Wälder als Rettung : „Die wichtigste Waffe gegen die Klimakrise sind Bäume“

Bäume zu pflanzen kann ein entscheidendes Mittel gegen die globale Erwärmung sein. Das haben Forscher der ETH Zürich jetzt herausgefunden.

Sinan Reçber
Der Baumbestand lässt sich an vielen Stellen erweitern, sagen Forscher.
Der Baumbestand lässt sich an vielen Stellen erweitern, sagen Forscher.Foto: Getty Images/iStockphoto

Aufforsten im großen Stil hilft gegen die Erwärmung. Das ist die Erkenntnis einer aktuellen Untersuchung. „Die wichtigste Waffe gegen die Klimakrise sind Bäume“, sagt Wissenschaftler Jean-François Bastin. Diese Behauptung kam nicht von irgendwoher: Bastin hat mit seiner in der Fachzeitschrift „Science“ erschienenen Studie herausgefunden, dass die Weltgemeinschaft zwei Drittel der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen binden könnte, wenn sie Wälder im globalen Maßstab aufforstet. Laut der Untersuchung, die Bastin am Mittwoch in Berlin vorstellte, besteht das Potenzial, die weltweite Waldfläche um 0,9 Milliarden Hektar zu vergrößern – das wäre in etwa so groß wie die Fläche der Vereinigten Staaten.

Wie die Berechnungen der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) zeigen, könnten die so gepflanzten Bäume 750 Milliarden Tonnen CO2 binden, sobald sie ausgewachsen sind. Diese Menge entspricht zwei Dritteln des CO2-Budgets, die noch übrig bleiben, um unterhalb der Zwei-Grad-Grenze zu bleiben. Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden, schreiben Forscher in ihrer Studie. „Die Regierungen müssen diese Erkenntnisse nun in ihre nationalen Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels einbeziehen“, forderte Bastin in Gegenwart des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller (CSU). Das Ministerium hat die Studie mitfinanziert.

Es ist entscheidend, sofort zu beginnen

Doch die Zeit drängt, mahnte Tom Crowther von der ETH als Mitautor der Studie: „Es wird Jahrzehnte dauern, bis diese neuen Wälder entstehen, wachsen und ihr volles Potenzial erreichen. Deshalb ist es entscheidend, dass wir sofort mit der Wiederaufforstung beginnen, bestehende Wälder schützen, andere Klimalösungen vorantreiben und aufhören, fossile Brennstoffe zu benutzen.“ Nicht nur die Wachstumszeit müsse im Blick bleiben: Denn selbst wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt bleibt, könnte die fruchtbare Fläche für Wälder bis Mitte des Jahrhunderts um ein Fünftel schrumpfen, wie die Modellrechnungen ergaben.

Um herauszufinden, welche Flächen der Erde sich für Aufforstung eignen, haben die Geographen und Biologen fast 80.000 hochauflösende Satellitenbilder mittels künstlicher Intelligenz untersucht. Welche Gebiete konkret infrage kommen, ist seit Donnerstagabend klar. Auf der Webseite der Schweizer Hochschule findet sich eine interaktive Karte, auf der man mit einigen Klicks herausfinden kann, ob und wie viel ein markierter Landstrich weiteres Waldpotenzial hat. Für einzelne Gebiete in Somalia beispielsweise zeigt die Maske ein „Forest Restoration Potential“ von rund 50 Prozent an.

Natürliche Lösungen für die Folgen des Klimawandels

Die Forscher des Crowther Lab, die an der ETH Zürich nach natürlichen Lösungen für die Folgen des Klimawandels suchen, haben Städte und landwirtschaftliche Flächen bei ihrer Berechnung bewusst ausgespart. Es gehe vor allem um ehemals intakte, aber heute zerstörte Ökosysteme, schreiben Studienleiter Jean-François Bastin und Kollegen. Besonders viele Flächen für eine Aufforstung habe Russland, gefolgt - mit Abstand - von den USA, Kanada, Australien, Brasilien und China.

Dass durch den Klimawandel dichtere Wälder entstehen, wie viele aktuelle Klimamodelle vorrechnen, schließt die Schweizer Studie grundsätzlich aus. Zwar könnten Wälder in borealen – das heißt nördlichen – Ökozonen wie in Sibirien zulegen, doch die Verluste in dichten Tropenwäldern stünden in keinem Verhältnis zu den vergleichsweise geringen Zuwächsen im Norden.

Wälder im großen Stil wiederaufzuforsten, praktizieren dutzende Länder schon länger. Bis Anfang diesen Jahres haben sich 48 Staaten der sogenannten „Bonn Challenge“ und der „African Forest Landscape Restoration Initiative“ (AFR 100) angeschlossen, um in den nächsten zehn Jahren etwa 250 Millionen Hektar Wald zu pflanzen. Doch die Studie bemängelt, dass viele teilnehmende Länder weitaus zaghafter handeln als notwendig: Häufig ließen die Staaten nur weniger als die Hälfte der möglichen Fläche bepflanzen.

Schüler bepflanzen zum Tag des Waldes ein Grundstück an der Dresdner Heide im Stadtteil Hellerberge mit 2.450 Jungbäumen.
Schüler bepflanzen zum Tag des Waldes ein Grundstück an der Dresdner Heide im Stadtteil Hellerberge mit 2.450 Jungbäumen.Foto: Oliver Killig/dpa-Zentralbild/dpa

Der Ökologe Crowther nimmt aber nicht nur Staaten in die Pflicht: „Die Aufforstung ist eine Klimalösung, an der wir uns alle beteiligen und damit einen spürbaren Beitrag leisten können“, sagte er. „Sie können selbst Bäume züchten, an Baumpflanzinitiativen spenden oder ihr Geld einfach verantwortungsbewusst in Unternehmen investieren, die Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen.“ Entwicklungshilfeminister Müller schlug in dieselbe Kerbe: „Wer das Klima schützen will, muss den Wald und insbesondere die Tropenwälder des Planeten retten.“

Laut Müller werden jährlich mehr als sieben Millionen Hektar Tropenwald gerodet. 15 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes seien auf Brandrodung im Zusammenhang mit dem Anbau von Soja zurückzuführen. Deshalb will der CSU-Politiker im neuen Mercosur-Abkommen eine verbindliche Kennzeichnung für Sojaimporte aus Brasilien, Uruguay, Argentinien und Paraguay verankern.

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Mit der Zertifizierung möchte er verhindern, dass die Europäische Union Soja einkauft, das auf klimaschädliche Brandrodung zurückgeht.

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