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Die Insel im Rhein, auf der auch der Binger Mäuseturm steht, ist derzeit aufgrund des Niedrigwassers zu Fuß erreichbar.

© Foto: dpa/Thomas Frey

Tagesspiegel Plus

Extreme Trockenheit: Wie Deutschland kommenden Dürren trotzen kann

Ausbleibender Regen beunruhigt zunehmend Landwirte, Binnenschiffer und Kommunen. Doch es gibt zahlreiche Wege, um der Trockenheit und der Klimakrise zu begegnen.

Bedrohte Ernten, eine gefährdete Stromproduktion und ausgetrocknete Wälder: Die Folgen von Dürre und Hitze schlagen in einigen deutschen Regionen durch. Das liegt auch am bislang außergewöhnlich trockenen Sommer. Der zurückliegende Juli verzeichnete im Schnitt 56 Prozent weniger Niederschlag als für den Zeitraum 1991 bis 2020 – mit weitreichenden Folgen für Mensch und Natur.

Anders als es vermuten lässt, hat die Regenmenge in Deutschland über Jahrzehnte zugenommen. Doch die Klimakrise verändert die Verteilung des Niederschlags über das Jahr: Die Sommer werden in vielen Regionen trockener, die Winter feuchter. Der so wichtige Dauerregen bleibt monatelang öfter aus, wodurch Bäume großflächig absterben, Grundwasservorräte schrumpfen und die Schifffahrt auf wichtigen Wasserstraßen zu erliegen droht. In Emmerich nahe der niederländischen Grenze lag der Pegel des Rheins am Montag nur noch bei vier Zentimetern – ein Rekordtief.

Wie kann sich Deutschland angesichts der verschärfenden Klimakrise auf kommende Dürren vorbereiten? Die Antwort fällt unterschiedlich aus – je nach dem, ob die Trockenheit Städte, Äcker, Wälder oder die Schifffahrt betrifft.


Was muss in den Städten passieren?

Begrünte Fassaden helfen dabei, mehr Wasser in den Städten speichern.

© Foto: Imago/Gottfried Czepluch

Roland Müller ist Professor und Experte für Wasserwirtschaft am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Dem Tagesspiegel sagt er: „Dürre und Trockenheit lassen sich in den Städten bekämpfen, wenn diese in Zukunft mehr Wasser aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben können.“ Das Prinzip folge dem eines Schwamms, weshalb von „Schwammstädten“ die Rede ist.

„Dafür müssen wir Innenhöfe, Dächer, Straßen und Fassaden für die Wasserspeicherung ertüchtigen“, sagt Müller. Das gelinge, indem die Kommunen sie begrünen, zum Beispiel mit Gräsern, Bäumen oder Efeu. Auch mehr Baumrigolen und Mulden könnten Müller zufolge dabei helfen, dass wertvolles Regenwasser natürlich versickert und das Grundwasser der Städte speist, statt ungenutzt wieder abzufließen.

„Für noch mehr Versickerung sorgen poröse Materialien in Bürgersteigen wie Sickerpflaster“, so Müller. Durch mehr Schattenspender in den Städten verdunste zudem weniger Wasser, was den Schwammeffekt noch weiter stärken könne. Fachleute fassen solche Vorkehrungen unter „blaugrünen Wasserinfrastrukturen“ zusammen. 

„Alle diese Maßnahmen helfen nicht nur gegen Dürre, sondern auch dabei, Gefahren durch Starkregen zu minimieren, und Überflutungen in den Stadtquartieren zu verhindern“, erklärt der Forscher.

Zahlreiche deutsche Kommunen in Brandenburg, Bayern oder Baden-Württemberg haben ihren Bewohner:innen bereits im Zuge extremer Trockenheit verboten, Wasser zu entnehmen und damit ihre Gärten zu bewässern oder ihre Pools zu befüllen. Ist auch das notwendig im Kampf gegen die Trockenheit?

„In Städten mit akutem Wassermangel ist es durchaus vernünftig, wenn die Bewohner wertvolles Trink- und Grundwasser nicht mehr für den Pool oder den Rasen nutzen sollen“, sagt Müller. „Dann ist es wichtiger, die Stadtbäume zu wässern.“ Leipzig zum Beispiel habe infolge der extremen Trockenheit über die Jahre bereits tausende Bäume verloren – was das Stadtklima verschlechtert, weil weniger Schatten und weniger Verdunstung die Folge ist.

„Damit es gar nicht erst zu Entnahmeverboten kommt, sollten Kommunen schnell auf die Schwammstadt und damit auf einen ausgeglichenen Wasserhaushalt hinarbeiten.“ Auf diese Weise könnten Städte ihr Wasser nachhaltig nutzen und sich gut an den Klimawandel anpassen.


Was hilft auf den Äckern?

Trockenresistente Sorten mindern das Risiko von Ernteausfällen infolge von Dürren.

