Schuldenfalle : Wie gefährlich ist Chinas Kreditfalle für Entwicklungsländer?

Einer neuen Studie zufolge sind die Kredit-Bedingungen Chinas durchaus fair. Problematisch ist, dass viele Gelder im Geheimen vergeben werden.

Niko Beckert
Die Luxushotels an der Strandpromenade von Sri Lanka sind größtenteils von chinesischen Investoren erbaut.
Die Luxushotels an der Strandpromenade von Sri Lanka sind größtenteils von chinesischen Investoren erbaut.Foto: picture alliance/dpa

Einer der zentralen Vorwürfe an China lautet: Das Land verursache mit seiner Kreditvergabe im Rahmen des Projekts „Neue Seidenstraße“ neue Schuldenkrisen in den Partnerländern und mache sie von sich abhängig. Dieser Vorwurf fußt allerdings auf schwachen empirischen Grundlagen, wie Studien und der Vergleich mit dem Kreditgebaren privater Investoren zeigen.

Als Beispiel für die vermeintliche chinesische „Schuldenfallendiplomatie“ wird Sri Lanka angeführt. Der Staat nahm einen chinesischen Kredit für den Bau eines Hafens auf. Obwohl eine dänische Machbarkeitsstudie die Profitabilität des Hafenprojekts bescheinigte, entstanden Verluste. Der Schuldendienst wurde erschwert. Sri Lanka verkaufte 70 Prozent des Hafens an ein chinesisches Unternehmen. China wird unterstellt, das von langer Hand geplant zu haben.

Die US-Polit-Ökonomin Deborah Brautigam ist Direktorin der China Africa Research Initiative an der John Hopkins Universität in Washington. Sie untersucht die China-Afrika-Beziehungen und die Kreditvergabe Chinas seit mehr als zehn Jahren. Brautigam kritisiert, der Fall Sri Lankas werde als Einzelfall herausgegriffen und falsch dargestellt. Ihr zufolge seien es nicht die chinesischen Kredite gewesen, die Sri Lanka zum Verkauf der Hafenanteile bewegt hätten. Vielmehr hätte die Kreditaufnahme an den internationalen Anleihemärkten Sri Lankas Staatshaushalt unter Druck gesetzt.

Brautigam betont, der Verkauf sei nötig gewesen, um an Devisen zu gelangen, mit denen die Anleihen bedient werden konnten. Der Verkauf sei keine Vermögensbeschlagnahmung durch China gewesen. Brautigam und Forscher der Universität Bostons sowie der Universität in Williamsburg, Virginia, haben insgesamt mehr als 3000 Auslandsprojekte mit chinesischer Finanzierung untersucht und keine Anzeichen für eine Schuldenfallendiplomatie entdeckt.

China lässt sich in Rohstoffen bezahlen

Darüber hinaus haben chinesische Kredite keine höheren Zinsen als diejenigen, die private Banken an Entwicklungs- und Schwellenländer vermitteln. Zwar lässt sich China seine an afrikanische und südamerikanische Staaten vergebenen Kredite häufig absichern. Können die Schuldner ihre Zinsen nicht bedienen, sind sie dementsprechend zur Lieferung von Rohstoffen verpflichtet oder China kann Gewinne von Staatsfirmen einfordern.

Bei diesen Klauseln unterscheidet sich China von anderen staatlichen Kreditgebern. China profitiert jedoch nicht durch umfangreiche Rohstofflieferungen zu überhöhten Preisen, wie die US-Wissenschaftler Brautigam und Kevin Gallagher herausgefunden haben. Ihre Erkenntnisse: China verzichtet sogar häufig auf Rohstofflieferungen als Ausgleich für entfallene Kredite. Seit 2000 hat der chinesische Staat 140 Schuldenerleichterungen und -erlassen zugestimmt. Seit 2010 gab es einen deutlichen Anstieg dieser Erleichterungen und Erlasse.

Auch der häufig geäußerte Vorwurf, China sei für die hohe Verschuldung afrikanischer Staaten verantwortlich, greift offenbar zu kurz. Schätzungen zufolge entfallen 18 bis 24 Prozent der afrikanischen Auslandsschulden auf China. Private Investoren und Spekulanten - Banken, Versicherungen, Pensions- und Hedgefonds – halten hingegen 32 Prozent der afrikanischen Auslandsschulden. Ein weiteres gutes Drittel entfällt auf multilaterale Organisationen wie die Weltbank.

Chinas Kredite sind häufig intransparent

Besorgniserregend ist jedoch Chinas geheime Kreditvergabe. Fast jeder zweite Kredit (40 Prozent), den China an seine 50 größten Schuldner vergibt, taucht nicht in Weltbank-Statistiken auf, wie eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel zeigt. Bei 25 Ländern übersteigen demnach diese versteckten Schulden fünf und teilweise sogar zehn Prozent ihrer Wirtschaftskraft. Weil andere Kreditgeber nicht von diesen Schulden wissen, kann es schnell zu einer Überschuldung kommen, wenn sie zusätzliche Kredite gewähren.

Während China im Rampenlicht steht, wird das Gebaren privater Kreditgeber weniger öffentlich. Private Gläubiger – wie Investmentfonds und ihre Anleger – haben maßgeblich zur hohen Verschuldung einiger afrikanischer Länder beigetragen. Selbst Vermögensverwalter und Banker geben zu, dass die Investoren das Kreditrisiko in afrikanischen Staaten häufig unterschätzten. „Die Leute kaufen alles, solange es ihnen Rendite bringt“, wird ein Banker in der Financial Times zitiert.

Und auch Banken vergeben geheime Kredite. Kürzlich bekannten sich zwei Banker der Credit Suisse schuldig, den Schuldenstand Mosambiks durch Korruption um zwei Milliarden US-Dollar erhöht zu haben. In der Kritik stehen auch Rohstoffhandelskonzerne, die im Tausch für Öl- Vertriebsrechte versteckte Kredite an afrikanische Staaten vergeben. So treibt die intransparente Kreditvergabe die Verschuldung in Entwicklungs- und Schwellenländern an. Chinas Kreditvergabe ist ein wichtiger Bestandteil dieser Geschichte. Aber nicht der einzige.

Der Autor ist Politikwissenschaftler. Er arbeitet für die Nichtregierungsorganisation „Power-Shift“, einem „Verein für eine ökologisch-solidarische Energie- & Weltwirtschaft“.

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