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ARCHIV - 18.09.2019, Berlin: Viele Pakete liegen in einem Paketzentrum von Deutsche Post und DHL. (zu dpa «Corona-Pandemie lässt Zahl der Postsendungen in die Höhe schnellen») Foto: Tom Weller/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

© Tom Weller/dpa

Tagesspiegel Plus

Rekordzustellungen im Corona-Jahr: Wenn der Postmann ständig klingelt

Noch nie wurden so viele Pakete ausgeliefert wie jetzt. Was sich die Zustellunternehmen für mehr Infektionsschutz und die stressige Weihnachtszeit überlegen. Ein Überblick.

Wegen der Pandemie haben die Deutschen so viel im Internet bestellt wie nie zuvor. Auch zu Weihnachten erwarten die Logistikunternehmen Rekordmengen. Damit sie alles rechtzeitig austragen, lassen sich die Unternehmen einiges einfallen. Während das Homeoffice schnell sichtbar macht, wenn Versprechen gebrochen werden.

Profitieren die Postzusteller sehr von der Pandemie?

Das Geschäft mit lukrativen Werbesendungen ging beim Marktführer Deutsche Post DHL zwar deutlich zurück – wegen der knappen Kassen von Firmenkunden. Insgesamt hat die Coronakrise die Umsätze des Konzerns jedoch enorm angekurbelt. „Wir prognostizieren einen Anstieg der Sendungsmenge im Vergleich zum Vorjahres-Dezember um rund 15 Prozent“, sagt ein DHL-Sprecher. Zum einen wegen der Black-Friday-Rabattaktionen, zum anderen wegen Weihnachten. An den Tagen vor Heiligabend erwartet DHL Rekordmengen von mehr als elf Millionen Paketen. Am Tag. Damit wird die Post so viel ausliefern wie nie zuvor.

Bei täglich über zwei Millionen Paketen bleibt es jedoch nicht aus, dass auch mal etwas schiefgehen kann.

DPD-Sprecher

Mit Beginn der Pandemie im Frühjahr brachen die Postmengen bei Hermes zunächst ein. Ab April seien dann umso mehr Pakete verschickt worden. „Als die von der Bundesregierung erlassenen Kontaktbeschränkungen nach und nach gelockert wurden, hat sich auch das Sendungsvolumen wieder verringert“, heißt es von Hermes. Der aktuelle Teil-Lockdown falle nun genau in das Weihnachtsgeschäft. Hermes rechnet von Oktober bis Dezember dieses Jahres mit 120 Millionen Sendungen. Pro Woche würden zehn Millionen Pakete zugestellt, in manchen Wochen sogar zwölf Millionen. Insgesamt erwartet Hermes ein Plus von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auch DPD Deutschland rechnet diesen Winter mit maximalen Mengen.

Wie bereiten sich die Unternehmen auf die stressige Weihnachtszeit vor?

Um die vielen Pakete in der Vorweihnachtszeit auszuliefern, arbeitet DHL mit drei Schichten am Tag, sodass die Zusteller in den kommenden Wochen häufiger auch noch abends klingeln werden. Kleinere Päckchen sollen zudem von Briefträgern zugestellt werden. Die Arbeitszeit der Kolleginnen und Kollegen sei tarifvertraglich geregelt, Überstunden fielen laut DHL nur in geringem Umfang und in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat an. „Wir verzeichnen aktuell im Betrieb ein Zehn-Jahres-Tief bei den Überstunden“, sagt ein Sprecher, „Wir haben 60 Prozent weniger Überstunden im Vergleich zum Oktober 2010.“ Hermes setze zur Entlastung der Mitarbeiter auf technische Tools wie die digitale Tourenplanung via Tablet und die digitale Benachrichtigungskarte.

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Sind mehr Zusteller im Einsatz?

Bei DHL arbeiten rund 115.000 Zustellerinnen und Zusteller. Davon sind rund 20 000 ausschließlich im Paketbereich beschäftigt. Im Frühsommer seien bereits rund 4000 neue Kollegen eingestellt worden. Zum Vorweihnachtsgeschäft sollen noch einmal rund 10.000 weitere Frauen und Männer eingestellt werden, vor allem als Aushilfskräfte. Bei Hermes sind rund 3500 zusätzliche Mitarbeiter im Einsatz um die Feiertage. Im Jahresmittel seien es hierzulande rund 11.000 Zustellerinnen und Zusteller gewesen. Für DPD Deutschland sind regulär ebenso viele Paketbringer unterwegs. Um die erhöhten Mengen der Weihnachtszeit zu bewältigen, wurden mehr als 4000 weitere Arbeitskräfte eingesetzt.

