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Mittlerweile wird auch außerhalb von Arztpraxen und Impfzentren die Covid-Schutzimpfung verabreicht.

© dpa /picture alliance / Matthias Balk

Tagesspiegel Plus

Beim Impfen alles ausgereizt?: Diese Möglichkeiten bleiben dem Staat jetzt noch

Wie sich die Impfbereitschaft erhöhen lässt, ist umstritten. Dass die Politik bereits alles versucht hat, stimmt allerdings nicht. Ein Gastbeitrag.

Von Elvira Rosert

Vor einigen Tagen verkündete Berlins Oberbürgermeister Michael Müller, beim Impfen gegen das Coronavirus seien die Möglichkeiten der Politik vielleicht ausgereizt, weshalb man gesellschaftliche Bündnispartner brauche. Beim zweiten Punkt hat er recht – beim ersten nicht.

Zwar sind einige richtige Schritte unternommen worden, um die Bürger:innen zum Impfen zu bewegen: Appelle und Aufrufe, mobile Impfteams in bestimmten Wohngegenden und an manchen Schulen, niedrigschwellige Impfangebote ohne Termin an belebten Orten, von denen es in der gerade angelaufenen bundesweiten Impfaktionswoche besonders viele geben wird.

© Universität Hamburg / IFSH

Alles, was zur Aufklärung über die Impfung beiträgt und den Organisationsaufwand reduziert, ist gut. Wirksam – aber gesellschaftlich durchaus problematisch und epidemidologisch fragwürdig – dürfte auch der Druck sein, der dadurch entsteht, dass immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens nur geimpften Menschen offenstehen und dass Tests, die alternative Eintrittskarte, bald kostenpflichtig sein werden.

Die Maßnahmen erreichen auch diejenigen nicht, die noch zweifeln, die wegen möglicher Impfreaktionen nicht im Job ausfallen wollen.

Elvira Rosert, Universität Hamburg

Doch um an die Impfquoten heranzukommen, die ein hohes Level an Gemeinschaftsschutz versprechen – laut Robert Koch Institut 85 Prozent bei den 12 bis 59-Jährigen und 90 Prozent bei den über 60-Jährigen –, genügen diese Maßnahmen nicht. Sie gehen an dem Teil der Gesellschaft vorbei, der ohnehin von der Teilhabe an der Gastronomie, an der Kultur und am Sport ausgeschlossen ist, weil er schlicht zu arm ist. Sie erreichen auch diejenigen nicht, die noch zweifeln, wegen möglicher Impfreaktionen nicht im Job ausfallen wollen, Angst haben oder ihre Entscheidung auf falsche Informationen stützen.

Vielerlei Gründe für Zurückhaltung beim Impfen

Die Gründe für die Impfzurückhaltung sind vielfältig. Deshalb braucht es ein Bouquet an Maßnahmen, die unterschiedlich wirken, bei unterschiedlichen Menschen verfangen und so diese unterschiedlichen Gründe abbauen könnten. Vielversprechend ist der Vorschlag der Wirtschaftswissenschafterin Nora Szech, eine Impfprämie von bis zu 500 Euro auszuzahlen – auch rückwirkend an alle, die sich bereits impfen ließen. Das ist viel Geld.

Weil jedoch der gesellschaftliche Nutzen einer Impfung auf 1500 Euro geschätzt wird, wäre man immer noch im Plus. Außerdem wäre eine Impfprämie ein besonderer Anreiz gerade für die ökonomisch schwächeren Gruppen. Sie sind seltener geimpft, müssen zugleich jedoch unbedingt erreicht werden, weil sie höhere Risiken tragen, sich zu infizieren und schwer zu erkranken.

Auch in geringerem Umfang können materielle Anreize die Impfung attraktiver machen: Die viel belächelte Bratwurst-Impfaktion weist genau in die richtige Richtung – Einkaufs-, Kino- oder Essensgutscheine kämen zudem der angeknacksten lokalen Wirtschaft zugute.

Wer den zeitlichen Aufwand durch den Impftermin scheut oder eine impfbedingte kurzzeitige Krankschreibung fürchtet, könnte mit Zeit entschädigt werden. Nach aktueller Rechtslage müssen die Arbeitgeber ihre Beschäftigten nur dann für Impftermine freistellen, wenn es keine Terminalternativen außerhalb der Arbeitszeit gibt.

Logistische Schwierigkeiten können auch Eltern und besonders Alleinerziehende vom Impfen abhalten.

Elvira Rosert, Universität Hamburg

Dies könnte man ändern und Impftermine während der Arbeitszeit ermutigen, sodass entsprechende Freistellungen zum Regel- statt zum Ausnahmefall würden. Auch ein zusätzlicher Urlaubstag, direkt nach dem Termin, würde manchen vielleicht die Entscheidung, für die Arbeitgeber aber auch die Planbarkeit, erleichtern. Solche Anreize würden die Arbeitgeber etwas kosten, richtig.

