zum Hauptinhalt
Wladimir Putin.

© Gestaltung: Tagesspiegel/ M. Haupt, K. Schuber | Fotos: Getty images, freepik

Tagesspiegel Plus

Die Energiekrise spielt Moskau in die Hände: „Putin hat Europa finanziell ausgepresst wie eine Zitrone“

Russland nimmt trotz der westlichen Wirtschaftssanktionen mehr Geld ein als vor dem Krieg. Damit könnte bald Schluss sein, erklärt der Ökonom Lion Hirth.

Herr Hirth, Russland tritt als Monopolist auf dem europäischen Gas und Öl-Markt auf und treibt durch die Verknappung seiner Exporte die Preise in die Höhe. Durch dieses Vorgehen liegen die Einnahmen derzeit höher als vor dem Krieg. Damit könnte nun Schluss sein, sagen Sie – warum?
Seit einem Jahr verknappt Gazprom das Angebot auf dem europäischen Gas-Markt und agiert genau nach dem beschriebenen Prinzip – teilweise mit sehr fadenscheinigen Begründungen – es soll in Rubel bezahlt werden, Turbinen sind kaputt, etc. Der europäische Gaspreis hat sich dadurch um das Zehnfache erhöht.

Ein Monopolist kann dieses Spiel aber nicht unendlich fortführen. Irgendwann können die höheren Preise die geringere Absatzmenge nicht mehr überkompensieren und dem Monopolisten – in dem Fall Russland – geht Geld verloren. So wie es aussieht, hat Putin den Bogen finanziell gesehen langsam überspannt. Schätzungen zufolge sind die Einnahmen Gazproms in den vergangenen Wochen rückläufig. Und mit jeder weiteren Reduzierung der Liefermenge dürfte das so weitergehen.

Und noch etwas drückt auf die russischen Exporteinnahmen. Denn auch bei anderen Rohstoffen ist der Weltmarktpreis in den letzten Wochen wieder gefallen, bei Öl zum Beispiel um 20 Prozent seit Anfang Juni, aber auch bei Gold, ein anderes wichtiges russisches Exportgut.

Lion Hirth

© neon

Putin verwendet Gas-Exporte als politische Waffe. Bedeuten die Erlöseinbußen von Gazprom ein Ende der Erpressungsmasche?
Russlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird laut einer Prognose seiner Zentralbank durch den Krieg in diesem Jahr um acht Prozent einbrechen. Der wirtschaftliche Wohlstand seines Landes interessiert Putin offensichtlich wenig. Es wäre also naiv zu denken, Putin sei nicht bereit, die Liefermenge weiter zu reduzieren, selbst wenn es Russland finanziellen Schaden zufügt.

Die enormen Preise an den Energiemärkten im vergangenen halben Jahr haben Russland ein komfortables Polster an Devisen eingebracht. Eine weitere Reduktion der Exportmenge ist für den Kreml auf jeden Fall kurzfristig zu stemmen. Aber die politische Erpressung durch Gas-Exporte ist für Russland zumindest nicht mehr ökonomisch attraktiv. Am Ende steht also die Frage: Wie viel ist Putin bereit, für seinen Krieg zu bezahlen?

Wie lange hält Russland mit diesem Polster durch?
Das kann ich nicht beantworten, da spielen viele Faktoren eine Rolle. Die westlichen Sanktionen richten sich ja nicht nur gegen russische Energieexporte, sondern betreffen auch die Ausfuhr eigener Güter – zum Beispiel Hightech-Produkte für die Rüstungsindustrie. Russland kann mit seinen Devisen also nur eingeschränkt auf dem Weltmarkt einkaufen. In diesem Zusammenhang muss man sehen, inwieweit Länder wie China oder Indien einspringen können.

Wieso treffen die westlichen Wirtschaftssanktionen die russische Wirtschaft nicht wie erhofft?
Den Einbruch des russischen BIP habe ich bereits angesprochen. Der Rückgang des BIP um acht Prozent ist immerhin doppelt so hoch wie in Deutschland 2020 durch Corona. Die russische Wirtschaft wird also von den Sanktionen bereits massiv getroffen. Was viele allerdings überrascht hat, waren die steigenden Exporterlöse, die sich auch im starken Rubelkurs abbilden, der sich nach kurzem Einbruch schnell erholt hat und nun deutlich über Vorkriegsniveau steht.

Und so bitter das auch klingen mag, aber für diese Entwicklung sind auch die westlichen Sanktionen mitverantwortlich. Russland zählt weltweit zu den größten Energieexporteuren. Die westlichen Sanktionen haben den Export erschwert, und das hat die Preise weiter nach oben getrieben. Allerdings war es bei Erdgas eben auch vor allem Russland, das die Lieferungen nach Europa reduziert hat. Also weniger ein Embargo des Westens gegen Russland, sondern ein russisches Embargo gegen die EU.

