Wie Modernisierung von Männlichkeit stattfindet

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Gender in der Forschung : Der moderne Mann sucht – sich selbst
Michael Meuser

Das neue Anforderungsprofil weist jedoch beträchtliche Unschärfen auf. Es ist vor allem negativ definiert: nicht nur Ernährer zu sein. Es mangelt an einer klaren Bestimmung der Eigenschaften, die den „neuen“ Vater ausmachen. Nicht von den Erwartungen an seine Ernährerfunktion entlastet, empfinden Väter sich als Getriebene – sie werden weder den beruflichen noch den familiären Anforderungen gerecht. Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beginnt die Männer einzuholen. Dies erzeugt vielfältige Suchbewegungen. Der Krisendiskurs ist ein Ausdruck dessen.

Immer mehr Väter gehen in Elternzeit

Ernährer und Erzieher – beide Anforderungen bestimmen gegenwärtig die Vaterschaft. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2009 gaben knapp 95 Prozent der Befragten sowohl an, ein Vater müsse den Lebensunterhalt für die Familie verdienen, als auch, er müsse sich Zeit für das Kind nehmen. 80 Prozent sahen es als Aufgabe des Vaters, das Kind zu betreuen und zu beaufsichtigen. Seit der Novellierung des Elternzeit- und Elterngeldgesetzes im Jahr 2007 hat sich der Anteil der Väter, die in Elternzeit gehen, von 3,5 Prozent im Jahr 2006 auf aktuell 32 Prozent nahezu verzehnfacht. Dieser deutliche Anstieg verweist darauf, dass am Aufwachsen des Kindes teilzuhaben Eingang in die Praxis von Vaterschaft gefunden hat.

Allerdings nahmen 78 Prozent der Väter die Elternzeit nur für den Mindestzeitraum von zwei Monaten. Das wiederum verdeutlicht die gleichzeitige Persistenz, wenn nicht Dominanz der Ernährerfunktion. In die gleiche Richtung weist der Befund aus der Studie zu Vaterschaftskonzepten junger Männer, dass nur 43 Prozent der Befragten die eigene Karriere zugunsten des Kindes zurückstellen würden – obwohl doch die Zustimmungsrate zu Betreuungsaufgaben des Vaters äußerst hoch war.

Erzieher nur so weit es die Erwerbsarbeit zulässt

Wie lässt sich der doppelte Anspruch lösen? Vorherrschend scheint zu sein, Erzieher nur so weit zu sein, wie es die Erwerbsarbeit zulässt. Dies wird nicht zuletzt daran deutlich, dass sich das väterliche Engagement in der Familie auf das Wochenende konzentriert. Dann verbringen Väter etwa doppelt so viel Zeit mit ihren Kindern wie unter der Woche. Am Wochenende gibt es so kaum noch zeitliche Unterschiede zwischen den Elternteilen – anders als unter der Woche, wenn Männer zwar nicht unbeteiligt, jedoch deutlich weniger als Frauen involviert sind.

Diese Daten verdeutlichen zweierlei. Erstens: Es gibt eine Kluft zwischen dem neuen Vaterschaftsdiskurs, der ein hohes Maß an Engagement in der Familie fordert, und der Praxis von Vaterschaft, in der ein solches Engagement erst in Ansätzen realisiert ist. Zweitens: Die populäre Rede vom abwesenden Vater wird der gegenwärtigen Realität in den Familien nicht mehr gerecht.

In dem Maße, in dem das Engagement von Männern in der Familie zunimmt, wird der Binnenraum der Familie neben der Erwerbsarbeit zu einem für die männliche Selbstvergewisserung relevanten Ort. Dies zeigt sich vor allem bei den – gegenwärtig noch eine Minderheit ausmachenden – Vätern, die sich in hohem Maße und längerfristig an Familienarbeiten, insbesondere der Kinderbetreuung, beteiligen. Ihnen ist es wichtig klarzustellen, dass ihr familiales Engagement nicht mit einem „Männlichkeitsverlust“ verbunden ist. Denn dieses Engagement hat eben noch nicht den Status des Selbstverständlichen.

Familie und Selbstvergewisserung

Väterliches Engagement in der Familie und männliche Selbstvergewisserung sind so oft nicht ohne Probleme zu vereinbaren. Indem sie sich in der Familie engagieren, leben sie eine alternative Männlichkeit. Gleichzeitig versuchen sie aber auch, dies in konventionelle Muster von Männlichkeit zu integrieren. Hierbei handelt es sich nicht um einander ausschließende Strategien, beides findet sich durchaus parallel. Darin zeigt sich die Ambivalenz des neuen Vaterschaftsmodells.

Die skizzierten Herausforderungen erzeugen Suchbewegungen unterschiedlicher Art. Unabhängig davon, in welche Richtung diese gehen, findet eine Modernisierung von Männlichkeit statt. Sie kann immer weniger als etwas fraglos Gegebenes erfahren werden. Männer müssen mehr als je zuvor eigene, nicht mehr von der Tradition vorgegebene Antworten finden, wie sie ihr Leben zwischen Erwerbsarbeit und Familie gestalten wollen. Dies kann als Chance erfahren werden: Handlungsspielräume erweitern sich. Es kann aber auch als eine erzwungene Modernisierung von Männlichkeit empfunden werden, die tradierte Gewissheiten zerstört.

Eine Rückkehr zu den verloren gegangenen Gewissheiten ist allerdings nicht möglich. Die Notwendigkeit, einen Lebensentwurf zwischen Erwerbsarbeit und Familie zu finden, dürfte vorerst für männliche Lebenslagen prägend sein – wobei im Dazwischen viele Positionen möglich sind.

- Der Autor ist Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund.

Die bereits erschienenen Teile der Serie "Gender in der Forschung" finden Sie hier: Teil 1 -"Keine Angst vorm bösen Gender" (von Ilse Lenz), Teil 2 - "Auch das Biologische ist sozial" (von Kerstin Palm), Teil 3 - "Lernen, wie man Grenzen zieht" (von Heinz-Jürgen Voß). Teil 4 - "Riskante Ideale von Männlichkeit" (von Ahmet Toprak).

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