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Forscher zu Islam, Judentum und Nahost : Jenseits des Scheinwerferlichts finden wir zusammen
Besetzungen, Gewalt, Proteste: An der Freien Universität ging es seit dem 7. Oktober hoch her. Wer auch einen Clash der Fachgebiete vermutet, liegt falsch. Islamwissenschaft und Judaistik arbeiten enger zusammen denn je.
- Reimund Leicht
- Florian Zemmin
Stand:
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem nachfolgenden Krieg haben sich die Bedingungen, unter denen Judaistik und Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin lehren und forschen, verändert. Unsere Fächer – für die wir hier als einzelne Fachvertreter sprechen – sind seither besonders herausgefordert.
Nicht nur, weil sie sich mit Themenbereichen befassen, die unmittelbar für das Verständnis dieses Konfliktes von Bedeutung sind. Der Universitätscampus insgesamt ist in den vergangenen zwei Jahren immer wieder zum Ort von Auseinandersetzungen geworden. Aber anders als man vielleicht vermuten könnte, führen diese neuen Herausforderungen unsere Fächer nicht auseinander, sondern zusammen.
Politische und gesellschaftliche Diskussionen und Konflikte machen vor den Toren unserer Universität nicht halt. Gerade die FU ist im Kontext der Auseinandersetzungen um den 7. Oktober und den Krieg wiederholt ins Scheinwerferlicht der medialen Öffentlichkeit geraten.

© dpa/Sebastian Gollnow
Die Medien berichteten etwa über Demonstrationen, besetzte Hörsäle, eine Wasser-Attacke auf den Universitätspräsidenten und den gewalttätigen Angriff auf einen Studierenden durch einen Kommilitonen (allerdings außerhalb des Universitätsgeländes). Auch die Besetzung des Präsidialamtes oder Ausladungen von Vortragenden waren Teil der Berichterstattung.
Dies zeigt, wie schwierig die gegenwärtige Lage für eine Institution ist, die sich dem offenen wissenschaftlichen Diskurs verpflichtet weiß. Sie sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, in ihrem Raum unter dem Deckmantel eines Sicherheitsarguments die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit zu gefährden oder antisemitischem Gedankengut Raum zu gewähren. Hinzu kommt, dass manche Autoren ganze Fachrichtungen verdächtigen, in einer Echokammer zu agieren und gezielt Themenbereiche in ihrer Forschung und Lehre auszublenden, so geschehen etwa in der „FAZ“.
In Wissenschaftlichkeit verbunden
Kann in so einer Lage eine Zusammenarbeit von Judaistik und Islamwissenschaft gelingen? Wir denken ja, denn nur im medialen Scheinwerferlicht werden beide Fächer jeweils einem von zwei unversöhnlichen Lagern zugeordnet. Für uns sieht die Realität anders aus, und sie hat wenig mit den mitunter dramatisierenden Berichterstattungen über das universitäre Leben auf dem FU-Campus zu tun.
Wissenschaftliche Debatten zeichnen sich durch Neugier und Hinterfragen aus. Man muss in der Lage sein, verschiedene Perspektiven nachzuvollziehen.
Forschung zu der langen Geschichte von Judentum und Islam, die teils in Koexistenz und Austausch, teils in Abgrenzung und Konflikt verbunden waren, verlangt Studierenden und Wissenschaftler:innen genau diesen Perspektivwechsel ab – selbstredend auch dann, wenn öffentlich kontroverse Themen behandelt werden. Das wird bei uns praktiziert.
Ohne das Zusammenspiel mehrerer Fächer lassen sich Geschichte und Kultur des Nahen Ostens nicht verstehen.
So haben Lehrende von Judaistik, Islamwissenschaft und Osmanistik und Turkologie ein gemeinsames Seminar zur Geschichte des Nahostkonflikts abgehalten. Aber selbst in „rein islamwissenschaftlichen“ Seminaren zu historischen Hintergründen des Nahostkonflikts oder zur nationalen Identität im Nahen Osten arbeiteten arabische Studierende mit israelischen Kommilitonen zusammen.
Gleiches gilt für Teilnehmende in den Vorlesungen und Seminaren der Judaistik. In Ringvorlesungen zu Palästina und zur arabischen Welt kooperieren wir auch mit anderen Instituten des Fachbereichs und darüber hinaus.
Zusammenarbeit mit Tradition
Diese Kooperationen sind für unsere Fächer kein Neuland. Bereits seit mehreren Jahren arbeiten Judaistik und Islamwissenschaft in einem gemeinsamen Master-Studiengang „Interdisciplinary Studies of the Middle East“ zusammen – gemeinsam mit der Arabistik, Iranistik, Osmanistik und Turkologie sowie der Semitistik.
Indem wir Expertisen und Perspektiven zusammenführen, beantworten wir komplexe Fragen. Ohne das Zusammenspiel mehrerer Fächer lassen sich Geschichte und Kultur des Nahen Ostens nicht verstehen. Allein, weil die Region vielsprachig und kulturell divers ist, was selbstverständlich auch nicht-muslimische Gemeinschaften einschließt. Das gemeinsame Wirken mehrerer sogenannter „kleiner Fächer“ an der FU Berlin versucht, dieser Vielfalt gerecht zu werden.
Auf die Kooperation dieser Fächer können wir aufbauen, und es gilt sie zu vertiefen, in Berlin und mit Kollegen und Studierenden aus den relevanten Regionen, die zu uns kommen. Die FU Berlin kann so auch ein Treffpunkt für Studierende, Lehrende und Forschende sein, die sich sonst nie oder nur schwer begegnen.
Für die offene Meinungsbildung
Für das gemeinsame Lernen und Forschen – das wurde in den letzten beiden Jahren besonders deutlich – sind geschützte Räume und klare Regeln der Diskussion immens bedeutend: Das universitäre Gespräch gelingt dann, wenn verschiedene Erfahrungen und Wissensbestände in einen gemeinsamen akademischen Austausch überführt werden.
Die Bedeutung unserer und anderer „kleiner Fächer“ wird hier besonders deutlich: Die Kenntnis anderer Erfahrungen, Geschichten und Perspektiven wird umso nötiger, je mehr diese auch Gegenstand und teils Triebkraft gesellschaftlicher, politischer oder gar militärischer Auseinandersetzungen werden, wie beim Nahostkonflikt.
Wer den Wert dieser Fächer nur daran misst, wie viele Studierende sie haben, folgt einer rein wirtschaftlichen Denkweise und verfehlt damit das eigentliche Ziel von Bildung.
Denn welche spezifische Expertise gerade politisch besonders relevant oder gesellschaftlich besonders gefragt ist, unterliegt Schwankungen. Der Mehrwert, den diese „kleinen Fächer“ produzieren, misst sich an ihrem Beitrag für den offenen Diskurs auf dem Campus, für die Meinungsbildung der Gesellschaft und für eine demokratische Politik.
Produziert wird dieser Mehrwert fast immer jenseits des Scheinwerferlichts. Dort sieht man eben oftmals mehr.
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