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Einkauf in einem Supermarkt oder Discounter zu Zeiten von Corona und Krieg in der Ukraine.

© IMAGO/Martin Wagner

Tagesspiegel Plus

Inflation über sieben Prozent: Warum die Lebensmittelpreise weiter steigen werden

Noch immer ist Energie der größte Preistreiber. Doch Experten sehen mehrere Gründe, dass auch Nahrungsmittel noch teurer werden dürften.

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Die Inflation frisst sich immer tiefer in die Haushaltsbudgets der Menschen in Deutschland. Im April lagen die Verbraucherpreise um 7,4 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Das Statistische Bundesamt bestätigte damit am Mittwoch seine Schätzung vom Monatsanfang. Es ist der höchste Stand seit der deutschen Wiedervereinigung 1990.

In den alten Bundesländern wurde eine ähnlich hohe Teuerungsrate im Herbst 1981 infolge des ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und dem Iran gemessen. Von März auf April dieses Jahres stiegen die Verbraucherpreise um 0,8 Prozent.

Erneut waren es vor allem die Energiepreise, die gegenüber dem Vorjahresmonat mit 35,3 Prozent am stärksten stiegen. Nahrungsmittel verteuerten sich aber ebenfalls überdurchschnittlich um 8,6 Prozent. Und das dürfte in den nächsten Monaten auch so weitergehen. Davon gehen Agrarökonomen und Konsumexperten aus.

Aldi als Taktgeber

Denn die Situation auf den weltweiten Agrarmärkten verschärft sich. Die Kosten für Dünger, Pflanzenschutzmittel und Treibstoff steigen rasant. Hinzu kommen Trockenheit in wichtigen Anbauregionen und die ausbleibenden Weizenlieferungen aus der Ukraine und Russland.

Auch frische Lebensmittel sind deutlich teurer geworden.

© Wolfgang Kumm/dpa

In den westlichen Ländern ist kein Versorgungsengpass zu befürchten, doch an der Supermarktkasse bekommen die Verbraucher die angespannte Lage längst zu spüren. Vor wenigen Wochen hat Aldi als Taktgeber der Branche die Preise für Hunderte Produkte erhöht. Die anderen Händler folgten.

Im April hatten sich die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel in Deutschland um 8,5 Prozent zum Vorjahr verteuert. Doch das ist nicht das Ende der Preisspirale. „Wir erleben einen inflationären Schock im Lebensmitteleinzelhandel“, sagt Chehab Wahby, Konsumexperte der Beratung EY-Parthenon. Noch längst seien nicht alle höheren Kosten der Erzeuger im Supermarkt angekommen.

Milch um elf Prozent teurer

„Die Verbraucher hat erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht“, sagt auch Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands. Der Preisvergleich Smhaggle hat für das „Handelsblatt“ Regalpreise ausgewertet: Ein Liter frische Vollmilch (3,5 Prozent) kostet als Handelsmarke derzeit fast elf Prozent mehr als zu Jahresanfang. Ein halbes Pfund Butter (Handelsmarke) ist um 40 Prozent teurer, ein Kilo Marken-Weizenmehl 20 Prozent.

Die Verbraucher hat erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht.

 Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands

Der von der Welternährungsorganisation FAO erhobene Preisindex zeigt die Dramatik: Danach sind Nahrungsmittelpreise weltweit binnen eines Jahres um 33 Indexpunkte auf den höchsten Wert seit 15 Jahren gestiegen. Bei Getreide und pflanzlichen Ölen ist der Anstieg besonders hoch. Weizen kostet aktuell an der Pariser Terminbörse Matif 398 Dollar pro Tonne – zu Jahresbeginn waren es noch 279 Dollar.

„Die Lage auf den Weltagrarmärkten wird sehr angespannt bleiben“, sagt der führende Agrarökonom Matin Quaim, Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Vor allem für arme Menschen sei dies ein großes Problem, weil sie sich nicht mehr ausreichend Lebensmittel leisten können. „Der Hunger in Afrika und Asien ist dieses Jahr bereits deutlich angestiegen“, sagt er.

Fehlender Dünger und Trockenheit

Es ist eine gefährliche Mischung aus Faktoren, die derzeit dem globalen Agrarangebot zusetzen und für die Preisanstiege sorgen. Zum einen die Düngemittel. Zwar gibt es in Deutschland aktuell keine Düngemittelknappheit, wie der Industrieverband Agrar unterstreicht. Doch die Bauern müssen für die zur Verfügung stehenden Pflanzennährstoffe drei- bis viermal so viel bezahlen wie noch vor drei Jahren.

An der Kasse müssen die Verbraucher gerade tiefer ins Portemonnaie greifen.

© Rolf Poss / IMAGO

Das ist einer der Treiber für die aktuellen Kostensteigerungen in der Landwirtschaft, denn Dünger ist für die Bauern wichtig, um die Ernteerträge hoch zu halten. Entsprechend hart würde die Landwirtschaft ein Ausfall von Düngelieferungen treffen. Der Deutsche Bauernverband und der Industrieverband Agrar warnen vor den Folgen eines Gaslieferstopps aus Russland. Denn für die Herstellung des wichtigen Stickstoffdüngers ist Gas entscheidend.

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Tatsächlich würde die deutsche Landwirtschaft bei einem Gas-Lieferstopp ihre Autarkie bei Düngemitteln aufs Spiel setzen, erläutert Marco Fleischmann vom Düngerhersteller Yara. Sie wäre dann auf Lieferungen aus Russland angewiesen, dem weltweit wichtigsten Lieferanten des Stickstoffdünger-Ausgangprodukts Ammoniak. Auch Pflanzenschutzmittel sind derzeit knapp.

Dazu kommt eine neue Entwicklung, die die Verfügbarkeit von Nahrung global weiter einschränken könnte: Die anhaltende Trockenheit bedroht die Ernteerträge. „Indien und Pakistan erleben momentan extreme Hitzewellen, was sich auf die dortige Weizenernte negativ auswirken wird“, erläutert Agrarökonom Quaim. In Europa ist die kommende Ernte noch nicht genau absehbar, aber auch hier haben einige Regionen bereits mit Trockenheit zu kämpfen.

Dieser Text erschien zuerst im „Handelsblatt“ und enthält zusätzliche Informationen der dpa.

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