Zu wenig Energie : Das deutsche Stromnetz war zeitweise überlastet

Im Juni ist zwischenzeitlich der Strom in Deutschland knapp geworden. Jetzt prüft die Netzagentur die Rolle der Stromhändler.

Christian Schaudwet
Hochspannungsmasten bei Sonnenuntergang in Hamburg.
Hochspannungsmasten bei Sonnenuntergang in Hamburg.Foto: McPODE

Haben Stromhändler das Netz an den Rand eines Blackouts gebracht? Die Bundesnetzagentur prüft, ob Händler dafür verantwortlich sind, dass im Juni zeitweise der Strom im Netz knapp wurde. Die Ursache sei noch nicht eindeutig geklärt, sagte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage des Tagesspiegels am Dienstag. „Wir werden die Situation sorgfältig analysieren. Dabei werden wir auch prüfen, ob neben systembedingten Faktoren bewusste Leerverkäufe eine Rolle für die Unterdeckung gespielt haben.“ Das wäre ein „grober Verstoß gegen die Verpflichtung, möglichst ausgeglichene Bilanzkreise zu führen“, sagte der Sprecher.

Händler könnten zu viel Strom verkauft haben

Bilanzkreise sind virtuelle Energiemengenkonten im Strommarkt, die sicherstellen sollen, dass genauso viel Strom geliefert wie verkauft wird. Grund der Engpässe im Juni könnte eine massenhafte Unterdeckung solcher Bilanzkreise gewesen sein. Offenbar besteht der Verdacht, dass Händler aus Profitmotiven mehr Strom verkauften als sie für ihre Bilanzkreise beschafften – in der Gewissheit, dass die Übertragungsnetzbetreiber die fehlenden Energiemengen ausgleichen würden. Diese sogenannte Regelenergie wird ad hoc angefordert, um das Stromnetz im Notfall stabil zu halten. Zuständig für die Regelenergie sind die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion, 50 Hertz und Transnet BW.

Im Juni war es an drei Tagen zu Stromengpässen gekommen, zuletzt in der vergangenen Woche. Die Übertragungsnetzbetreiber hatten alle Hände voll damit zu tun, die Schwankungen auszugleichen und mussten Strom aus dem Ausland importieren. Dennoch drohte laut Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kein Stromausfall: „Die Netz- und Versorgungssicherheit ist und war gewährleistet“, sagte der für die Bundesnetzagentur zuständige Minister am Dienstag. Nach Einschätzung der Behörde war die naturgemäß schwankende Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien kein Grund für die Knappheiten.

Einen Fall von Bilanzkreis-Unterdeckung hatte es im Jahr 2012 gegeben. In einem Schreiben der Bundesnetzagentur an Stromhändler war von „erheblichen, über mehrere Stunden andauernden Unterdeckungen“ die Rede. Danach waren Regeln und mögliche Sanktionen bei Verstößen deutlich verschärft worden.

Die Preise sind kurzfristig stark gestiegen

Nach den Engpässen im Juni dieses Jahres sind die Strompreise an der Börse kurzfristig stark gestiegen. Um nicht erneut unter Druck zu geraten, haben die Übertragungsnetzbetreiber am vergangenen Wochenende die sogenannte Minutenreserve auf 2000 Megawatt erhöht. Das ist Regelenergieleistung, die im Notfall kurzfristig – binnen Minuten – zur Verfügung gestellt werden kann, um das Netz stabil zu halten. Sie wird von den Übertragungsnetzbetreibern ausgeschrieben und dann von Stromerzeugern vorgehalten.

Wegen des Atomausstiegs, des Zurückfahrens der Kohleverstromung, des steigenden Anteils dezentraler erneuerbarer Energien und des erhöhten Transportbedarfs von Nord nach Süd sind die Anforderungen an die Übertragungsnetzbetreiber stark gestiegen. Der Ausbau der großen Höchstspannungstraßen geht zu langsam vonstatten.

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