Kaum Freizeit im Grundschulalter : Warum chinesische Kinder so gut in Mathe sind

Nur mit Bildung durch „Chiku“ erreicht man den Aufstieg, heißt es in China. Das erfahren schon die Kinder in der Kita. „Chiku“ heißt frei übersetzt: „leiden“.

Ning Wang
Schüler und Schülerinnen üben im Freien das Rechnen mit Hilfe von Rechenschiebern.
Schüler und Schülerinnen üben im Freien das Rechnen mit Hilfe von Rechenschiebern.Foto: dpa

Es fängt damit an, dass die Kinder eine Nummer zugeteilt bekommen. Meist eine zwischen eins und 30, da in den meisten öffentlichen Schulen eine Klasse aus ungefähr 30 Kindern besteht. Während des Matheunterrichts stellen Lehrer eine Frage, rufen dann beliebig eine Nummer auf, das Kind mit dieser Nummer steht auf und präsentiert eine Lösung der Rechenaufgabe.

In der ersten Klasse lernen Kinder in China, zweistellige Zahlen zu addieren und subtrahieren. Sie kennen Zahlenreihenfolgen bis weit über Hundert und können die Tabelle des 1x1 auswendig.

„Das Abschneiden der Schüler aus sozial benachteiligten Schichten ist besonders beeindruckend“, sagt Andreas Schleicher, Leiter der OECD-Direktion Bildung und Kompetenzen. Chinesische Schüler würden früh lernen, dass Erfolg von persönlichem Einsatz und harter Arbeit abhängt, nicht von Begabung.

„Mathematik ist wie ein Spiel, je mehr sie es üben, desto leichter fällt es ihnen. Die Frustrationsgefahr sinkt deutlich und sie haben Spaß daran“, erklärt die Lehrerin Chen aus einem öffentlichen Pekinger Kindergarten, der direkt der Bildungsbehörde des Bezirks untersteht.

Gleich darauf stellt sie den Eltern beim Elterntag eine Aufgabe: „Es gibt insgesamt 27 Vögel auf drei Bäumen. Von dem ersten Baum fliegen zwei auf den zweiten Baum, von dem zweiten Baum fliegen drei auf den dritten Baum. Dann fliegen vier Vögel vom dritten Baum auf den ersten Baum. Nun gibt es auf den drei Bäumen jeweils die gleiche Anzahl von Vögeln. Die Frage lautet, wie viele Vögel gab es ursprünglich auf den Bäumen?“

Der Ansporn sinkt, wenn im Kindergarten schon zu viel vermittelt wird

Während einige Eltern eifrig zu rechnen beginnen, breitet sich auf den Gesichtern anderer Panik aus. Alle wissen, dass sie nun anfangen müssen, mit ihren Kindern zu üben. Ihre Kinder lernen zwar, laut der neuen Vorgaben der Behörden, seit ein paar Jahren nicht mehr Mathematik im traditionellen Sinne, doch sie bekommen ein Gefühl für Zahlen vermittelt. Und das beginnt schon im Alter von vier Jahren im Kindergarten.

„Man habe gemerkt, dass Kinder, denen schon im Kindergarten alles beigebracht wird, in der Schule keinen Ansporn mehr haben, zu lernen. Früher war es so, dass die Kinder schon alles konnten, was ihnen laut Lehrplan in der ersten und zweiten Klasse beigebracht werden sollte“, sagt Frau Chen und mahnt die Eltern, es mit der vorschulischen Ausbildung nicht zu übertreiben.

Denn häufig schicken Eltern ihre Kinder schon mit Kindergarteneintritt zum Mathematikunterricht. Wenn die Kinder in die erste Klasse kommen, können sie den Stoff bis einschließlich der zweiten Klasse.

Schulische Leistungen gelten als Voraussetzung für den sozialen Aufstieg

Bildung gilt Eltern in asiatischen Ländern und besonders in China als Voraussetzung und Garant für sozialen Aufstieg und eine solide Karriere ihrer Kinder. „Chiku“ – frei übersetzt „leiden“ – gehört dazu. Nur durch harte Arbeit kann man alles erreichen.

