Wirtschaft : Der Imbissmillionär

In Istanbul baut der Berliner Remzi Kaplan die größte Dönerfabrik Europas – und wehrt sich gegen Gammelfleischvorwürfe

Hilmar Poganatz

Berlin - Der Dönerkönig residiert im Wedding. Mitten in diesem ehemaligen Arbeiterviertel Berlins stehen das Haus und die Fabriken Remzi Kaplans, des größten Herstellers von Dönerkebab in Europa. Wer zum Dönerkönig fährt, kommt an Schmuddelbuden vorbei, an denen der türkische Imbiss für nur 1,50 Euro angeboten wird. Das Angebot passt zur Nachbarschaft. Das Quartier um die Soldiner Straße ist als „Problemkiez“ verschrien, jeder Vierte ist hier arbeitslos.

Doch davon will der Dönerkönig nichts wissen. Remzi Kaplan ist 46 Jahre alt und lebt seit 35 Jahren in Berlin, die längste Zeit davon im Wedding. In seinen Laden habe sich in den vergangenen 30 Jahren nur ein einziges Mal ein Einbrecher verirrt, versichert er. Das könnte auch andere Gründe haben: Hier ist Kaplan King, das schönste Gründerzeithaus ist seins, und die Leute nennen ihn „den Millionär“ – auch wenn er das nicht gerne hört. „Ich bin schon ein Millionär“, sagt der Dönermann, „aber nicht der Millionär vom Kiez.“

Er sieht aus wie der nette Gemüsehändler von nebenan: Klein, untersetzt, einnehmend im Wesen, mit zwei wachen, dunklen Augen über einem breiten Schnurrbart. Kaplan ist Herr über ein großes, international agierendes Firmengeflecht und galt bislang nicht nur als größter Lieferant türkischer Imbisse, sondern auch als Saubermann einer verrufenen Branche. Dieser Ruf ist in Gefahr, seitdem kurz vor Weihnachten das Landeskriminalamt seine Beamten in den Soldiner Kiez schickte. Ihr Ziel: Hinweisen auf vergammeltes Kalbfleisch nachzugehen. Im Oktober waren in Berlin mehrere Tonnen verdorbenen Dönerfleischs sichergestellt worden. „Aber nicht bei mir im Betrieb“, betont Kaplan.

Trotzdem ist der Dönerkönig plötzlich in der Defensive. Seine Firmen- und Privaträume wurden durchsucht. Allerdings richteten sich die Ermittlungen nicht gegen ihn, sondern gegen eine Firma, die ihm im September schlechte Ware geliefert habe. Einige Akten wurden mitgenommen. In einer Pressemitteilung hieß es, dass das in Kaplans Betrieb „verwendete Fleischmaterial gesundheitlich unbedenklich ist“. Gammelfleisch habe er dem Veterinäramt selbst gemeldet, beteuert der Fabrikant, „weil es der Lieferant nicht zurücknehmen wollte“. Thomas Fischer, beim Veterinäramt Mitte für die Lebensmittelkontrolle zuständig, widerspricht: „Wir sind der Beschwerde eines Kunden nachgegangen.“

Kaplans Karriere beginnt nach dem Mauerfall, als Deutschland mit einem Schlag um 16 Millionen Menschen wuchs. „Da habe ich eine Lücke gesehen“, erinnert sich Kaplan. Er überzieht den Osten mit Imbissbuden, 1991 eröffnet er seine erste eigene Fleischfabrik. Heute ist die Kaplan GmbH nach Angaben des Vereins Türkischer Dönerhersteller in Europa (ATDID) der größte Produzent in der EU. 140 Mitarbeiter beschäftigt Kaplan an vier Standorten in Berlin, Brandenburg, Hamburg und den Niederlanden, sein nächstgrößter Konkurrent hat 100 Mitarbeiter.

Eines seiner Erfolgsrezepte ist die gläserne Produktion: „Bei uns kann jeder vorbeikommen und sich vergewissern, dass alles sauber ist“, sagt Kaplan. Er setzt auf Qualität. Wenn er sieht, dass mancher Grill Döner für 99 Cent anbietet, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen: „Minimum 2,50 Euro bis vier Euro muss ein guter Döner kosten“, meint Kaplan.

Stolz zeigt der Unternehmer den „Goldenen Preis“, den ihm die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) verliehen hat. Ein erster Schritt, den Döner von seinem schlechten Image zu befreien. Seit Jahren versucht Kaplan nämlich, über den ATDID ein „Döner-Zertifikat“ einzuführen, demzufolge ausschließlich Fleisch vom Kalb, Rind und Lamm verarbeitet werden darf. Doch das Vorhaben ist schwieriger als gedacht. „Wir sind noch dran“, sagt Kaplan. Wer aber sehen will, wie in seiner Fabrik gearbeitet wird, der kann die Produktion besichtigen – „ohne Voranmeldung“, betont Kaplan.

Kein Wunder, dass Kaplan den Ermittlern des Berliner LKA nun vorwirft, seiner Branche mit „unbegründeten Vorwürfen“ einen Schlag versetzt zu haben. Um seinen Ruf zu retten, will er nun sogar den Sprecher der Staatsanwaltschaft, der ihn in Zusammenhang mit Ekelfleisch genannt hatte, wegen Rufmordes anzeigen. „Die Klage wird vorbereitet und sehr bald eingereicht“, sagt Kaplan. Immerhin habe er durch die Auseinandersetzung so gut wie keine Kunden verloren. Anfang Januar sei sogar ein neuer Laden eröffnet worden.

Auf der Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit hat Remzi Kaplan schon immer besser als seine Konkurrenten gespielt. So ist sein gewitztes Marketing legendär. „Döner macht schlau“, hieß es vergangenes Jahr an der Grundschule Wedding: Jeder Schüler, der an Kaplans Grill eine „Eins“ vorweisen konnte, bekam einen Döner geschenkt. Jetzt hat der Unternehmer schon das nächste Ziel ins Auge gefasst. 2008 will Kaplan in Istanbul die „größte Dönerfabrik Europas“ mit rund 250 Mitarbeitern eröffnen, die Bauarbeiten haben schon begonnen. „Da gibt’s noch keinen vernünftigen Dönerhersteller“, sagt der Berliner. „In der Türkei isst man den Döner nicht mit Soße.“ Auch beim Brot, beim Gemüse und den Gewürzen gebe es Unterschiede. Jetzt will er den Türken den Euro-Döner bringen. Immerhin weiß er in der Heimat die Presse hinter sich. Dort glaubt niemand, dass einer wie Kaplan Gammelfleisch auf Lager haben könnte.

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