Online-Selbsthilfe : Was taugen Apps gegen Depression?

Gesundheits-Apps sollen für Kassenpatienten bald kostenlos sein. Der therapeutische Nutzen solcher Angebot ist umstritten.

Marie Zahout Sarah Birkhäuser
Laut Stiftung Warentest sind vier von acht Therapie-Apps nur eingeschränkt empfehlenswert.
Laut Stiftung Warentest sind vier von acht Therapie-Apps nur eingeschränkt empfehlenswert.Foto: dpa

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, die Wartelisten von Psychotherapeuten sind oft lang. Therapie-Apps wollen diese Versorgungslücke füllen. Stiftung Warentest hat nun acht dieser Online-Selbsthilfe-Programme über einen Zeitraum von sechs Monaten getestet. Aber nur vier Apps bewerten die Autoren in ihrer Untersuchung als empfehlenswert. Dazu zählen Deprexis 24, Moodgym und zwei Angebote von Get.On. Die Programme von iFightDepression, Novego und Selfapy seien hingegen nur „eingeschränkt empfehlenswert“, so das Urteil der Tester. Den TK-Depressionscoach hätten sie hingegen gar nicht bewerten können, da die Techniker Krankenkasse keinen Zugang zur Verfügung gestellt habe.

Streit um Wirksamkeit

Stiftung Warentest hat das therapeutische Potenzial, den belegten Nutzen und den Schutz des Nutzerkontos aller Angebote untersucht. Auch Datenschutzfragen standen im Mittelpunkt. So loben die Tester bei Moodgym die Anmeldung unter einem Pseudonym und ohne Angabe einer E-Mail-Adresse. Es ist eine kostenlose Anwendung, welche die AOK empfiehlt. Bei anderen Apps übernehmen teilweise die Krankenkassen die Kosten. Selfapy zählt mit 50 bis 180 Euro im Monat zu den hochpreisigen Angeboten. Die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) kooperiert mit dem Start-up. So coacht die Kasse die Gründerinnen und hilft beim Eintritt in den Gesundheitsmarkt. Die SBK mache damit, was das geplante Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorsehe, sagt eine Sprecherin Tagesspiegel Background.

Noch werden viele Gesundheitsapps nicht von den Kassen finanziert, weil es an einer Zulassung fehlt. Das soll sich mit dem DVG ändern. So sollen Anbieter ihre Apps beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) anmelden können, sofern sie den geplanten Kriterienkatalog des BfArM erfüllen. Für Patienten bedeutet das, einen nachweisbaren Nutzen von Apps garantiert zu bekommen.

Auch Selfapy bemüht sich, seine Wirksamkeit zu belegen. Derzeit läuft eine Studie mit der Charité. „Diese wird im Rahmen der Diskussion um das DVG noch einmal nachjustiert, um möglichst den BfArm-Kriterien im Hinblick auf das DVG entsprechen zu können“, heißt es von der SBK. Stiftung Warentest bemängelt neben einem Wirksamkeitsbeleg aber auch den Datenschutz dieser Anwendung. So fordere Selfapy „nur kurze und einfache, sprich leicht zu knackende Passwörter“. Schwächen zeigen in diesem Punkt aber auch Deprexis 24, GetOn und iFight. Selfapy will bereits nachgebessert haben und kritisiert, dass Stiftung Warentest nicht auf Patientenzufriedenheit und begleitende Beratung durch einen Psychologen eingegangen sei.

So konnten Anwendungen punkten, die per App mit dem Nutzer in den Dialog treten, wie Deprexis 24. Die Tester loben, dass Antworten oder Aussaugen zur Auswahl stehen. Auch Get.On bewertet Stiftung Warentest aufgrund eines interaktiven Angebots als „empfehlenswert“ – ganz im Gegensatz zu iFightDepression, die teils mit EU-Geldern gefördert wurden.

Apps ersetzen Therapie nicht

Kerstin Sude, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) bezweifelt den Nutzen vieler Therapie-Apps. „Es gibt tausende Gesundheits-Apps – auch im psychotherapeutischen Bereich – doch nur wenige sind evidenzbasiert auf ihren Nutzen hin geprüft und nach wissenschaftlichen Kriterien untersucht worden.“ Zu schnell würden Angebote als Online-Therapie gelten, obwohl sie nichts mit Psychotherapie zu hätten, die durch ein „geschütztes Gespräch“ gekennzeichnet sei. Bei den Plänen des Gesundheitsministers mahnt Sude zur Vorsicht. „Der sehr vereinfachte Zugang zu Apps mit dem DVG hat zwar Charme, jedoch muss hier wirklich sichergestellt werden, was mit den Daten geschieht“, sagt sie. „Wir plädieren für Sorgsamkeit und hohen Datenschutz bei sensiblen Gesundheitsdaten.“ Diese Anwendungen gehörten in die Hände von ausgebildeten Psychotherapeuten, die nach Diagnose und Indikation – wie bei anderen Heilmitteln auch – entscheiden, ob ein Einsatz sinnvoll ist. Auch Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, bezweifelt die Wirksamkeit eines Programms ohne Begleitung. Er nennt es unverantwortlich, diese Art von Therapie für schwere psychische Erkrankungen anzubieten.

Gunnar Schwan von Stiftung Warentest relativiert hingegen. Die Therapie-Apps könnten eine gute Unterstützung zur regulären Therapie sein, sofern sie sich an Menschen mit leichten bis mittel schweren psychische Leiden richten, sagt er Tagesspiegel Background. Patienten müssten manchmal auch nach einer Diagnose lange auf einen Therapieplatz warten, die Programme könnten hier etwa eine Überbrückung sein. „Dennoch sind sie letztlich keine echte Alternative, es gibt keine Online-Psychotherapie“, sagt Schwan. Deshalb würden die Apps auch Coach oder Berater heißen.

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