Max-Planck-Institut : Münchner Klinikdirektor fristlos entlassen

Hausverbot für Martin Keck: Gegen den bisherigen Chef des MPI für Psychiatrie läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug.

Hermann Horstkotte
Die Klinik des MPI für Psychiatrie in München.
Die psychiatrische Klinik in München. Der Betrieb dort soll möglichst normal weiterlaufen, hieß es.Foto: O DM/Wikipedia

Der Klinikchef des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Martin E. Keck, seit 2014 im Amt, ist am Wochenende fristlos entlassen worden und hat jetzt Hausverbot. Das erfuhren mehrere hundert Beschäftigte des Münchner Instituts am Montag bei einer Betriebsversammlung von der Geschäftsführenden Direktorin Elisabeth Binder. Der Klinikbetrieb solle und werde möglichst normal weiterlaufen, vorläufig unter direkter Regie der Direktorin, hieß es nach dem Bericht eines Mitarbeiters. Über den Grund für die Kündigung habe Binder nichts gesagt. Vom Arbeitgeber, der gemeinhin als „deutsche Nobelpreisschmiede“ gerühmten Max-Planck-Gesellschaft (MPG), zeigte sich sonst niemand bei der Betriebsversammlung. Keck seinerseits ist über bisherige Kontaktadressen nicht mehr erreichbar.

Eine MPG-Sprecherin erklärte auf Nachfrage des Tagesspiegels: Zu „Hintergründen und weiteren Umständen“ der Kündigung könne sie derzeit nichts sagen. Nur so viel: „Bei der Staatsanwaltschaft München I ist seit geraumer Zeit ein Ermittlungsverfahren anhängig, zu dem wir die nun ergriffenen arbeitsrechtlichen Maßnahmen zur Kenntnis gebracht haben.“ In diesem Verfahren geht es bekanntermaßen um Abrechnungsbetrug.

Laut einem privaten Protokoll, das ein Teilnehmer von der Betriebsversammlung machte, soll Direktorin Binder noch eine andere Fehlentwicklung angesprochen haben: Sie wolle unbedingt eine Gleichbehandlung aller Patienten durchsetzen, eine vorrangige und Besser-Behandlung der Privatpatienten einschränken. Klinikmitarbeiter hatten schon länger bemängelt, dass eine solche Bevorzugung, von der der Chefarzt finanziell profitiert, die Gemeinnützigkeit der Klinik gefährde. Ob diesem mögliches Fehlverhalten dabei allein anzukreiden ist oder er Mitspieler oder Mitwisser vor Ort oder in der MPG-Zentralverwaltung hatte, könnte Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sein.

Moderne Klinikleitungen sehen anders aus

Auf die strukturelle Gefährdung der Gemeinnützigkeit hatte der im Mai 2016 ausgeschiedene Verwaltungsleiter Hartmut Lingner wiederholt hingewiesen. Ein dickes Konvolut von Kopien seines Mailverkehrs liegt seit mehr als zwei Jahren den Bundes- und Landesbehörden, wichtigen Geldgebern, sowie der Presse vor. Doch erst vor ein wenigen Monaten leitete die MPG-Hauptverwaltung an der Münchner Klinik eine interne Untersuchung über Kecks Finanzgebaren ein, deren Ergebnisse jetzt offenbar zu dessen Entlassung führten.

An MPG-Instituten haben die Chefs inhaltlich, personell und finanziell weite Entscheidungsspielräume mit großen Gestaltungsmöglichkeiten. Diese traditionelle Direktorialverfassung ist ein Lockangebot für potenzielle Institutsleiter von Weltklasse. Aber das MPI für Psychiatrie ist kein normales Max-Planck-Institut. Das Erbstück noch aus Kaisers Zeiten hat zwei unterschiedliche Äste: das außeruniversitäre Krankenhaus, das bisher von Keck geleitet wurde, und außerdem zwei Forschungsabteilungen mit jeweils eigener Spitze. Moderne Klinikleitungen an Universitäten sehen anders aus. Sie haben in der Regel mit dem Ärztlichen und Kaufmännischen Direktor eine Doppelspitze. Bei der MPG sind die Verwaltungsleiter durchweg nachgeordnet.

Kecks Habilitationsschrift geriet unter Plagiatsverdacht

Der Fall Keck hat aber auch eine ganz persönliche Dimension. Schon sein finanziell sehr günstiger Arbeitsvertrag mit der MPG verwunderte Chefarzt-Kollegen. Dann gab es bei Wirtschaftsprüfern Zweifel an Privatliquidationen, die aber zerstreut wurden. Zudem geriet Kecks Habilitationsschrift von 2003 unter Plagiatsverdacht. Um die Jahreswende zu 2018 stellte die Uni München jedoch ein Untersuchungsverfahren ein, weil Keck „kein bewusstes oder grob fahrlässiges“ Fehlverhalten nachzuweisen sei. Ihm wurde aber auch vorgehalten, einen ausländischen Uniabschluss unrechtmäßig zum Dr. rer. nat. eingedeutscht zu haben, worauf er sogleich verzichtete.

Seit Kecks Amtsantritt hat eine Reihe von Ärztinnen und Ärzten gekündigt, die mit seiner Klinikleitung unzufrieden waren. Immer wieder stellte sich die MPG-Spitze schützend vor Keck. Währenddessen liefen die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft I wegen möglichen Betrugs weiter – jetzt mit aktuellen Hinweisen der Max-Planck-Gesellschaft selbst.

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