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Zu viel Plastikmüll: EU will Strohhalme verbieten : Was steckt hinter dem Plastikverbot?

Acht Millionen Tonnen Plastikteile landen jedes Jahr weltweit in den Ozeanen. Nun geht die EU gegen Einwegartikel wie Strohhalme, Gabeln und Rührstäbchen vor.

Plastikstrohhalme oder beschichtete Einweg-Kaffeebecher sind Teil des Problems.
Plastikstrohhalme oder beschichtete Einweg-Kaffeebecher sind Teil des Problems.Foto: Patrick Pleul/dpa

Die EU will Abfälle im Meer stark reduzieren. Dazu regt sie Verbote vieler Einwegprodukte aus Plastik, die am häufigsten an den Stränden gefunden werden, an. Außerdem will sie der Industrie die Kosten für die Entsorgung von Fischereinetzen, die im Meer verloren gegangen sind, sowie Zigarettenkippen und anderen Kunststoffen auferlegen. Die Kommission stellte ihre Pläne am Montag in Brüssel vor. Bis diese Pläne der EU umgesetzt werden, müssen eine Mehrheit der Mitgliedstaaten sowie das Europaparlament zustimmen.
Die EU will Einwegkunststoffprodukte vom Markt nehmen, für die es preislich erschwingliche Alternativen gibt. Sie plant ein Vermarktungsverbot für aus Plastik hergestellte Wattestäbchen, Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen und Luftballonstäbe. Die Kommission schlägt vor, dass diese Gegenstände künftig aus umweltfreundlicheren, leichter vergänglichen Materialen hergestellt werden müssen. Einweggetränkebecher aus Plastik sollen nur dann erlaubt sein, wenn Deckel und Verschlüsse an ihnen befestigt sind.

Bei Einwegprodukten, bei denen es noch keine preiswerten Alternativen zu Plastik gibt, setzt Brüssel auf Vorgaben an die Hauptstädte: Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, dass weniger Lebensmittelverpackungen und Getränkebehälter in Umlauf kommen. Sie können etwa Einwegprodukte aus Plastik teurer machen, plastikfreie Alternativen stärker in den Handel bringen oder nationale Ziele für die Reduzierung des Plastikmülls aufstellen.

Die Hersteller werden zur Kasse gebeten und sollen für die Entsorgung von bestimmten Plastikabfällen sowie Kampagnen zahlen, mit denen das Verhalten der Verbraucher umweltbewusster werden soll. Dies gilt für folgende Plastikprodukte: Behälter, Tüten und Folienverpackungen für Lebensmittel, etwa Chips und Süßigkeiten, Getränkeflaschen, Filterzigaretten, Feuchttücher, Luftballons und einfache Plastiktüten.

Die Verbraucher seien gefordert, den Gebrauch und die Entsorgung von Produkten aus Plastik zu überdenken, die eine hohe Belastung für die Umwelt darstellen, hieß es: Dies gelte etwa für einige Kosmetikartikel wie Hygieneeinlagen, Feuchttücher sowie Luftballons. Die EU-Kommission denkt hier auch über Hinweise auf den Produktverpackungen nach. Labels sollen die Bürger darüber informieren, wie ein Produkt am besten entsorgt wird, ob es Plastik enthält und wie umweltschädlich es ist. Im großen Stil sind Kampagnen zur Aufklärung geplant: Mitgliedstaaten sollen von Brüssel verpflichtet werden, die Bürger zu sensibilisieren, welche Folgen eine unsachgemäße Entsorgung für die Umwelt hat.

Die EU-Kommission will zudem verpflichtende Recyclingquoten für die Mitgliedsländer durchsetzen. 2025 sollen die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet werden, 90 Prozent aller Einweggetränkeverpackungen aus Plastik zu sammeln und wiederzuverwerten. Dafür sind etwa Rücknahmesysteme in Kombination mit einer Bepfandung denkbar.
Der Kommission geht es vor allem die Meere. Untersuchungen haben ergeben, dass zehn Einwegprodukte aus Plastik sowie Fischfanggeräte 70 Prozent der Plastikabfälle im Meer ausmachen. Ein Spezialfall sind die Fischfanggeräte. Netze machen 27 Prozent der Strandabfälle aus. Die Kommission will die Hersteller verpflichten, die Kosten für das Einsammeln der Plastikgegenstände sowie Abtransport und Recycling zu übernehmen.

Plastikverpackungsabfall pro Kopf im EU-Vergleich - in den Jahren 2014/2015. In Irland, wo besonders viel Müll produziert wurde, hat die Regierung mittlerweile drastische Maßnahmen im Kampf gegen den Abfall produziert.
Plastikverpackungsabfall pro Kopf im EU-Vergleich - in den Jahren 2014/2015. In Irland, wo besonders viel Müll produziert wurde,...Grafik: ThorstenEberding/AFP

Ein anderes Problem auf See sind die Einkaufstüten. Die hatte sich die EU schon früher vorgeknöpft. So will sie durchsetzen, dass jeder EU-Bürger bis 2025 im Schnitt nur noch 40 Tüten im Jahr verbraucht. Ausgenommen sind dünne Plastiktüten, wie sie etwa zum Verpacken von Obst und Gemüse im Supermarkt verwendet werden. In Deutschland, wo im Schnitt 71 Tüten pro Einwohner verbraucht werden (Stand 2016), hat sich die Regierung mit dem Handel zur Umsetzung der EU-Richtlinie auf eine Selbstverpflichtung geeinigt. Sie sieht vor, dass bis 2018 mindestens 80 Prozent aller Tüten an der Ladentheke in Deutschland kostenpflichtig sind, ansonsten droht ein Gesetz. Laut Bundesumweltministerium halten die Händler ihre Zusagen ein.

Heike Vesper, Meeresschutzexpertin beim WWF Deutschland, sagte: „Wegwerfplastik direkt anzugehen ist wichtig, aber die EU nimmt hier mit Einwegartikeln aus der Gastronomie nur die Spitze des Eisbergs ins Visier.“ Europaweit müssten deutlich klarere Signale in Richtung Vermeidung und Kreislaufwirtschaft gesetzt werden. Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) warf der EU vor, Symbolpolitik zu betreiben. „Wenn es zu einem Trend geworden ist, unterwegs zu essen und zu trinken, gilt es, nachhaltige Lösungen dafür zu stärken, ohne bestimmte Materialien zu diskriminieren.“

Lesen Sie hier zum Thema einen Gastbeitrag der Grünen-Politiker Robert Habeck und Oliver Krischer.

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