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Motiviert und diszipliniert. In den peer groups der Jungen gilt das als typisch weibliches Verhalten, von dem man sich abgrenzen will.
© dpa

Geschlechterunterschiede in der Schule: Die Krise der Jungen ist ein Mythos

In der Schule hängen Mädchen ihre Mitschüler oft ab. Die Jungen könnten aber genauso gut dastehen, würde „Anstrengung“ bei ihnen nicht als „mädchenhaft“ gelten. Eine neue Kluft zwischen Mädchen und Jungen gibt es aber ohnehin nicht.

Heute wird mit Blick auf das Bildungssystem oft von einer „Krise der Jungen“ gesprochen, im Englischen gar von einem „war against boys“, einem „Krieg gegen Jungen“. Schließlich scheinen die Jungen immer weiter zurückzufallen. Sie dominieren bei den Schulversagern, während die Mädchen massenhaft Abitur machen. Die Ursache für die angebliche Misere der Jungen wird oft in der „Feminisierung“ der Schule gesehen. Danach richtet eine wachsende Zahl von Lehrerinnen den Unterricht an Eigenschaften und Bedürfnissen der Mädchen aus. Die vermeintliche „Natur“ der Jungen wird hingegen unterdrückt.

Solche Diagnosen treffen allerdings nicht zu. Die Mädchen haben sich keineswegs auf Kosten der Jungen im Bildungswesen nach vorn gebracht. Und Jungen lernen auch nicht weniger von Lehrerinnen als von Lehrern.

Zu den Fakten: Tatsächlich erlangten Jungen vor 50 Jahren deutlich häufiger das Abitur als Mädchen. Heute haben sie im Durchschnitt niedrigere Lesekompetenzen, schlechtere Noten, sie gehen seltener aufs Gymnasium, häufiger auf Förder- und Hauptschulen – und sie verlassen häufiger die Schule ohne jeden Abschluss.

Sind die Jungen also dümmer geworden? Nein. Soweit dies an den vorhandenen Daten abgelesen werden kann, haben sich die Geschlechterunterschiede bei den schulischen Kompetenzen in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Der Abstand zwischen Jungen und Mädchen scheint schon vor Jahrzehnten dem entsprochen zu haben, der aus den jüngeren großen Schulstudien bekannt ist.

So erzielen Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften bei Pisa in den meisten Ländern höhere Werte als Mädchen, auch in Deutschland. Mädchen haben dafür höhere Lese- und Schreibkompetenzen. Dabei ist der Vorsprung der Mädchen im sprachlichen Bereich größer als ihr Rückstand im mathematisch-naturwissenschaftlichen. Mädchen bekommen allerdings bei gleichen kognitiven Kompetenzen in allen Fächern bessere Noten als Jungen. Aber auch hier sind in den letzten Jahrzehnten kaum Veränderungen zu beobachten. Mädchen wurden schon immer besser benotet.

Warum? Alle Studien dazu zeigen, dass Mädchen im Schnitt in der Schule disziplinierter, fleißiger und motivierter sind. Sie haben eine höhere Lern- und Leistungsbereitschaft, verbringen mehr Zeit mit Hausaufgaben, arbeiten mehr als verlangt wird, sind besser auf den Unterricht vorbereitet. Jungen hingegen erzielen höhere Durchschnittswerte bei der Arbeitsvermeidung und beim Zuspätkommen zum Unterricht.

Mehr weibliche als männliche Lehrkräfte: Das schadet den Jungen nicht

Aufgrund dieser Verhaltensweisen, Persönlichkeitsmerkmale und nichtkognitiven Fähigkeiten erreichen Mädchen bessere Noten. Über die Frage, ob Motivation und Verhalten in die Benotung einfließen sollte, lässt sich streiten. Aus Sicht der meisten Lehrkräfte ist das aber offenbar sinnvoll.

Die Behauptung, die Dominanz von Lehrerinnen führe zur Benachteiligung der Jungen, lässt sich jedenfalls nicht halten. Empirische Studien (etwa „Unmasking the Myth of the Same-Sex Teacher Advantage“ von Martin Neugebauer, Marcel Helbig und Andreas Landmann, 2011) zeigen, dass weder Jungen noch Mädchen bei der Kompetenzentwicklung oder bei den Noten in Mathematik, Deutsch oder Sachkunde von einem Lehrer gleichen Geschlechts profitieren. Die Leseleistung von Mädchen und von Jungen ist nach unserem Befund sogar schlechter, wenn sie vier Jahre lang von einer männlichen Lehrkraft unterrichtet wurden. So ist die „Feminisierung“ der Schule wohl nicht die Ursache für die Kluft zwischen den Geschlechtern.