© Foto: dpa

Die Dürre macht Landwirt:innen zu schaffen und bedroht Mais-, Kartoffel- und Getreideernten in Deutschland – die Branche befürchtet große Einbußen. Doch auch auf den Äckern gibt es Möglichkeiten, um der Trockenheit langfristig zu begegnen, weiß Rodrigo Vidaurre, Geologe und Wasserexperte am Ecologic Institut in Berlin.

„Zum Beispiel können trockenresistente Getreide- oder Kartoffelsorten die Gefahr von Ernteminderungen und -ausfällen während Dürren verringern“, sagt der Forscher. Dafür müssten die Bauern dann allerdings geringere Erträge in Kauf nehmen, weil die angepassteren Sorten meist nicht so viel hergeben wie Hochleistungssorten.

Seit dem Dürrejahr 2018 bauen einige Betriebe in Brandenburg – das als recht trockenes Bundesland gilt – auch unkonventionellere Pflanzenarten wie Kichererbsen an, die traditionell in einem eher trockenen und wärmeren Klima gedeihen.

„Generell hilft es, wenn Landwirte ihre Fruchtfolge hin zu Kulturen verändern, die weniger Wasser brauchen.“ Zudem könnten sie auf den Feldern mehrere Arten gleichzeitig anbauen und so ebenfalls das Risiko für Ernteeinbußen streuen.

Darüber hinaus sei es wichtig, Böden auf den Äckern möglichst nicht zu verdichten – also zum Beispiel möglichst wenig mit schwerem Gerät über die Felder zu fahren und mit dem Gewicht die Böden von oben platt zu drücken. „Verdichteter Boden kann weniger Wasser aufnehmen und speichern und stellt auch den Pflanzen weniger Wasser zur Verfügung“, sagt Vidaurre. Idealerweise blieben die Böden deshalb locker.

Wasser lässt sich in der Landwirtschaft gut mit der Tropfbewässerung sparen, wie das Umweltbundesamt schreibt. Bei dieser Bewässerungsmethode sind Leitungen über das Feld verteilt und führen das Wasser über installierte Tropfer direkt der Pflanze zu. Auf diese Weise verdunstet sehr viel weniger Flüssigkeit. Bei gleicher Wassermenge könnten die Landwirt:innen 20 Prozent höhere Erträge erzielen als bei häufig genutzten mobilen Beregnungsmaschinen oder bei der Kreisberegnung.


Was brauchen die Wälder?

Dürre und Schädlinge haben deutschen Wäldern massiv zugesetzt.

© Foto: PantherMedia /Volkmar Brockhaus

Hitze, Trockenheit und Schädlinge wie der Borkenkäfer haben den deutschen Wäldern über die Jahre massiv zugesetzt. Knapp 80 Prozent von erfassten Bäumen hatten 2021 alarmierend viele Blätter oder Nadeln verloren oder sind abgestorben, wie die jüngste Waldzustandserhebung der Bundesregierung zeigt. „Die Wälder brauchen angesichts von Dürre und Klimawandel einen Umbau“, erklärt Benedict Bueb, Experte für Klimaanpassung beim Ecologic Institut in Berlin.

Ein solcher Waldumbau bedeutet unter anderem, eintönige und anfällige Wälder auf eine trockenere und heißere Zukunft vorzubereiten – und damit auch die Gefahr von Waldbränden zu senken. Dabei mischen Waldbesitzende zum Beispiel reinen Kiefern- oder Fichtenwäldern deutlich mehr Laubbäume wie Eichen oder Buchen bei. Dadurch speichert der Waldboden mehr Wasser und Schädlinge wie der Borkenkäfer haben ein weniger leichtes Spiel als bei geschwächten Fichtenwäldern.

Auch der zuständige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) sagte angesichts der extremen Trockenheit am Montag in der „Rheinischen Post“: „Wir brauchen dringend gesunden Mischwald.“ Dafür investiere Deutschland massiv, um Wälder und Landwirtschaft nachhaltig umzubauen. 900 Millionen Euro will der Bund bis 2026 ausgeben, um den Umbau voranzutreiben. Der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, Georg Schirmbeck, rechnet hingegen mit einem Finanzbedarf von einer Milliarde Euro jährlich, um die Wälder widerständiger zu machen.

„Ein solcher Waldumbau ist eine Generationenaufgabe und streut das Risiko für ein großflächiges Waldsterben, weil verschiedene Baumarten unterschiedliche Stärken und Schwächen haben“, sagt Bueb. „In Zukunft muss auch noch mehr Totholz – dazu zählen verstorbene Bäume – in deutschen Wäldern verbleiben, weil dies Wasser speichert, Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten bietet und so die Biodiversität stärkt.“

Letztere bezeichnet die biologische Vielfalt, die infolge von Klimakrise, schrumpfenden Lebensräumen und Luft- und Wasserverschmutzung weltweit massiv zurückgeht und als eine menschliche Lebensgrundlage gilt.

