zum Hauptinhalt
Exzellente Uni Köln. Radikale Lösungen wie zwei bis vier „Bundesunis“ sind vom Tisch, heißt es. Sonst ist völlig offen, wie der Wettbewerb weitergeht.

© picture alliance / dpa

Elitewettbewerb der Universitäten: Exzellentes Wischi-Waschi

Die Politik ringt sich zu einem neuen „Elitewettbewerb“ für die Universitäten durch. Große Fragen bleiben vorerst aber ungeklärt.

Nie haben deutsche Universitäten mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen als im „Elitewettbewerb“. Als der Parteivorstand der SPD im Januar 2004 für Deutschland „Spitzenhochschulen“ forderte, die mit „Harvard und Stanford konkurrieren können“, löste das ein monatelanges Tosen in den Medien aus. Seit 2006 sind in drei Aufsehen erregenden Wettbewerbsrunden Deutschlands „Super-Unis“ gekürt worden.

In den vergangenen Monaten hat sich aber Unruhe unter den Exzellenzunis verbreitet. Was wird nach 2017, wenn die Exzellenzinitiative zu Ende geht? An den Unis spricht man von einer drohenden „Abrisskante der Förderung“, was Assoziationen zu „Abrissbirne“ und „exzellenten Ruinen“ weckt. Nachwuchswissenschaftler seien wegen der Unsicherheit schon dabei, sich in die USA zu verabschieden, heißt es. Nach einer Tagung in Bad Honnef vor zwei Wochen verlangten die geförderten Unis „Planungssicherheit“. Auch der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verschickten einen „dringenden Appell“ an die Politik, endlich zu entscheiden.

Offenbar wurde er erhört. Am kommenden Donnerstag liegt der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern ein Beschlussvorschlag vor, den die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten in ihrer Sitzung am 11. Dezember beschließen sollen. „Mindestens im selben Umfang“ sollen ab 2018 Mittel „für die Förderung exzellenter Spitzenforschung an Hochschulen zur Verfügung stehen“, heißt es in der Beschlussvorlage.

Eine Grundsatzentscheidung für die Exzellenzinitiative wäre damit getroffen. Das Papier gibt aber auch Hinweise auf die vielen Fragen, die politisch weiter hoch umstritten sind. Im Kern geht es wie zu Beginn vor zehn Jahren darum, ob Deutschland die Stärke seiner Unilandschaft – die hohe Qualität in der Fläche – der Spitzenförderung opfert.

Bundesministerin Wanka hat für ein Uni-System mit drei Klassen plädiert

Die aktuelle Kampflinie verläuft aber nicht entlang der politischen Lager. Vielmehr trennt sie Nord und Süd, Ost und West sowie Länder mit und Länder ohne Elite. Über allem schwebt Bundesministerin Johanna Wanka (CDU), die in den Koalitionsverhandlungen für ein Uni-System mit drei Klassen plädiert hatte.

Diese Situation prägt die Beschlussvorlage der GWK: Das Ziel der Exzellenzinitiative sei es, die Qualität „in der Breite“ zu stärken, ist dort zu lesen. Jan-Hendrik Olbertz, der Präsident der Humboldt-Universität, warnt: „Exzellenz für alle ist die Parodie von Exzellenz.“ Der Exzellenzwettbewerb könne die Probleme in der Breite nicht lösen, nämlich „das Debakel der Grundfinanzierung“, sagt Olbertz. FU-Präsident Peter-André Alt lobt, dass die Politik die Exzellenzinitiative weiterführt, aber ist skeptisch, „ob noch was von den Zukunftskonzepten übrig bleibt“, also vom Wettbewerb zwischen ganzen Unis um ihre „Planungs- und Strategiefähigkeit“.

Unter den Politikern gibt es durchaus auch Freunde des Spitzensports. Sie ringen mit den Freunden des Breitensports: „Die Gemengelage ist völlig offen, noch hat sich keine Seite durchgesetzt“, sagt ein Kenner. Eben darum habe man in der Beschlussvorlage eine Konkretisierung vermieden. Nur so sei der Grundsatzbeschluss überhaupt möglich: „Das Papier soll möglichst viele mitnehmen. Es ist so gehalten, dass jeder seine Wünsche hineinlesen kann. Es ist ein Hoffnungspapier für alle.“ Auch ein anderer Insider sagt: „Das Papier ist wischi-waschi.“ Es sei eben vieles nicht entschieden. Auch nicht, ob der Wettbewerb zwischen ganzen Unis fortgesetzt wird. Nur die „Extreme“, etwa die Förderung von zwei bis vier „Bundesunis“, seien vom Tisch.