Warum Jungen eine geringere Lernbereitschaft zeigen als Mädchen, ist weitgehend unbeantwortet. Ich halte sozialpsychologische Gründe für wahrscheinlich. In einer Reihe von Studien konnte nachgewiesen werden, dass Eltern (und zwar Väter und Mütter gleichermaßen) Söhne für intelligenter halten als Töchter. Es liegt nahe, zu vermuten, dass dies der Grund dafür ist, dass Mädchen und Frauen ihre Selbstwirksamkeit geringer einschätzen als Jungen und sich für weniger intelligent halten. Die niedrigere Selbsteinschätzung reflektiert dabei nicht tatsächliche Geschlechterunterschiede, sondern eine negativ verzerrte Selbstsicht – bei gleichzeitiger Tendenz der Jungen und Männer, ihre Leistungen zu überschätzen.

Wird einem Kind – egal ob Mädchen oder Junge – suggeriert, dass seine Leistungen auf seine natürliche Begabung zurückzuführen sind, dann strengt es sich in der Folge weniger an. Wird einem Kind hingegen suggeriert, dass seine Leistung auf Lernanstrengungen zurückzuführen ist, wird es sich auch in Zukunft stärker zum Lernen motivieren. Wenn Töchter und Söhne die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen seitens ihrer Eltern übernehmen, dann sollten sich (mehr) Töchter in der Schule stärker anstrengen als Söhne.

Die mangelnde Leistungsbereitschaft der Jungen wird durch die männlichen peer groups weiter gebremst. Denn Jungen sehen Lernanstrengung als Beweis für das Fehlen natürlicher Begabung, die sie für sich in Anspruch nehmen. Fleiß gilt ja als eine Sache für Mädchen. So strengen sich Mädchen also im Schnitt stärker an als Jungen – und erzielen damit bessere Erfolge.

Wenn Mädchen heute häufiger unter den Abiturienten vertreten sind als früher, hat das aber vor allem gesellschaftliche Ursachen. In den 1950er und 1960er Jahren hielten Eltern das Abitur für Mädchen für deutlich weniger erstrebenswert als für Jungen. Deshalb schickten sie ihre Töchter seltener aufs Gymnasium – obwohl diese keineswegs schlechtere Schulleistungen hatten als ihre Brüder.

Von neuen Bildungschancen profitieren beide Geschlechter

Seit den 1970er Jahren kam es hier zu einem tief greifenden Wandel. Der allgemeine Aufbruch der Frauen nach einer eher repressiven und patriarchalen Nachkriegszeit und die große Bildungsexpansion in der Bundesrepublik führten auch zu neuen weiblichen Bildungsbiografien: Während es bislang für Frauen wenig äußere Gründe gegeben hatte, an höherer Bildung zu partizipieren – diese half ihnen höchstens, gut zu heiraten oder den Kindern bei ihren Schulaufgaben zu helfen –, veränderten sich die Einstellungen von Vätern, Müttern und Töchtern. Die Bildungsaspirationen für und von Mädchen wuchsen. Zudem expandierten der öffentliche Dienst und der Dienstleistungssektor. Dies führte zu einem breiteren Angebot von Arbeitsplätzen für weibliche Arbeitnehmer. Schließlich trug die Einführung der Anti-Baby-Pille dazu bei, dass Frauen nun Bildung, Erwerbstätigkeit und Familiengründung selbstbestimmter planen konnten. Die Frauenerwerbsquote stieg, zugleich nahmen die gesellschaftlichen Erwartungen an die Verwertbarkeit weiblicher Bildung zu. Jetzt besuchten Mädchen häufiger Gymnasien und schlossen dies mit dem Abitur ab.

Auch unter Jungen ist die Bildungsaspiration im Zuge der Bildungsexpansion deutlich gewachsen, auch sie haben von der Öffnung von Gymnasium und Hochschule stark profitiert. Viel mehr Jungen machen heute Abitur und studieren als noch 1950. Doch die Jungen könnten in ihren Bildungskarrieren besser, nämlich so gut wie die Mädchen dastehen, würden sie sich mit ihrem Lernverhalten nicht selbst behindern. Geschlechterstereotype erschweren es ihnen allerdings, mehr Motivation und Fleiß zu zeigen.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Marcel Helbig

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