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In Mitteleuropa geht es den Rotbuchen an vielen Standorten bislang gut, aber der Klimawandel verschlechtert die Bedingungen für ihr Wachstum auch hier.
© David-Wolfgang Ebener/dpa

Süd-Nord-Gefälle beim Baumwachstum: Klimawandel gefährdet Rotbuchen auch in Mitteleuropa

Die Rotbuche gilt als relativ widerstandsfähig gegen den Klimawandel. Doch eine europaweite Untersuchung ergibt eine eher düstere Prognose.

Der Klimawandel setzt Rotbuchen in weiten Teilen Europas unter Druck, insbesondere im Süden des Kontinents. Dort ist das Wachstum dieser Bäume einer Studie zufolge seit 1955 um bis zu 20 Prozent gesunken. Im Zuge des Klimawandels könnte es sich dort bis 2090 noch um weitere 50 Prozent verringern.

Abnehmendes Wachstum gelte als Vorbote einer erhöhten Baumsterblichkeit, berichtet eine europäische Forschungsgruppe. Sie hat mehr als 780.000 Baumringmessungen an rund 5800 Rotbuchen (Fagus sylvatica) an 324 Standorten in Europa ausgewertet.

Das Team um Edurne Martinez del Castillo von der Universität Mainz gab die Messergebnisse sowie Niederschlagsmengen, maximale und minimale Lufttemperaturen und weitere Standortfaktoren in ein Computermodell ein. Das im Fachjournal „Communications Biology“ veröffentlichte Ergebnis zeigt räumlich und zeitlich aufgelöste Dickenwachstumsraten für die Rotbuche.

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Entwicklungen in einem optimistischen und einem pessimistischem Szenario

Die Forschenden verglichen die Wachstumsraten der Zeiträume 1955 bis 1985 und 1986 bis 2016 miteinander. Demnach hat sich das Wachstum von Rotbuchen in Spanien, Italien und auf dem Balkan um bis zu 20 Prozent verringert. Dagegen nahm das Wachstum im Süden von Schweden und Norwegen um bis zu 20 Prozent zu.

In diesem nördlichen Verbreitungsgebiet sind es vor allem die langen Kälteperioden, die das Wachstum der Bäume begrenzen. Dort kann eine Erhöhung der Durchschnittstemperaturen zu höheren Wachstumsraten führen.

Die Ringe im Stammquerschnitt von Bäumen ergeben sich durch das jährliche Wachstum. Starke Ringe zeigen Jahre mit günstigen Bedingungen an, in Jahren mit schlechteren sind sie dünner.
Die Ringe im Stammquerschnitt von Bäumen ergeben sich durch das jährliche Wachstum. Starke Ringe zeigen Jahre mit günstigen Bedingungen an, in Jahren mit schlechteren sind sie dünner.
© Edurne Martinez del Castillo

Anhand der Daten berechneten die Wissenschaftler in einem Prognosemodell, wie sich die Entwicklung bis 2090 unter veränderten Klimabedingungen fortsetzen wird. Dafür verwendeten sie zwei Zukunftsszenarien, die auch der Weltklimarat IPCC in seinen Sachstandsberichten nutzt: Nach dem optimistischen Szenario (SSP1-2.6) werden sehr bald wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen, im pessimistischen Szenario (SSP5-8.5) wird dagegen kaum etwas unternommen.

Selbst im optimistischen Szenario werden sich dem Modell zufolge die Wachstumsraten der Rotbuche in Südeuropa bis 2050 um bis zu 30 Prozent gegenüber dem Zeitraum 1986 bis 2016 verringern. Für das südliche Skandinavien dagegen sagen die Forscher ein höheres Wachstum um bis 35 Prozent und für höhere Lagen Mitteleuropas um bis zu 25 Prozent vorher.

Die Prognose bis 2090 sieht ähnlich aus: Beim pessimistischen Szenario könnte sich das Buchenwachstum auch in Mitteleuropa um 20 bis 30 Prozent verringern, in Südeuropa könnte das Wachstum sogar um mehr als 50 Prozent sinken, vor allem in den besonders trockenen Regionen.

„Baum des Jahres“ in Bedrängnis

„Diese deutlichen Wachstumstrends weisen auf eine erhöhte Waldsterblichkeit hin, da ein rückläufiges Wachstum als Vorbote des Baumsterbens ausgewiesen wurde“, schreiben die Autoren. Dies würde auch Deutschland betreffen: Während beim optimistischen Szenario die niedrigeren Wachstumsraten in manchen Regionen größtenteils durch höhere Wachstumsraten in anderen Gebieten ausgeglichen werden, zeichnet das pessimistische Szenario ein düsteres Bild: Dann würde bis 2090 in weiten Teilen Westdeutschlands und in ganz Ostdeutschland das Buchenwachstum um bis zu 30 Prozent zurückgehen. Nur in einigen Mittelgebirgsregionen käme es zu kleineren Zuwachsraten.

Die Rotbuche gilt als weniger anfällig für den Klimawandel als andere Laubbäume wie etwa Eiche, Ahorn, Linde oder Esche. Dennoch habe auch sie unter der Trockenheit und den Waldschäden der vergangenen Jahre gelitten, erklärte Stefan Meier, Präsident der Präsident der Baum des Jahres Stiftung, im vorigen Herbst. Um auf die Gefährdung der Rotbuche hinzuweisen, wählte die Stiftung die Art zum „Baum des Jahres 2022“.

Stefan Parsch, dpa

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