Vom Boom im Online-Handel profitieren Paketzusteller allerdings nur wenig. In den vergangenen zehn Jahren stieg das Gehalt bei Post-, Kurier- und Expressdiensten deutlich langsamer als in der gesamten Wirtschaft, wie neu veröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Demnach legte der Bruttomonatsverdienst aller Beschäftigten der Branche gemessen am Jahr 2010 um 15,6 Prozent zu. In der gesamten Wirtschaft waren es in dem Zeitraum 25,6 Prozent mehr. 2019 bekamen Vollzeitbeschäftigte im Mittel 2924 Euro brutto im Monat; Ungelernte 2019 Euro. Außerdem haben die Beschäftigten in der Paketbranche selten eine geregelte Arbeitswoche: zwei von drei Erwerbstätigen arbeiteten 2019 auch am Wochenende und an Feiertagen, so die Statistiker. 15 Prozent lieferten ebenso nachts aus.

Mehr Geld? Von wegen! In den vergangenen zehn Jahren stieg das Gehalt der Zusteller deutlich langsamer als in der gesamten Wirtschaft.

© Winfried Rothermel/ Imago

Was sagen die Unternehmen zu Beschwerden von Kunden, dass der Zusteller nicht klingelte, obwohl man im Homeoffice saß?

DHL bedauere es, wenn Kundinnen und Kunden sich über Zustellprobleme ärgerten. „Wir können nicht ausschließen, dass das im Einzelfall auch vorkommt“, heißt es. Die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter mache aber eine tadellose Arbeit und versuche es immer einmal persönlich. „Das ist unser Qualitätsversprechen“, sagt ein Sprecher. Bei Hermes seien die Beschäftigten dazu verpflichtet, bis zu vier Zustellversuche zu unternehmen, sollte der Kunde oder die Kundin nicht angetroffen worden sein. Für DPD sei klar: Jede Beschwerde sei eine zu viel. „Bei täglich über zwei Millionen Paketen bleibt es jedoch nicht aus, dass auch mal etwas schiefgehen kann“, heißt es.

Wie schützen die Zusteller ihre Kunden?

Mit Paket unterm Arm in der Weihnachtszeit dicht an dicht anstehen – bloß nicht. In Berlin können Kunden ihre DHL-Sendungen bei Mitarbeitern bei Paketbussen abgeben oder entgegennehmen. An der frischen Luft. Zehn Busse stehen in verschiedenen Bezirken bereit. Dort können die Bewohner der Hauptstadt ihre Päckchen bis Mitte Januar abholen und aufgeben. Die gelb lackierten Fahrzeuge hat die Deutsche Post DHL Group bei einer Tochter der Deutschen Bahn gemietet, die eigentlich Stadtrundfahrten in Berlin anbietet. Da zur Zeit kaum Touristen in die Hauptstadt kommen, waren die Busse frei.

Auch die Konkurrenten des Marktführers versichern, dass der Infektionsschutz in der Weihnachtszeit sicher gestellt sei. So hätten sich die Kunden vielfach daran gewöhnt, Pakete ohne Unterschrift entgegenzunehmen. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) meint: Die kontaktlose Abgabe und Zustellung trage wesentlich zum Infektionsschutz bei. Der Verband vertritt DPD, GLS, GO!, Hermes und UPS.

Verändert Corona die Paketlogistik?

Derzeit hat nach DHL-Angaben fast die Hälfte der Haushalte in Deutschland eine Packstation in ihrer Nähe, also im Umkreis von einem Kilometer Entfernung. Wegen der hohen Nachfrage will die Deutsche Post DHL ihr Netz an Packstationen aber stark ausbauen. Von derzeit etwa 6000 soll die Zahl der Anlagen bis Ende 2023 auf mindestens 12.000 steigen. Besonders in Coronazeiten hätten mehr Menschen die Packstationen „für sich entdeckt“, heißt es vom Unternehmen. So entgehen sie dem direkten Kontakt mit dem Zusteller und langen Warteschlange in der Filiale ebenfalls.

Packstationen sind gelbe Schrankwände aus Metall mit unterschiedlich großen Boxen, die an Supermärkten, Tankstellen und Bahnhöfen stehen. Mit einem Abhol-Code können die Kunden ihre Pakete dort rund um die Uhr einsammeln oder zum Versand aufgeben, die Benutzung der Anlage ist kostenfrei. 2003 wurden erste Stationen aufgestellt.

Die Konkurrenz bemüht sich ebenfalls um das Thema Paketabholstationen, ist DHL aber weit unterlegen. Deswegen fordern die übrigen Logistikfirmen gemeinsame Anlagen, wo Pakete verschiedener Anbieter angeliefert werden. Hiervon jedoch hält der Marktführer DHL wiederum wenig. Der Logistik-Professor Kai-Oliver Schocke und andere Wissenschaftler von der Frankfurt University of Applied Sciences haben das Forschungsprojekt „Dein Depot“ durchgeführt, in dessen Rahmen sie rund 2000 Bundesbürger nach ihrer Haltung zu anbieterneutralen Paketabholstationen befragt haben. 60 Prozent gaben an, dass sie ein solches Angebot nutzen würden. Von diesen wiederum wären 60 Prozent bereit, Geld für so eine Abholmöglichkeit in nächster Nähe zu bezahlen – und zwar im Schnitt 73 Cent pro Paket.

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