11.000 Forscher warnen vor „unsäglichem menschlichen Leid“ : Wissenschaftler prognostizieren weltweiten Klima-Notstand

In einer Erklärung fordern Forschende aus 153 Ländern mehr Tempo im Kampf gegen den Klimawandel: Seit 40 Jahren werde „weitergemacht wie vorher“.

Die Mittelmeerregion – hier das spanische Torrevieja – ist besonders stark von Extremwetter bedroht.
Die Mittelmeerregion – hier das spanische Torrevieja – ist besonders stark von Extremwetter bedroht.Foto: Joaquín Carrión/Proyecto Mastral/dpa

Mehr als 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern, darunter 871 Forscher deutscher Universitäten und Institute, warnen in einer gemeinsamen Erklärung vor einem weltweiten "Klima-Notfall". Wenn sich das menschliche Verhalten, das zu Treibhausgasausstoß führt, nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei "unsägliches menschliches Leid" nicht mehr zu verhindern, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Erklärung.

Anlass für die im Fachblatt "BioScience" veröffentlichte Warnung ist eine im gleichen Journal publizierte Studie, der zufolge die Klimaschutzpläne der meisten Staaten nicht ausreichen, um die Erderhitzung zu bremsen. 184 Länder hätten Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen eingereicht, fast drei Viertel davon seien aber nicht ehrgeizig genug. Gemessen am Ziel, den Ausstoß bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten gemeinsam und sieben weitere Länder auf Kurs.

"Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit vor jeglicher katastrophaler Bedrohung zu warnen", sagte Ko-Autor Thomas Newsome von der University of Sydney. "Aus den vorliegenden Daten wird klar, dass uns ein Klima-Notfall bevorsteht." Obwohl global seit 40 Jahren verhandelt werde, habe man "weitergemacht wie vorher", sagte William Ripple, der den Zusammenschluss der Wissenschaftler gemeinsam mit seinem Kollegen Christopher Wolf von der Oregon State University in den USA anführt. "Der Klimawandel ist da und er beschleunigt sich rascher als viele Wissenschaftler erwartet hatten."

So war der vergangene Monat nach Angaben des EU-Klimawandeldienstes Copernicus der global wärmste Oktober seit Beginn der Aufzeichnungen dort 1981. Der Oktober sei damit der fünfte Monat in Folge, der bisherige Rekordtemperaturen übertraf oder nahe an diese herankam, hieß es am Dienstag.

"Zu spät" und "zu wenig"

Die Forscher fordern in sechs Bereichen Veränderungen: Umstieg auf erneuerbare Energien, Reduzierung des Ausstoßes von Stoffen wie Methan und Ruß, besserer Schutz von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren, Konsum von mehr pflanzlichen und weniger tierischen Produkten, nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft und Eindämmung des Anwachsens der Weltbevölkerung.

Im Pariser Abkommen haben sich fast alle Staaten der Welt das Ziel gesetzt, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Dass die nationalen Klimaschutzpläne in der Summe nicht ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen, war schon lange klar. Alle fünf Jahre sollten sie daher nachgebessert werden – der Pariser Plan 2020.

Doch das sei "zu spät" und "zu wenig", denn "sogar wenn alle freiwilligen Klima-Zusagen voll umgesetzt werden, erreichen sie nur die Hälfte dessen, was notwendig ist, um die Beschleunigung des Klimawandels im nächsten Jahrzehnt zu begrenzen", kommentiert Ko-Autor Robert Watson, bis 2002 im Vorstand des Weltklimarats, den von der US-Organisation Universal Ecological Fund veröffentlichten Bericht zu den Klimaschutzzielen.

Russland hat noch gar keine Pläne eingereicht

Vier Nationen stehen dabei besonders im Fokus, denn sie stoßen zusammen mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase aus: China, Indien, die USA und Russland. China, das bevölkerungsreichste Land, hat einen Anteil von rund 27 Prozent – und die Emissionen von Kohlendioxid und anderen Klimagasen nähmen dort wegen des Wirtschaftswachstums weiter zu, heißt es im Bericht. Zugesagt hat Peking bisher nur, dass sie nicht im gleichen Maße zunehmen sollen wie das Bruttoinlandsprodukt.

Das gelte auch für Indien, das einen Anteil von sieben Prozent am globalen Treibhausgas-Ausstoß habe. Die USA haben einen Anteil von 13 Prozent, ziehen sich aber aus dem Kampf gegen den Klimawandel zurück: Die US-Regierung habe die Kündigung des Klimaabkommens von Paris eingereicht, teilte Außenminister Mike Pompeo am Montag mit. Russland, dessen Anteil bei knapp fünf Prozent liege, habe noch gar keine Pläne eingereicht.

Die 28 Staaten der EU haben gemeinsam einen Anteil von neun Prozent – und sind dem Bericht zufolge mit ihren Plänen auf Kurs. Bis 2030 könnte der CO2-Ausstoß 58 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen. Daneben werten die Autoren nur noch Island, Liechtenstein, Monaco, Norwegen, Moldawien, die Schweiz und die Ukraine als Länder, deren aktuelle Zusagen zum jetzigen Zeitpunkt ausreichen. (dpa)

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: