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Das neue Haus auf dem Campus Nord der HU.

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Der Campus Nord der Humboldt-Universität: Im Schatten der grünen Amöbe

Der Campus Nord, traditioneller Ort lebenswissenschaftlicher Forschung, entfaltet sich in nie gekannter disziplinärer Breite.

Noch sind es die Bauarbeiter, die die erste Aufmerksamkeit von Besucherinnen und Besuchern auf sich ziehen. Nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt hämmern, bohren und baggern sie auf dem Campus Nord. Wenn alles fertig ist, können sich die Lebenswissenschaften der Humboldt-Universität auf 80 000 Quadratmetern an der Schnittstelle von Exzellenzclustern und Graduiertenschulen in nie gekannter Breite entfalten.

Der Campus Nord ist ein seit gut zwei Jahrhunderten gewachsenes Gelände lebenswissenschaftlicher Forschung und Lehre. Rote Backsteingebäude stehen heute neben modernen medizinischen Bauten. Auf parkähnlichen Grünflächen ragen alte Bäume in die Höhe. Preußische Veterinärmediziner hielten hier früher Schweine und Pferde. Das sanierte Tieranatomische Theater und das eine oder andere mittlerweile umfunktionierte ehemalige Stallgebäude zeugen von dieser Zeit.

Im Zentrum des Campus steht Haus 18, das Gebäude des 2013 eröffneten Integrative Research Institute (IRI) für Lebenswissenschaften. Wer es besucht, bekommt schnell eine Ahnung davon, wie es hier einmal aussehen wird: In den oberen Etagen sind Hightech-Labore für Molekulare Infektionsbiologie und Quantitative Biologie entstanden. Es gibt ein Praktikumslabor für Biologen und einen modernen Konferenzraum, der nach der kanadischen Forscherin Maud Menten benannt ist. Sie war ab 1912 wissenschaftliche Mitarbeiterin des berühmten Biochemikers und Mediziners Leonor Michaelis, der Namensgeber für das Haus 18 auf dem Campus ist. Dort wird im ersten und zweiten Stockwerk gebaut. „Wir arbeiten uns langsam vor“, sagt IRI-Koordinatorin Uta Bielfeldt. Ihr Arbeitsalltag ist vom Bauen bestimmt. Nicht nur, weil dazu Genehmigungen gehören und das Gelände unter Denkmalschutz steht. Sondern auch, weil das Geld aus der Exzellenzinitiative nicht für Baumaßnahmen verwendet werden darf. Also müssen immer wieder finanzielle Mittel beantragt werden, bei Stiftungen zum Beispiel und beim Land Berlin.

Damit Vertreter des Berliner Abgeordnetenhauses mit eigenen Augen sehen, wie gut das bisher bewilligte Geld investiert wurde, luden IRI und Lebenswissenschaftliche Fakultät im Frühjahr zum ersten gemeinsamen Parlamentarischen Abend nebst Geländerundgang und Laborbesichtigung ein. Eindruck machte dabei der Rhoda-Erdmann-Bau, ein Neubau mit rund 3500 Quadratmetern Nutzfläche. Seiner Farbe wegen wird er gern auch die „grüne Amöbe“ genannt. Ab Frühjahr 2016 ziehen hier einige Arbeitsgruppen aus der Biologie ein. Sie werden innerhalb der Lebenswissenschaftlichen Fakultät mit Agrarwissenschaftlern und Psychologen zusammenarbeiten. Die Fakultät zählt mehr als 5000 Studierende und Promovierende sowie 52 Professorinnen und Professoren.

Die Querverbindungen, meint Richard Lucius, Dekan der 2014 gestarteten Fakultät, lägen auf der Hand: „Zum Beispiel Umwelt, Ernährung oder Altern: Immer geht es auch um Entscheidungen, die der einzelne Mensch trifft. Um das zu erforschen, sind Psychologen unverzichtbar.“ Ebenso geht es in den Lebenswissenschaften in allen Bereichen um die Funktion der Zelle und des Organismus als Grundelemente des Lebens. „Nahrung, Verhalten, Gesundheit“ ist einer der beiden Querschnittsbereiche, den die Lebenswissenschaftler als erste große interdisziplinäre Projekte angehen, der zweite „Pflanze, Umwelt, Urbanität“.

Auch das Bernstein-Centrum for Computational Neuroscience Berlin und die Graduiertenschule Berlin School of Mind & Brain forschen auf dem Campus Nord eng verknüpft mit den Lebenswissenschaften und der Medizin. Das IRI hat zudem die medizinisch orientierte Grundlagenforschung mit dem Fokus in System- und Theoretischer Biologie als Schwerpunkt etabliert. Daran sind mit der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin von der Helmholtz-Gemeinschaft gleich zwei medizinische Partner beteiligt.

Die vernetzten Forscherinnen und Forscher des IRI wollen nicht im Elfenbeinturm verharren. Wichtig ist ihnen der Kontakt zum regulären Unibetrieb sowie zur Öffentlichkeit. So kommen etwa die jungen Nachwuchswissenschaftler zum Pflichtpraktikum ins IRI. Symposien, interdisziplinäre Dialoge und Tutorien stehen Interessierten offen. Die Bedeutung des Campus Nord ist durch die Exzellenzinitiative gestiegen. Erst durch sie entstanden die Lebenswissenschaftliche Fakultät und das IRI, die sich nun gemeinsam für die Entwicklung und die Sichtbarkeit des Campus einsetzen. Jeannette Goddar
- Dieser Text erschien in der Beilage "Humboldt-Universität 2015".

Jeannette Goddar

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