auch weiterhin ehrenamtlich engagieren.

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