Das ist die chinesische Variante des amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Allerdings geht es nicht nach der Vorstellung des Selfmade-Millionärs. Die Mühen, die es zu bewältigen gilt, beziehen sich auf die schulischen und akademischen Leistungen. Nur dann hat man Aussicht auf einen guten Job und ein gutes Einkommen.

Lange galt das Bildungssystem als starr, mit zu viel Frontalunterricht, bei dem die Lehrer ihren Stoff runterreißen und kaum auf das Lerntempo der Schüler eingehen können. Freizeit kennen die Kinder kaum. Spiel und Spaß kommen nach westlicher Sichtweise viel zu kurz.

Auch wenn im Kindergarten behutsam umgesteuert wird, hat sich insgesamt wenig geändert. So zeigt eine aktuelle OECD-Studie, dass Chinas Schüler in Sachen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen weltweit am besten abgeschnitten haben. Mit Peking und Shanghai sowie den Provinzen Zhejiang und Jiangsu hat China in der aktuellen Pisa-Studie überall die Spitzenplätze weltweit belegt.

Einen Großteil der Hausaufgaben macht Mathematik aus

Das aktuelle Curriculum des Bildungsministeriums für die Primarstufe sieht für die erste Klasse pro Woche vier Stunden Mathematikunterricht vor. Das klingt erst mal nicht viel. Aber nicht nur die Herangehensweise ist unterschiedlich, auch die Komplexität und die Zeit, die für Matheaufgaben aufgewendet wird, unterscheiden sich vom Westen.

Während Chinas Grundschulkinder im Schnitt etwa drei Stunden Hausaufgaben machen – dreimal mehr als ihre französischen Altersgenossen –, verbringen sie den Hauptanteil der Zeit damit, Matheaufgaben zu rechnen.

Es gibt auch Kritik an der Pisa-Studie. Bemängelt wird, dass die Ergebnisse nicht für das ganze Land repräsentativ sind. Sicherlich findet man das Niveau der Pekinger Schulen nicht überall im Land. Doch Andreas Schleicher, der deutsche Kopf hinter dem standardisierten Pisa-Test, ist der Überzeugung, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die anderen Städte und Provinzen aufholen.

7,5 Millionen Uni-Absolventen

Was heute Shanghai ist, sind morgen Shenzhen oder Nanjing. Pekings Regierung investiert stark in Bildung. So ist die Zahl der Universitäten im Land von 2008 bis 2018 um 400 auf 2663 gestiegen.

Im vergangenen Jahr absolvierten 7,5 Millionen Studenten die Universität. Vor zehn Jahren waren es noch fünf Millionen. Die chinesische Regierung gab im vergangenen Jahr 3,7 Billionen Yuan (umgerechnet 520 Milliarden Dollar) für Bildung aus. Insgesamt werden, schon sieben Jahre in Folge, vier Prozent des BIP in Bildung investiert.

Gerade bei den Kleinsten wurde in den vergangenen Jahren das Budget angehoben. 2018 stiegen, laut der jüngsten Zahlen Pekings, die Ausgaben für Kindergärten pro Kind um über zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Volkssport Bildung

„Lasst uns mal biyibi“, ruft die Kindergärtnerin. Milde übersetzt heißt das „vergleichen“, aber eigentlich ist es eine Wettbewerbssituation, in der sich chinesische Kinder immer wieder vorfinden. Von klein auf heißt es dann: Schau dir die anderen Kinder an, die sitzen schön und artig. Später dann: Sie können schon so gut Gedichte aufsagen, so gut rechnen, so gut dies und das. Es ist eine Gesellschaft, in der die Jüngsten darauf getrimmt werden, dass sie besser sein müssen als der Durchschnitt.

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Ging es lange vor allem darum, einen guten Platz in den Schulen und dann in den Universitäten des Landes zu ergattern, um hoffentlich einen guten Job zu bekommen, vergleichen sich die in den 1990er Jahren geborenen und die Millennials meist nur noch des Vergleichs wegen. Sie haben es ihr Leben lang nicht anders gelernt. Das betrifft dann nicht mehr nur die Disziplinen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Es ist ein Volkssport geworden.

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