Allerdings profitieren sie auch von einer hohen Impfquote bei ihren Beschäftigten: die Auflagen zum Schutz vor Infektionen können gelockert werden, individuelle krankheitsbedingte Ausfälle werden reduziert, das Risiko größerer Ausbrüche gemindert.

Kinderbetreuung während der Impfung

Logistische Schwierigkeiten können auch Eltern und besonders Alleinerziehende vom Impfen abhalten. Nach der langen Zeit der unsicheren, reduzierten oder gänzlich fehlenden außerfamiliären Kinderbetreuung kann jeder zusätzliche Termin und erst recht solche Termine, zu denen die Kinder nicht mitgenommen werden können – wie in Impfzentren – , eine Belastung darstellen.

Für Abhilfe könnten Kinderbetreuungsangebote an den Impforten sorgen – oder Impforte dort, wo die Kinderbetreuung ohnehin stattfindet. So könnten sich Eltern um die Abhol- und Bringzeiten herum an Kitas und Schulen impfen lassen.

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Auch impfpsychologische Details können einen Unterschied machen. Während viele Gemeinden auf Aufklärungsprospekte in Briefkästen – zu häufig ausschließlich auf Deutsch – setzen, zeigen Experimente, dass die persönliche Ansprache bei der Einladung zum Impftermin deutlich stärker motiviert. Solche Einladungen – mit festen, günstig gelegenen Terminen – könnten etwa von kirchlichen Verbänden, Gemeinde- und Kulturzentren oder Vereinen verschickt werden.

Zusätzliches Personal könnte hausärztliche Praxen dabei unterstützen, ihre Patient:innen abzutelefonieren, um sich nach dem Impfstatus zu erkundigen und gleich Impftermine zu vereinbaren. Das könnte bei denjenigen, die bisher nicht genug Eigeninitiative hatten und für die Online-Anmeldeverfahren zu kompliziert waren, den Ausschlag geben.

Gerade für Alleinerziehende kann jeder zusätzliche Termin zur Belastung werden. Daher sind Impforte in Schulen und Kitas eine gute Idee.

© dpa-Bildfunk / Axel Heimken

Weitere Mittel wären das verstärkte Bewerben des Einmalimpfstoffes und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Impfstoffen zu wählen. Zudem könnten Beratungstermine, die nicht an eine Impfung gekoppelt sind, sinnvoll sein. Besonders diejenigen, die noch unsicher sind, könnten die Gelegenheit schätzen, mit weniger Druck und mehr Zeit Fragen zu klären. 

Weiterhin unverzichtbar bleiben auch Aufklärung und Risikokommunikation. Dänemark zeigt, wie sinnvoll es ist, den gesamtgesellschaftlichen und nicht nur den individuellen Nutzen der Impfungen zu betonen. Dass die Impfquoten hier in den jüngeren Altersgruppen niedriger sind als in den älteren, hat nicht nur damit zu tun, dass sie später den Zugang zu Impfungen erhielten.

Vielmehr folgt die geringere Impfbereitschaft dem geringeren persönlichen Risikoempfinden, welches sich wiederum aus dem seit Pandemiebeginn dominanten Narrativ ergibt, Covid-19 sei nur für Alte und Vorerkrankte gefährlich. Dieses Problem wird sich in den nächsten Monaten verschärft stellen, sobald die Impfstoffe für Kinder unter 12 Jahren verfügbar und zugelassen sind.

Um Millionen Kinder durch Impfungen vor dem Sars-CoV-2-Virus schützen zu können, müssen Eltern – und Kinder! – in die Lage versetzt werden, eine informierte Entscheidung zu treffen. Hierfür wird es auf eine klare, sensible und zielgruppengerechte Kommunikation ankommen.

Einige Menschen haben, teilweise schon vor der Pandemie, teilweise im Verlauf der letzten anderthalb Jahre, ein beträchtliches Misstrauen gegenüber dem Staat entwickelt. Dieses Misstrauen ist ein hartes Impfhindernis, das nicht so leicht zu beseitigen ist.
Umso wichtiger ist, all diejenigen zu aktivieren, die aus anderen Gründen noch nicht geimpft sind und damit auch diejenigen mitzuschützen, die sich durch nichts zu einer Impfung motivieren lassen werden.

Bei der Bekämpfung der Coronapandemie hat sich Deutschland (wie auch die meisten anderen westlichen Länder) für eine impfzentrierte Strategie entschieden. Wenn diese funktionieren und zugleich eine Impfpflicht umgangen werden soll, muss der Staat proaktiv alle verfügbaren Instrumente einsetzen, um die Impfkampagne zu stimulieren.

Solange die Liste an nicht ausgeschöpften Möglichkeiten so lang ist, ist es für Kapitulationserklärungen zu früh. Sie werden der Verantwortung des Staates für das Wohl seiner Bürger:innen nicht gerecht. 

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