Aber was wäre die Alternative gewesen – uneingeschränkt Putins Gas und Öl weiter kaufen?
Ziel der Energiesanktionen war ja, die Deviseneinnahmen von Russland zu reduzieren. Bezüglich Gas ist inzwischen offensichtlich: Das hat überhaupt nicht geklappt. Europa hat sich gegenüber Russland unklar und uneinheitlich verhalten. Einzelne Länder haben Forderungen wie etwa die Rubel-Zahlung erfüllt, andere nicht – und wurden dann nicht mehr beliefert.

Im Ergebnis explodierten die Gaspreise und mit ihnen die russischen Einnahmen. Sinnvoller wäre gewesen, entweder so viel russisches Gas zu beschaffen wie irgend möglich, etwa indem man den Spielraum bei Langfristverträgen voll ausgeschöpft hätte, um damit den Preis in Schach zu halten. Oder man hätte hart spielen und Gazprom von Anfang an einen Maximalpreis von beispielsweise 50 Euro je Megawatt-Stunde bieten müssen, take it or leave it, unter der Androhung eines Embargos. So aber hat Putin Europa auf dem Gasmarkt im letzten Jahr an die Wand gespielt und finanziell ausgepresst wie eine Zitrone.

In Deutschland sorgt sich die Politik um die Versorgungssicherheit im kommenden Winter. Bundeswirtschaftsminister Habeck stellte jüngst die Priorisierung privater Haushalte bei der Gasversorgung in Frage, Markus Söder sprach von einer „Gas-Triage“. Werden Menschen in Deutschland ab dem Herbst frieren müssen, weil ihnen das Gas abgedreht wird?
Ich finde diese martialische Sprache ehrlich gesagt dem Problem unangemessen und wenig hilfreich. Nein, ich glaube nicht, dass irgendeinem Haushalt in Deutschland das Gas abgedreht wird, und zwar aus mehreren Gründen.

Die höheren Preise sorgen in der Industrie bereits für einen deutlichen Rückgang beim Gasverbrauch. Hier findet also schon eine Priorisierung statt. Gleichzeitig bezieht Deutschland deutlich mehr Gas aus Norwegen und den globalen Märkten für Flüssiggas. Dazu kommen die Sparmaßnahmen der privaten Haushalte. Wenn sich Russland nun dafür entscheidet, nicht mehr zu liefern, dann würde Gas noch knapper werden. Aber es würde nicht dazu führen, dass die Menschen hierzulande frieren müssen.

Hört sich an, als wäre die Lage gar nicht so dramatisch.
Doch, die Lage ist ernst und Gas ist knapp. Und es würde enorm schmerzen, wenn Betriebe stillstehen. Auch deswegen müssen wir als Gesellschaft nun Gas sparen. Aber erfrieren wird niemand.

Die Preise liegen bereits auf Rekordniveau. Ist hier nicht die Grenze des Zumutbaren erreicht?
Es ist klar, dass der Gaspreis bei einem Lieferstopp weiter steigen wird. Klar ist aber auch, dass es insbesondere für die sozial schwächeren Haushalte gezielte Unterstützungen braucht. Eine Deckelung der Gaspreise, wie sie immer wieder diskutiert wird, würde in diesem Zusammenhang jedoch die völlig falsche Wirkung entfalten, nämlich den Verbrauch weiter ankurbeln.

Helfen würden dagegen Direktzahlungen an Haushalte, um die Härten finanziell abzufedern. Hier ist die Politik gefordert. Dasselbe gilt für die Unterstützung der Industrie – sei es in Form von Überbrückungskrediten oder auch arbeitspolitische Maßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld. Wie wirksam diese Maßnahmen sind, hat man in der Coronakrise gesehen.

Gas sparen als oberstes Credo. Wie können private Haushalte ihren Verbrauch senken?
Im Sommer geht es vor allem darum, den Warmwasser-Verbrauch zu senken. Duschen statt baden, kürzer duschen und wassersparende Duschköpfe sind dabei effektive Maßnahmen. Im Winter lässt sich durch einfache Verhaltensänderungen enorm viel Heizenergie und damit Geld einsparen.

Dazu gehören intelligentes Lüften in Form von Stoßlüften und das Anbringen von Heizthermostaten, die die Temperatur gerade dann herunterregeln, wenn man nicht Zuhause ist. Auch in der Nacht lässt sich die Raumtemperatur dadurch automatisch steuern. Solche Thermostate kann jeder selbst anbringen und einstellen.

Laut dem Wohnungsverband GdW liegt das Einsparpotenzial solcher Maßnahmen in privaten Haushalten ohne Komfortverlust bei 17 Prozent. Auch auf die gesamte Nachfrage gesehen, ist der Hebel enorm. Die Gebäudewärme für Heizen und Warmwasser machen 41 Prozent des deutschen Gasverbrauchs aus. Hier ein paar Prozent zu sparen, bringt mit Blick auf die gesamte Nachfrage demnach enorm viel.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false