Querschnittlähmung : Gelähmte gehen wieder dank Elektrostimulation

Nach monatelangem Training können drei Patienten einige Schritte laufen. Einen Durchbruch aber sehen Forscher in der Methode noch nicht.

Den Rollstuhl einfach stehenlassen – das ist drei Querschnittpatienten in Studien schon gelungen.
Den Rollstuhl einfach stehenlassen – das ist drei Querschnittpatienten in Studien schon gelungen.Foto: kiono - stock.adobe.com

Nach einer Querschnittlähmung wieder laufen können – das bleibt für die meisten Patienten trotz aller medizinischer Fortschritte ein Traum. Zwei Ärzteteams ist es nun gelungen, das Rückenmark Gelähmter elektrisch so zu stimulieren, dass sie wieder einige Schritte gehen konnten.

Die Idee: das "eingeschlafene" Rückenmark aufwecken

Die Arbeitsgruppe von Claudia Angeli und Susan Harkema von der Universität in Louisville berichtet im „New England Journal of Medicine“ von vier querschnittsgelähmten Patienten, die weder stehen noch laufen konnten. Ihr Rückenmark war so stark beschädigt, dass es keine oder kaum noch Signale vom Gehirn zu den Muskeln weiterleiten konnte.

Das fehlende Signal versuchten die Forscher mit Hilfe elektrischer Stimulation zu überbrücken. Sie implantierten den Patienten einen Stimulator mit 16 Kontaktelektroden am Rückenmark. Die Idee ist, das unterhalb der Verletzung gewissermaßen "eingeschlafene" Rückenmark durch die Stimulation aufzuwecken, sodass er wieder Nervenimpulse empfängt.

Bei zwei der fünf Patienten funktionierte die Methode nicht

Dafür mussten die Patienten allerdings täglich trainieren – monatelang. Mit eingeschaltetem Stimulator gelang es ihnen dann, zu stehen und ihren Rumpf stabil zu halten. Laufen allerdings konnten nur zwei der vier Teilnehmer: Nach 278 Trainingseinheiten in 85 Wochen gelang es einem der Probanden, mit Hilfe von Stöcken etwa 90 Meter am Stück zu gehen. Eine Patientin konnte bereits nach 15 Wochen mit Rollator laufen. Den anderen beiden gelangen trotz Stimulation keine eigenen Schritte.

Das könnte auch daran liegen, dass die beiden Patienten, die am Ende wieder laufen konnten, von Anfang an noch berührungsempfindlich, also weniger stark verletzt waren. "In diesen Fällen bleiben noch ein paar mehr Nervenbahnen intakt, insbesondere solche, die Sensibilität vermitteln", sagte Norbert Weidner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Uniklinikum Heidelberg, dem Tagesspiegel. Diese Sensibilität sei wichtig, um Signale von den Beinen zurück senden und den Körper so über seine Position im Raum zu informieren.

In einer anderen Studie berichten Forscher um Kendall Lee von der amerikanischen Mayo-Klinik im Fachblatt "Nature Medicine" über einen jungen Mann, der nach einer schweren Rückenmarkverletzung gelähmt war. Nach 43 Wochen Training konnte er etwa hundert Meter weit gehen – allerdings nur unter elektrischer Stimulation und mit Hilfe eines Rollators und eines Assistenten (hier im Video).

Elektrostimulation ist keine Heilung

Deshalb warnt Norbert Weidner auch vor Euphorie bei Patienten: "Die Studien zeigen, dass die Kombination aus Elektrostimulation und Training prinzipiell funktioniert." Auf den Alltag komplett gelähmter Patienten hätten die Ergebnisse jedoch keinen großen Einfluss, zu fern sei die Versuchsanordnung von der Realität. Bei Patienten, die ihre Gliedmaßen noch teilweise bewegen können, bestehe aber vielleicht mehr Hoffnung.

So oder so: Eine Heilung verspricht die Methode nicht. Die könnte man nur erreichen, wenn es gelänge, die wenigen noch verfügbaren Nervenbahnen Gelähmter zu vermehren. Von einer solchen Regeneration sei man jedoch noch "sehr weit entfernt", sagt Weidner. In Tiermodellen gebe es schon erste Erfolge, bis zu klinischen Studien werde es aber sicher noch Jahre dauern.


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