Große Lücke zwischen Arm und Reich : Was die Politik gegen die Ungleichheit tun sollte

Die Vermögen sind ungleicher verteilt als angenommen. Das ist ein Weckruf für die Politik. Denn die Corona-Pandemie verschärft das Problem. Ein Kommentar

Der Reichtum konzentriert sich in wenigen Händen, zeigen die DIW-Zahlen.
Der Reichtum konzentriert sich in wenigen Händen, zeigen die DIW-Zahlen.Foto: dpa

Die Reichen sind verschwiegen. Deshalb weiß man wenig über sie. Erst recht nichts darüber, wie groß ihr Besitz tatsächlich ist. Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben nun erstmals verlässliche Daten über die Reichsten der Deutschen auswerten können. Das Ergebnis: Die Vermögen sind noch ungleicher verteilt als angenommen. Für die Politik ist das ein Weckruf.

Schließlich leben wir in einem Land, das seinen Bürgern einst „Wohlstand für alle“ versprochen hat. Heute sind wir davon weit entfernt. Inzwischen sind die Vermögen in der Bundesrepublik so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Land der EU. Laut DIW vereinen die oberen zehn Prozent der Deutschen zwei Drittel des gesamten Nettovermögens auf sich – während die untere Hälfte der Bevölkerung im Schnitt gerade einmal 3700 Euro besitzt.

Seit Jahren drückt sich die Politik davor, das Steuersystem grundsätzlich zu reformieren. Dabei liegt es auch am Bund, dass die Ungleichheit so groß ist. In kaum einem anderen Industrieland werden die Vermögen so gering und die Einkommen so hoch besteuert wie in Deutschland. Dabei ist das absurd. Das Einkommen hat sich jeder schließlich selbst erarbeitet. Die hohen Vermögen hingegen werden meist vererbt. Wie reich man in Deutschland wird, hängt vielfach schlicht davon ab, in welche Familie man hineingeboren wird.

Ausgerechnet die Schweiz zeigt, wie es geht

Dass man das Steuersystem auch gerechter gestalten kann, zeigt dabei ausgerechnet ein Land, in dem ebenfalls viele Millionäre leben: die Schweiz. Anders als in Deutschland ist dort die Einkommenssteuer vergleichsweise gering. Bei den Vermögen steigt die Besteuerung dafür progressiv an. Wer weniger als 200.000 Franken besitzt, zahlt kaum Vermögenssteuer – ab einer Million Franken werden dagegen umso mehr Steuern fällig.

Hierzulande ist eine solche Reichensteuer, wie sie etwa Finanzminister Olaf Scholz (SPD) vorschwebt, umstritten. Immer wieder kommt das Argument, Reiche könnten ihr Vermögen dann einfach ins Ausland verlagern. Außerdem stecke ein Großteil des Geldes in Unternehmen. Für beides aber würde man Lösungen finden, wenn man nur wollte. So könnte das Betriebsvermögen zum Beispiel größtenteils außen vor bleiben – mit dem Nebeneffekt, dass Reiche noch mehr in die Firma und damit womöglich auch in Innovationen investieren würden.

Vermögen steckt häufig auch in Immobilien.
Vermögen steckt häufig auch in Immobilien.Foto: imago images / Westend61

Gleichzeitig ist die Ungleichheit aber auch deshalb so groß, weil eine Generation ihr Erspartes an die nächste weitergibt. Und auch dabei geht es nicht gerecht zu: Kleinere Erbschaften werden heute sehr viel stärker besteuert als größere. Auch das liegt zum Teil wieder daran, dass ein Großteil der hohen Vermögen in Unternehmen steckt, während die kleineren Erbschaften eher aus Bargeld, Aktien oder Immobilien bestehen. Gleichzeitig aber können Reiche die Erbschaftssteuer auch über Schenkungen und Stiftungen noch zu leicht umgehen. Das zeigt schon dieser Vergleich: Während jedes Jahr 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt werden, nimmt der Staat weniger als sieben Milliarden Euro an Erbschaftssteuern ein.

Auch bei den niedrigen Einkommen müssen wir ansetzen

Dabei wäre es aber auch fatal, einzig bei den hohen Einkommen anzusetzen. Verschärft wird die Ungleichheit nämlich auch durch den großen Niedriglohnsektor. Viele Deutsche verdienen so wenig Geld, dass sie schlicht kein Vermögen aufbauen können. In einem reichen Land wie Deutschland aber ist es kaum hinnehmbar, dass noch immer so viele Menschen von ihrem Einkommen kaum leben können. Ohne höhere Löhne wird sich daran wenig ändern.

Fatal ist das gerade in Zeiten von Corona. Denn durch die Pandemie wird die Ungleichheit noch einmal verschärft. Reiche können sich leichter isolieren, sehr viel eher von zu Hause aus arbeiten. Geringverdiener hingegen müssen sehr viel eher um ihren Job bangen, haben als Fabrikarbeiter oder Kassierer ein größeres Ansteckungsrisiko. Auch deshalb darf die Politik die Ungleichheit im Land nicht länger ignorieren.

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