Digital Health : Sprechstunde im Netz

Diagnosen und Gesundheitschecks am Bildschirm, Operationen mit ferngesteuerten Robotern: Wie Digital Health die Arbeitswelt verändert – und Mediziner sich dafür fit machen.

Eine Medizinerin begutachtet Krankheitssymptome auf einer Aufnahme.
Eine Medizinerin begutachtet Krankheitssymptome auf einer Aufnahme.Foto: Lisa Forster/ dpa

Muss ich in die Notaufnahme, wenn das Kind aus dem Bett gefallen ist, oder reicht ein Besuch beim Kinderarzt am nächsten Morgen? Was tun, wenn der Säugling nicht trinken möchte? Ist der rote Ausschlag am Mund gefährlich? An wen können sich Eltern wenden, wenn sie vor solchen Fragen stehen und Kinderärztin und Hebamme nicht erreichbar sind?

Diese medizinische Versorgungslücke will das Start-up Kinderheldin füllen. Sieben Tage die Woche sind die Hebammen des Unternehmens zwischen 7 und 22 Uhr erreichbar. Am Telefon, per Chat oder Videocall nehmen sie sich den Anliegen der Eltern an, lassen sich Probleme schildern, geben konkrete Tipps, raten manchmal sicherheitshalber doch ein Krankenhaus aufzusuchen.

Durch die Covid-19-Pandemie haben telemedizinische Angebote von Start-ups oder niedergelassenen Ärzten und Therapeuten an Akzeptanz gewonnen, hat die Studie „Digital Health 2020“ des IT-Branchenverbandes Bitkom ergeben. Im Rahmen zweier repräsentativer Befragungen hatten Ende April/Anfang Mai acht Prozent der Teilnehmenden Erfahrungen mit Video- Sprechstunden, Anfang Juli waren es 13 Prozent. Laut Studie kann sich auch von jenen, die bis dahin keine Video-Sprechstunden wahrgenommen hatten, fast jeder Zweite (45 Prozent) vorstellen, künftig auch online zum Arzt zu gehen.

Bald Apps auf Rezept?

Franz-Joseph Bartmann, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, sieht da aber noch viel Entwicklungsbedarf: Start-ups wie Kinderheldin seien „Kolibris“, die nicht viel mit der allgemeinen telemedizinischen Versorgungsrealität in Deutschland zu tun haben, sagt er. Warum die Telemedizin sich in Deutschland nur langsam etabliert? Weil es nach wie vor schwierig sei, telemedizinische Angebote durch die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu lassen, erklärt er. Bisher zahlten nur einzelne Krankenkassen für Angebote wie Kinderheldin. Was Bartmann Hoffnung macht: dass noch in diesem Jahr Verordnungen für digitale Gesundheitsanwendungen an den Start gehen. „Diese ’Apps auf Rezept’ müssen allerdings zuvor vom Bundesamt für Medizinprodukte zugelassen sein“, gibt er zu bedenken.

Die in den letzten Jahren von vielen Ärztekammern und freien Verbänden angebotenen Fortbildungskurse zur Telemedizin fänden regen Zulauf. Dabei gehe es nicht nur um die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, sondern auch um die mit medizinischem Fachpersonal oder Kollegen. „Es gibt praktisch keinen Fachbereich, für den die Telemedizin keine Rolle spielt“, sagt der Chirurg. Selbst in seinem Fachgebiet sei es theoretisch denkbar, dass bei bestimmten Operationen ein Operationsroboter aus der Ferne gesteuert werde. Derzeit aber sitze der Operator in der Regel noch an der Steuereinheit im realen OP.

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Eine große Chance für Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinsuffizienz sei eine telemedizinische Betreuung , die neben der Präsenzbetreuung eingesetzt werde. Dabei kommen sowohl am Körper getragene Sensoren mit automatischer Datenübertragung, als auch Messungen und Übertragungen durch den Patienten selbst zum Einsatz.

Einen „Facharzt für Telemedizin“ wird es laut Bartmann in Zukunft nicht geben, wohl aber entsprechende Zusatzqualifikationen, die im eigenen Fachgebiet neue Karrierechancen eröffnen.

Im Medizinstudium spielt das Thema bisher kaum eine Rolle. Eines der Vorreiterprojekte ist „Medizin im digitalen Zeitalter“, ein Projekt, das der Oberarzt Sebastian Kuhn an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz leitet. Auch an der Charité gibt es Module zum Thema „Digitale Medizin“, in denen auf die Technologien, Ausprägungen und Möglichkeiten verstärkt eingegangen wird.

„Insbesondere beim telemedizinischen Kontakt mit Patienten sind auch starke Kommunikationsfähigkeiten der Mitarbeiter notwendig, um fehlende haptische oder visuelle Komponenten der Kommunikation ausgleichen zu können“, erklärt der Charité-Professor Friedrich Köhler vom Arbeitsbereich Kardiovaskuläre Telemedizin der Medizinischen Klinik mit dem Schwerpunkt Kardiologie und Angiologie. Zudem sei die elektronische Patientenakte, in die alle medizinischen Informationen und Messdaten eines Patienten eingegeben werden, ein technisches Kernelement der digitalen Mitbetreuung. „Eine gewisse Technikaffinität und die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, sind unumgänglich“, sagt Köhler.

Vor allem Mediziner - und keine Technikgenies gesucht

Für den Zahnarzt Paul Hadrossek, der Kinderheldin Ende 2017 mit Fabian Müller gegründet hat, ist bei der Personalauswahl vor allem Offenheit und Neugier wichtig. Technikgenies sucht er nicht: „Jeder, der ein Smartphone nutzt, kann unsere Software bedienen“, sagt er. Neue Mitarbeitende bekommen ein ausführliches Training. Die zwölf Hebammen, die bei Kinderheldin arbeiten, sind fest angestellt. Sie leben in ganz Deutschland und machen ihren Job überwiegend von zu Hause aus, manche arbeiten nur für das Start-up, andere zusätzlich noch freiberuflich. Anders als das bei Hebammen die Regel ist, haben sie feste Schichten und einen garantierten Feierabend.

„Telemedizin wird den Gang zum Arzt nicht vollständig ersetzen“, ist Paul Hadrossek überzeugt. „Sie wird aber eine immer wichtigere Ergänzung sein.“

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