Weiterbildungen im Job : „Ein Berufsabschluss reicht nicht mehr“

Joachim Giese ist Chef des Weiterbildungskonzerns WBS. Im Interview spricht er über die Jobs der Zukunft - und warum Kurzarbeit besser genutzt werden könnte.

Zukunft Digitalisierung. Die Kurzarbeit wurde nur wenig für Weiterbildung benutzt.
Zukunft Digitalisierung. Die Kurzarbeit wurde nur wenig für Weiterbildung benutzt.Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild

Herr Giese, momentan befinden sich sehr viele Menschen in Kurzarbeit. Warum nutzt kaum jemand diese Zeit, um sich weiterzubilden?
Viele Unternehmen glauben, dass sie sich während Corona nicht weiterbilden könnten – wegen des Ansteckungsrisikos oder Auflagen zum Schutz vor dem Virus. Dabei fanden die allermeisten Kurse bei uns schon vor der Pandemie digital statt. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie lange die Kurzarbeit andauert. Firmen beantragen Kurzarbeit erst mal und gucken dann, wie lange sie die Gelder auch wirklich in Anspruch nehmen. Falls sich das Hotel von jemandem wieder füllt, sollen die Beschäftigten bereitstehen und nicht in Weiterbildungskursen sitzen.

Im Rückblick wäre die Zeit für einige Branchen da gewesen.
Wir haben jetzt fast sechs Monate hinter uns und im Nachhinein wäre viel Qualifizierung möglich gewesen. Die Zeit wurde diesbezüglich vergeudet. Was aber zum Beispiel gemacht wurde: Menschen aus der Eventbranche haben Teilqualifizierungen für Arbeiten im Lager absolviert.

Wahr ist auch, dass nicht nur jetzt wenig weitergebildet wird, sondern auch schon vor Corona.
Wir haben mehrere Vertriebler eingestellt, um Firmen über das Qualifizierungschancengesetz zu informieren, und die rennen nicht gerade offene Türen ein. Ich bin immer mal wieder erstaunt, wie schwierig es ist. Wenn, dann kümmern sich Personalentwickler um die Weiterentwicklung von Führungskräften oder jene, die die Kernkompetenz des Unternehmens beherrschen müssen – wie aktuell zum Beispiel Elektroingenieure bei Autokonzernen. Oft höre ich auch, für Weiterbildung fehle die Zeit. Ich kenne ein Sprichwort: Ich habe keine Zeit, den Zaun zu flicken, weil ich Hühner fangen muss.

Joachim Giese ist Vorstand der WBS Gruppe, die in Deutschland zu den führenden Anbietern von Weiterbildungen zählt. Momentan arbeiten dort mehr als 1400 Beschäftigte.
Joachim Giese ist Vorstand der WBS Gruppe, die in Deutschland zu den führenden Anbietern von Weiterbildungen zählt. Momentan...Foto: promo

Sie haben tausend Beschäftigte zu Weiterbildungen während Corona befragt. Was hat Sie am meisten überrascht?
Erfreut hat mich, dass mehr als ein Drittel in den letzten Monaten über das Thema intensiver nachgedacht hat. Andererseits nutzten nur sieben Prozent während ihrer Kurzarbeit auch wirklich die Möglichkeit einer geförderten Weiterbildung über ihren Arbeitgeber oder die öffentliche Hand.

Dabei werden die Kosten vom Staat teilweise oder sogar ganz übernommen. Wissen das die Betriebe nicht?
Große Unternehmen haben eine ganze Abteilung, die sich mit Gesetzen und Förderungen beschäftigt. Kleine Unternehmen aber nicht und die scheuen zusätzlich den bürokratischen Aufwand.

Tut die Politik genug, um das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen?
Es gibt viele Angebote, aber man kann immer mehr machen. Klar habe ich den Traum von einer großen Werbekampagne für Weiterbildung, um deutlich zu machen: Der eine Berufsabschluss nach der Schule reicht nicht mehr für das gesamte Leben aus.

Welche Inhalte sind momentan besonders gefragt?
Das ist regional verschieden. An einem Berliner Standort ist die Schulung zum Wach- und Sicherheitsdienst sehr gefragt. Beliebte Themen sind außerdem Arbeiten 4.0., Change Management, Robotik. Wir haben die WBS Coding School gegründet, wo wir Programmierer in einem Bootcamp ausbilden – zehn Wochen virtuell, drei Wochen in einem Hotel in Berlin, wo sie engagiert programmieren lernen. Die Nachfrage nach IT-Kräften wird noch mehr zunehmen. Was zu digitalisieren ist, digitalisieren die Firmen während der Pandemie plötzlich.