„Neben dem Waldumbau muss die Politik auch die Wiedervernässung von Mooren konsequent fördern. Diese Ökosysteme speichern viel Wasser und CO₂.“ Zuvor seien über Jahrzehnte künstliche Gräben angelegt worden, um das Wasser aus den Mooren abzuleiten und sie für die Landwirtschaft oder den Torfabbau trockenzulegen – eine Maßnahme, deren schädliche Folgen nun deutlich würden. „Helfen können auch mehr sogenannter Retentionsflächen in Flussnähe, die bei Starkregen oder Hochwasser überspült werden und ebenfalls Wasser auf dem Land speichern.“


Wie geht es in der Schifffahrt weiter?

Die Trockenheit legt Sandbänke und Inseln auf dem Rhein frei.

© Foto: Imago/Marc John

Die extreme Trockenheit führt mancherorts zu einem ungewohnten Anblick, legt in deutschen Flüssen Sandbänke und Inseln frei. Bis zur zweiten Augustwoche ist so viel Wasser in Bingen am Rhein verdunstet, dass Passant:innen den dortigen „Mäuseturm“ – normalerweise mitten im Fluss und nur per Schiff erreichbar –, zu Fuß über Steinpfade erreichen können.

Der für die Schifffahrt besonders wichtige Rheinpegel in Kaub hat bereits die kritische Grenze von 40 Zentimetern unterschritten. Dadurchkönnen Schiffe kaum noch Güter auf den Wasserstraßen transportieren – es droht ein Logistikchaos mit gedrosselten Kraftwerken und leeren Zapfsäulen an Tankstellen.

Binnenschiffer mit Transportgut wie Diesel, Benzin oder Kohle konnten ihre Frachter zuvor nur noch halb beladen auf die Wasserwege bringen. Anfang August schlug der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) in einer Pressemitteilung bereits Alarm: „Das aktuelle Niedrigwasser behindert in zunehmendem Maße die Güterschifffahrt in Deutschland.“

Bislang sind nur wenig Möglichkeiten im Gespräch, der Trockenheit in der Schifffahrt zu entgegnen. Auf Bundesebene ist die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS) in Bonn für einen reibungslosen Schiffsverkehr zuständig. Sie ist eine Mittelbehörde und untersteht dem Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP). „Die GDWS unterstützt die Schifffahrt durch Informationen über die Streckenverhältnisse und den Wasserstand“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage zuletzt mit.

Zudem verwies die GDWS auf den „Aktionsplan Niedrigwasser Rhein“, den Wissings Vorgänger Andreas Scheuer (CSU) vorgelegt hatte und der bessere Informationen zu Niedrigwasser, die Entwicklung neuer Schiffstypen mit geringerem Tiefgang und bei Bedarf neue Schleusen vorsieht.

Die Schifffahrt droht wegen des niedrigen Rheinpegels weitgehend zu erliegen.

© Foto: dpa/Christoph Reichwein

Allerdings bleibt unklar, wie die Bundesregierung die Folgen des Niedrigwassers bekämpfen will, da sie die Mittel für die Binnenschifffahrt für das Jahr 2023 um 350 Millionen gekürzt hat. Wissing warb Mitte Juli mit neuen und deutlich verbesserten Vorhersagemodellen für Wasserstände durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde. Diese Vorhersagen stünden der Schifffahrt rechtzeitig zur Niedrigwassersaison bereit.

Binnenschiffer müssen während der extremen Trockenheit also darauf hoffen, mithilfe von besseren Vorhersagemodellen vorzuplanen und ihren Betrieb weiter aufrechterhalten zu können – wenn auch mit sehr viel niedriger Ladung.

Die Binnenschiffer hingegen fordern, die Fahrrinnentiefe am Mittelrhein zu vergrößern, damit Güterschiffe deutlich mehr Ladung aufnehmen und auch bei Niedrigwasser länger fahren können.

Alternativen zur Schifffahrt gibt es kaum welche – Eisenbahnen, Pipelines und Lastwagen könnten nur einen Teil der Transportmengen auffangen. Die marode Schieneninfrastruktur macht einen zuverlässigen Ersatz unwahrscheinlich, zusätzliche Güterwaggons sind kaum mehr zu haben. An Lastwagenfahrer:innen mangelt es bereits seit langem.


Wie bereiten sich Bund und Länder auf Dürren vor?

Trotz Dürre und Hitze ist die Wasserversorgung in Deutschland vielerorts sichergestellt – Trinkwassernotstände in Kommunen wie zuletzt im Taunus sind die Ausnahme. Damit das in Zukunft so bleibt, will die Bundesregierung eine „Nationale Wasserstrategie“ verabschieden – bis Ende des Jahres soll sie stehen, kündigte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) an.

Der Plan soll Kommunen, Länder und den Bund zusammenbringen, um Dürrevorsorge zu treffen, eine sinnvolle Wassernutzung zu definieren und der Trinkwasserversorgung Priorität einzuräumen. Im Entwurf von Juli definiert das Ressort vier Schwerpunkte: Niederschlagswasser solle mehr im Boden versickern, Ökosysteme wie Moore und Wälder mehr Wasser speichern. Wassersparen soll unter anderem durch reformierte Wasserentnahme-Entgelte attraktiver werden und Regionen mit mehr Leitungen besser vernetzt werden.

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