Wissenschaft und Fachhochschulen : Dr. Wäscheforscherin

Auch wer an einer Fachhochschule studiert, kann heute promovieren. Was für eine Dissertation spricht – und wie es funktioniert.

Testgang. Claudia Heller beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Frage, wie Bekleidung durch Waschen altert.
Testgang. Claudia Heller beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Frage, wie Bekleidung durch Waschen altert.Foto: HTW Berlin

Claudia Heller ist eine der ersten Studierenden, die im Forschungsprojekt „Hausgeräte zur Wäschepflege“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) promovieren. Zum Ende ihres Masters in Bekleidungstechnik an der HTW fragte ihre heutige Doktormutter, ob Heller nicht Lust hätte, bei ihr im Forschungsprojekt ihren Doktor zu machen. Heller nahm das Angebot an und promoviert nun seit knapp zwei Jahren in einer Kooperation von HTW und Technischer Universität Berlin (TU).

Die Fachhochschulen (FHs) haben im Gegensatz zu Unis kein eigenes Promotionsrecht. Um eine Doktorarbeit zu schreiben, mussten FH-Absolventen bisher an eine Universität gehen. Heute ist der gängige Weg: die so genannte kooperative Promotion. Hierbei wird das Erstgutachten von einem Professor oder einer Professorin der Uni und das Zweitgutachten von einem Professor oder einer Professorin einer FH erstellt. Die Betreuung des Doktoranden erfolgt nach individueller Absprache. Der inhaltliche Anspruch ist gleich hoch: Die Qualitätsstandards entsprechen denen anderer Promotionen. Die Titel werden ja auch nur von den Universitäten verliehen.

Zwei kooperative Promotionen in einem Jahr

Auch wenn die Voraussetzungen jetzt geschaffen sind – in der Praxis spielen die kooperativen Doktorarbeiten bisher kaum eine Rolle. Von den 2202 Promotionen, die das statistische Landesamt im Jahr 2018 für die Berliner Unis zählt, entstanden gerade einmal zwei Promotionen in kooperativen Verfahren. Im Jahr davor waren es drei von 2335 Promotionen. (Tatsächlich könnten es einige mehr sein. Da die kooperativen Promotionen erst seit 2017 erfasst werden, geht das Amt davon aus, dass nicht alle Promotionen dieser Art angegeben wurden).

„Sinnvoll ist so eine Doktorarbeit für Studierende mit Masterabschluss, die eine spannende noch nicht wissenschaftlich bearbeitete Fragestellung länger und selbstständig bearbeiten möchten“, sagt Bettina Völter, Rektorin der Alice Salomon Hochschule Berlin. Von Vorteil sei, wenn sie bereits einige Forschungserfahrung mitbringen. „Für FH-Absolventen und Absolventinnen bieten sich sehr oft Themen aus den Zusammenhängen der beruflichen Praxis an, die gesellschaftlich hoch relevant sind, weil ihre Lösung meist vielen Menschen, der Politik, der Wirtschaft, dem Gemeinwesen weiterhilft“, sagt die Rektorin.

Claudia Heller beschäftigt sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit der Frage, wie Bekleidung durch Waschen altert, wie sich also die Farbe und das Material beim Waschen verändern. Ihr Ziel ist es dabei, die Wäschebeständigkeit von Kleidung zu erhöhen, also möglichst nachhaltige, textil- und umweltschonende Waschprozesse zu entwickeln.

Eine Promotion macht für FH-Absolventen Sinn, die ihre Kreativität und ihren Forscher- beziehungsweise Forscherinnengeist kontinuierlich in ihre professionelle oder berufliche Praxis einbringen möchten, für solche, die vorhaben, in Leitungspositionen zu gehen oder die eigene Projekte aufbauen möchten. Und natürlich für diejenigen, die weiter forschen möchten oder eine Karriere in einer Hochschule anstreben, sagt Völter.

Die Uni verleiht den Titel

Das Promotionsverfahren wird an der Universität durchlaufen, von der dann auch der Doktortitel verliehen wird. Das gilt ebenso, wenn ein Promotionsprojekt hauptsächlich an einer FH entstanden ist und hier schwerpunktmäßig bearbeitet wurde. In der Regel drei bis fünf Jahre muss man für ein solches Verfahren einplanen. Voraussetzung für die Annahme eines Bewerbers oder einer Bewerberin ist ein überdurchschnittlich gut abgeschlossenes, fachlich einschlägiges Hochschulstudium, in der Regel ein Masterabschluss.

Claudia Heller rät Interessierten: Sie sollten sich nicht entmutigen zu lassen – auch wenn es schwierig werden könnte, einen Betreuer an einer Universität zu finden. Sie selbst hatte Glück: In ihrem Themenbereich, der Wäschepflege, gibt es eine etablierte Kooperation der HTW, der Beuth Hochschule, der TU und dem Industrieunternehmen BSH Hausgeräte. Dadurch konnte Heller leicht einen betreuenden Professor an der TU finden.

Familiäre Betreuung

Ein großer Vorteil kooperativer Promotionsverfahren liege in der Betreuung. „Wir sind ein sehr kleiner Studiengang an der HTW, dadurch ist bei uns alles sehr familiär“, erzählt Heller. Ihre Doktormutter sieht sie eigentlich täglich, einmal wöchentlich hat sie einen Gesprächstermin mit ihr. „So eine enge Betreuung ist natürlich sehr hilfreich“, sagt sie. Auch die Betreuung durch ihren Doktorvater an der TU sei gut, alle drei bis sechs Monate könne sie in einem Einzelgespräch mit ihm Fragen zu ihrem Forschungsprojekt persönlich klären. Eine Benachteiligung, weil sie an einer Fachhochschule studiert hat und in einem kooperativen Verfahren promoviert, erlebt Heller nicht. „Wenn ich auf Konferenzen fahre und andere Wissenschaftler aus meinem Fachbereich treffe, spielt das gar keine Rolle.“

Als Stipendiatin des Berliner Hochschulprogramms „DiGiTal – Digitalisierung: Gestaltung und Transformation“ arbeitet sie zudem interdisziplinär mit anderen Nachwuchsforscherinnen zusammen, die teilweise auch in kooperativen Verfahren promovieren.

Rektorin Völter rät: Wenn Doktoranden mit ihren Anliegen nicht hinreichend wahrgenommen werden, sollten sie eine unabhängige Beratung aufsuchen – bevor sie aufgeben oder das Vorhaben schleifen lassen. Überhaupt sei eines ganz wesentlich an einer Promotionsarbeit: mit Zuversicht dran zu bleiben.

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