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Wie haben Sie sich als Bildungsträger während Corona umorganisiert?
Für uns war die Umstellung nicht enorm, weil wir schon vorher so digital waren. 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten bereits von zu Hause aus an Weiterbildungen teilgenommen, 6500 an Computern am Standort. Denen haben wir einen Rechner gegeben oder einen Remote-Zugang zu einem Rechner am Standort. Wir hatten eine sehr stressige Woche, dann herrschte wieder Normalbetrieb. Verblüffend war: Wir mussten 400 Teilnehmer mit Internet ausstatten, das sie nicht zu Hause hatten. Auch daran scheitert digitales Lernen noch. Für sie haben wir LTE-Hotspots organisiert, damit sie sich in die virtuelle Lernwelt einloggen können.

Was ist eine virtuelle Lernwelt?
Beim Thema Weiterbildung wird oft in den Kategorien 0 und 1 gedacht – entweder man besucht einen Präsenzkurs oder schaut sich zu Hause ein Video an. Bei uns ist es so: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer laden sich unseren Client runter und dann laufen sie wie in einem Videospiel als Avatare durch ein virtuelles, dreidimensionales Schulungsgebäude, setzen sich in den Unterrichtsraum oder ihr Büro. Wenn sie oder der Trainer reden, bewegt sich der Mund des Avatars; wollen sie etwas sagen, heben sie den Arm.

Haben Sie die Pandemie finanziell gespürt?
Wir hatten kaum Umsatzeinbußen. Zwischendurch hatten wir mal etwas weniger Teilnehmer, weil die Arbeitsagenturen mit anderen Themen wie der Kurzarbeit sehr beschäftigt waren. Jetzt haben wir aber so viele Teilnehmer wie letztes Jahr.

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Der Arbeitsmarkt wandelt sich vor allem wegen der Digitalisierung radikal. Etliche Jobs sollen wegfallen, sich verändern. Ganz neue werden entstehen. Wie dringlich ist es, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter endlich darauf vorbereiten?
Studien sagen, dass sich 30 bis 50 Prozent aller Jobs verändern werden. Deswegen ist Qualifizierung extrem notwendig. Vor allem An- und Ungelernte müssen Chancen bekommen, weil ihre Jobs als Erstes automatisiert werden. Wir sprechen zwar seit Jahren vom lebenslangen Lernen. Aber wir sind noch sehr weit davon entfernt, dass es normal ist, sich einige Monate weiterzubilden statt häppchenweise mit eintägigen Seminaren und Podcasts.

Woher wissen Sie, was in Zukunft gebraucht werden wird an Kompetenzen?
Ein 20-köpfiges Produktmanagement- Team schaut sich die Themen der Zukunft an, analysiert Arbeitsmarktstatistiken. IT wird immer wichtiger werden und alles rund um eine agile Organisation des Unternehmens.

Die Bundesagentur für Arbeit arbeitet mit vielen Trägern zusammen. Auch mit Ihnen. Wie läuft das Verfahren ab, um dort gelistet zu sein?
In der Datenbank Kursnet kann sich jeder Bildungsträger kostenlos eintragen lassen. Die Voraussetzung ist, zertifiziert zu sein. Das benötigen alle Unternehmen, um mit Bildungsgutscheinen abrechnen zu können.

Es gibt an Weiterbildungen immer wieder Kritik: schlechte Dozenten, unpassende Kurse, wenig Qualitätskontrollen. Können Sie sich davon freisprechen?
Bei so vielen Kursen und Teilnehmern kommt es auch bei uns mal vor, dass jemand unzufrieden ist. Gegenüber der Arbeitsagentur sind wir aber zur Qualität verpflichtet. Ein Zertifizierungsunternehmen prüft uns jedes Jahr auf Herz und Nieren und die Teilnehmer bewerten die Kurse. Allerdings finde ich es wichtig, sich vorher auch genau über eine Weiterbildung zu informieren. Eine Enttäuschung kommt manchmal auch von falschen Erwartungen.

Es gibt in diesem Milliardenmarkt also keine dubiosen Anbieter?
Dubiose Anbieter kenne ich nicht, aber es gibt auch verschiedene Segmente. In unserem, dem mit Bildungsgutscheinen, machen sich die Menschen sehr für die Weiterbildung stark, sind hoch motiviert und deswegen auch zufriedener. Dann gibt es noch Maßnahmen, bei denen die Teilnahme vom Vermittler verbindlich vorgeschlagen wird, hier ist die Zufriedenheit möglicherweise geringer als bei den Maßnahmen, die man sich selbst ausgesucht hat.

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