Besorgte Betriebe : Wie es in Deutschland um die duale Ausbildung steht

Viele Betriebe finden keine Azubis. Die deutschen Unternehmen brauchen Geflüchtete, digitalaffine Jugendliche und modernere Berufsschulen.

Die duale Ausbildung gewinnt wieder an Wert.
Die duale Ausbildung gewinnt wieder an Wert.Foto: dpa

Der Azubi aus Syrien wird in immer mehr Betrieben zur Normalität. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bildet fast jeder Fünfte jemanden aus, der in den letzten Jahren seine zerstörte Heimat verlassen musste. Im Vorjahr waren es 14 Prozent, vor zwei Jahren sieben Prozent. Umgerechnet würden zur Zeit rund 25000 Geflüchtete in einem IHK-Betrieb eine Lehre machen. Rechne man das Handwerk hinzu, seien es rund 44000. Trotz aller Fortschritte werde allerdings deutlich, dass die jungen Menschen nicht zu früh beginnen sollten, weil sie sonst wegen mangelnder Sprachkenntnisse scheitern. An der Umfrage nahmen rund 12500 Unternehmen aus ganz Deutschland teil.

Insgesamt beobachtet der DIHK, dass der Wert der dualen Ausbildung in Deutschland steigt – trotz der demografischen Entwicklung und der Neigung zum Studium. So bleibt die Zahl der abgeschlossenen Verträge in diesem Jahr wohl stabil. „Knapp ein Drittel der Betriebe konnte im vergangenen Jahr offene Ausbildungsplätze nicht besetzen“, mahnte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Achim Dercks in Berlin dennoch. Fast jeder Zehnte habe nicht einmal eine Bewerbung bekommen.

Der Immobilien-Sektor und die Medien stünden auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Das Gastgewerbe und die Verkehrsbranche unten. Ein Grund: Heute wolle die Generation, die mit Social Media aufgewachsen ist, lieber Influencer als Gleisbauer werden. Nahezu die Hälfte der Betriebe sagt, realistische Vorstellungen würden ihnen das Leben erleichtern. Es brauche eine bessere Berufsorientierung an den Schulen. „Das klassische Beispiel ist das mit dem Koch und der Kochsendung im Fernsehen“, sagte Dercks.

Azubis sollen über IT-Kenntnisse verfügen

Was die jungen Leute bei ihrer Entscheidung auch umtreibt, ist die Frage, ob sie später einen Job kriegen werden. Und ob es ihren Beruf in zehn Jahren überhaupt noch geben wird. Gerade jetzt, wo die Digitalisierung überall für Veränderungen sorgt. Die Ausbildungsumfrage kommt da zu dem Schluss: Drei von vier Betrieben finden, dass die aktuellen Ausbildungsberufe auch in Zeiten des digitalen Wandels ihren „betrieblichen Bedarf treffen“ – also zu dem passen, was in der Praxis gebraucht wird. Nur ein Prozent der Unternehmen wünschen sich neue Ausbildungsberufe. Zum Beispiel zum Datenanalysten.

Die Unternehmen wiederum setzen auf die Expertise der Digital Natives, um technologisch mitzuhalten. So verwundert es nicht, dass für 77 Prozent der Betriebe IT-Kenntnisse der Jugendlichen ein wichtiges Einstellungskriterium sind. Die sozialen Medien spielen im Leben der Bewerberinnen und Bewerber eine wichtige Rolle. Der spielerische Umgang der Jugendlichen mit digitalen Anwendungen ist in den Betrieben zwar gerne gesehen, bringe andererseits aber auch Herausforderungen mit sich. Die Azubis brächten häufig nicht die erforderliche Sensibilität im Umgang mit Daten und dem Datenschutz mit. Knapp 50 Prozent der Betriebe schätzen die Datenschutzkenntnisse des Nachwuchses als zu niedrig ein.

Erfreulich findet Dercks, dass die Unternehmen in diesem Jahr mal leichte Verbesserungen bei den Sozialkompetenzen ihrer Azubis festgestellt haben. Nur bei der Motivation hapert es aus ihrer Sicht noch. Was sie immer sagen.

Berufsschulen müssen moderner werden

Dercks bemängelte schließlich noch, dass viele Berufsschulen dringend modernisiert werden müssten – auch mit Blick auf die neue Berufswelt. „Unternehmen verändern sich immer schneller, passen beispielsweise ihre Produktion auf neue Technologien an oder setzen neue Arbeitsweisen ein“, sagte er. „Gerade hier müssen die Inhalte des Berufsschulunterrichts mit der Ausbildungsrealität in den Betrieben gut zusammenpassen.“ Da zu viele Schulen gerade im ländlichen Raum sehr weit weg vom Betrieb sind, kann sich Dercks sogar eine „virtuellen Unterrichtsgestaltung“ vorstellen.

Gerichtet an die Politik sieht der DIHK allein für Investitionen in den Berufsschulen einen Finanzierungsbedarf in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Das sei die Hälfte der vereinbarten fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung aller Schulen in Deutschland.

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