Pair Finance : Zalando steigt bei Berliner Online-Inkassofirma ein

Pair Finance spricht Schuldner individuell an: Der eine wird geduzt, der andere gesiezt - der eine bekommt eine sms, der andere einen Brief. Jetzt steigt Zalando bei dem Inkassodienst ein.

Stephan Stricker will säumige Kunden dazu animieren, ihre Rechnung zu bezahlen - mit Tricks aus dem Marketing.
Stephan Stricker will säumige Kunden dazu animieren, ihre Rechnung zu bezahlen - mit Tricks aus dem Marketing.Foto: promo

Händler umwerben Kunden mit allen Mitteln. Sie analysieren, was sie interessieren könnte und zeigen ihnen beim Onlineshopping gleich Produkte an, die zu ihnen passen. Die Firmen bemühen sich um die Kunden – allerdings nur solange sie pünktlich ihre Rechnungen bezahlen. Tun sie das nicht, ist all das vergessen. Dann werden die Kunden nicht mehr individuell angesprochen, sondern bekommen ein Standardschreiben vom Inkasso-Unternehmen. Stephan Stricker, Gründer und Chef des Berliner Start-ups Pair Finance, kann das nicht verstehen. „Der Händler hat doch ein Interesse daran, dass der Käufer seine Rechnung schnell bezahlt und ihm als Kunde erhalten bleibt“, sagt er. Deshalb will er die Tricks der Werber aufs Inkassogeschäft übertragen. Wie der Händler den Kunden zum Kauf animiert, so will Stricker ihn dazu bewegen, seine offene Rechnung zu begleichen.

Wer jung ist, wird geduzt

Deshalb wird, wer jung ist, zum Beispiel von Pair Finance geduzt. Auch der Behördensprech fällt weg. „Hey Stephan, leider hast du deine Rechnung noch nicht bezahlt“, kann es da locker heißen. Statt mit erhobenem Zeigefinger, versucht man es kumpelhaft. Angesprochen werden sollen die Schuldner dort, wo sie die Nachricht am ehesten wahrnehmen – meistens passiert das per Mail oder SMS und eben nicht per Post. Denn wer im Internet einkauft, der reagiert eher auf eine digitale Nachricht als auf einen Brief.

Zumal er auf dem Smartphone oder Laptop die offene Rechnung auch gleich mit ein paar Klicks bezahlen kann. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Händler an sein Geld kommt. „Wir haben eine höhere Realisierungsquote als klassische Inkassofirmen“, sagt Stricker. „Auch bezahlen Kunden über unseren Dienst oft sehr viel schneller.“ Im besten Fall dauert es keine zehn Minuten, bis der Kunde die Nachricht registriert und die Forderung beglichen hat.

Investoren stellen 4,5 Millionen Euro bereit

Für 200 Firmen treibt Pair Finance auf diese Weise bereits das Geld ein. Darunter ist auch der Berliner Versandhändler Zalando. Der ist offenbar von dem Online-Inkassodienst so überzeugt, dass er jetzt bei Pair Finance einsteigt. Zusammen mit anderen Investoren stellt Zalando dem Berliner Unternehmen 4,5 Millionen Euro bereit. Auch der frühere Allianz-Vorstand Maximilian Zimmerer und Ex-Immoscout-Chef Marc Stilke sind in der Finanzierungsrunde dabei. An diesem Montag soll das offiziell verkündet werden.

Mit dem frischen Kapital will Stricker seinen Dienst weiter ausbauen. Zum einen will er neben Onlinehändlern künftig zum Beispiel auch verstärkt Banken oder Versicherungen als Kunden gewinnen. Zum anderen will er mehr Psychologen und Verhaltensforscher einstellen. Sie sollen untersuchen, wie Schuldner noch gezielter angesprochen werden können. Im Marketing sei es ganz normal, die Wirkung von Werbebotschaften zu analysieren und zu hinterfragen. „Im Forderungsmanagement passiert das aber bislang kaum“, sagt Stricker. „Das wollen wir ändern.“ 

Schon jetzt kommt die Firma auf 80.000 verschiedene Möglichkeiten, wie Schuldner bei ihnen kontaktiert werden. Neben der Frage, ob jemand geduzt oder gesiezt wird, ist auch die Uhrzeit entscheidend. Wer arbeitet, ist womöglich morgens vor der Arbeit am besten ansprechbar, während Studenten nicht vor dem Mittag benachrichtigt werden. Außerdem analysiert die Firma, wie schnell jemand seine Mails öffnet und zieht daraus Rückschlüsse – zum Beispiel, ob man nochmal nachhaken muss.

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