Auch Fachhochschulen werden mitgemeint

Tatsächlich bedient die Beschlussvorlage alle. Die Rede ist von „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ und der „Förderung exzellenter Spitzenforschung“. Diejenigen Exzellenzunis, die erst im dritten Durchgang des Wettbewerbs im Jahr 2012 gesiegt hätten, sollten „die Chance für eine zweite Förderphase erhalten“. Die Rede ist daneben aber eben auch davon, „regionale Verbünde“ von „Hochschulen untereinander“ sowie mit außeruniversitären Instituten und der Wirtschaft sollten mit der neuen Exzellenzinitiative unterstützt werden. Das könnte auch auf Hochschulen zielen, die alleine keine „kritische Masse“ in der Forschung haben, auch auf Fachhochschulen.

HU-Präsident Olbertz befürchtet eine "Lähmung" der bestehenden Exzellenzprojekte

Neben dem politischen Gerangel gibt es noch einen anderen Grund dafür, dass die Exzellenzinitiative nur als Umriss beschlossen wird. Erst im Januar 2016 soll eine internationale Expertenkommission unter Vorsitz des Umweltphysikers Dieter Imboden einen Abschlussbericht über die Auswirkungen der Exzellenzinitiative vorlegen. Als Basis dient ein Bericht der DFG und des Wissenschaftsrats über den Verlauf der Exzellenzinitiative, der im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll. Es wäre respektlos von der Politik, würde sie sich festlegen, bevor die Imboden-Kommission ihr Urteil abgibt, ist zu hören. Erst im Juni 2016 sollen die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin eine konkrete Vereinbarung verabschieden.

HU-Präsident Olbertz sieht die Gefahr einer „Lähmung“ der bestehenden Exzellenzprojekte: „Ende 2016 ist es im Grunde schon zu spät, um neue Kohorten von Stipendiaten in die Graduiertenschulen aufzunehmen“, sagt er. Vor allem für die fünf Unis, die erst 2012 zu Exzellenzunis gewählt wurden, sei die Lage „zugespitzt in ihrer Dramatik“, sie hätten zu wenig Zeit, ihre noch „fragilen“ Exzellenzstrukturen so weit abzusichern, dass Lücken eigenständig überbrückt werden können. Olbertz regt eine zusätzliche „Zwischenfinanzierung“ an.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats seien "versenkt"

Anregungen für die Ausgestaltung einer neuen Exzellenzinitiative hat der Wissenschaftsrat in seinen großen Empfehlungen zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystem“ im vergangenen Sommer vorgelegt. So ließen sich Cluster in „Liebig-Instituten“ verstetigen, 250 „Merian-Professuren“ könnten den Lehrkörper im Spitzensegment ergänzen. „Das Papier ist versenkt“, ist aber aus dem politischen Raum zu hören. „Die Politik hat es nicht gewürdigt.“ Sie sei „auf der Suche nach Neuem“. Nur wenn es keine besseren Ideen gebe, werde man auf das Papier zurückkommen. Einen Vorschlag macht FU-Präsident Alt: Die finanziellen Zuwächse, die die außeruniversitären Einrichtungen regelmäßig bekommen, sollten als „Leistungsprämie“ für neuartige Kooperationen mit den Unis ausgelobt werden, nämlich auf dem Gebiet der gemeinsamen strategischen „Governance“, etwa in der Personalentwicklung.

Neben den vielen inhaltlichen und finanziellen Unsicherheiten gibt es auch politisch-administrative: Der aktuelle Wettbewerb um Graduiertenschulen und Cluster wird von der DFG durchgeführt, der um die Zukunftskonzepte vom Wissenschaftsrat. Zu hören ist nun, Bundesbildungsministerin Wanka wolle den nächsten Exzellenzwettbewerb möglichst über ihr Ministerium abwickeln, um mehr Gestaltungsmöglichkeiten für den Bund zu gewinnen. Kommt es wirklich so, würde schon das den elitären Nimbus der Exzellenzinitiative weiter abschwächen und sie gewöhnlicher machen – egal, wie das Ringen zwischen Breiten- und Spitzensportlern schließlich ausgeht.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false