Studierende wollen in den öffentlichen Dienst : Sie träumen vom starken Staat

Studierende sehnen sich nach einer sicheren Stelle im öffentlichen Dienst. Doch diese Hoffnung kann trügerisch sein.

Mitsuo Martin Iwamoto
Blick auf einen Behördenschreibtisch - mit Stempeln, Aktenberg und Computerbildschirm.
Amtsstube. So sieht’s aus in der Behörde, aber es gibt ja noch den Außendienst – und vermeintliche Sicherheit. Foto: Patrick...Foto: Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Viele Studierende wollen laut einer neuen Studie im öffentlichen Dienst arbeiten – dieses Ergebnis einer Umfrage ist auf den ersten Blick überraschend. Der öffentliche Dienst? War das nicht diese verstaubte Amtsstube, in der strikte Hierarchien und langweilige Aktenschieberei den Alltag dominieren? Warum wollen Studierende nicht lieber mit einem Start-up reich werden oder in einem Unternehmen Karriere machen? Stattdessen drängt es laut der Studie des Beratungsunternehmens EY 42 Prozent der Studierenden zu einer Laufbahn bei Vater Staat (zur vollständigen Studie geht es hier).

Offenbar hat der öffentliche Dienst den Studierenden mehr zu bieten, als das Klischee es will. Mario Heybach, der vor seinem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin bereits eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter im öffentlichen Dienst absolvierte, kann das bestätigen. „Klar ist ein bisschen was an dem Klischee des Schreibtischjobs dran, aber tatsächlich gibt es beim öffentlichen Dienst auch viele spannende Aufgaben, zum Beispiel im Außendienst“, sagt er. Zudem könne man auf Wunsch auch Standort und Abteilung wechseln – an Herausforderungen mangele es also nicht. Der Verdienst sei im Vergleich zur freien Wirtschaft zwar etwas niedriger, dafür läge dem Staat die Entwicklung seiner Mitarbeiter aber am Herzen. Mehrere Fortbildungsseminare im Jahr finanzierte ihm der Arbeitgeber, auch als er schon fester Mitarbeiter war.

Sicher, dass das Geld am Monatsende auf dem Konto landet

Der öffentliche Dienst biete außerdem etwas, das in der freien Wirtschaft so nicht mehr vermutet wird – Sicherheit und eine langfristige Jobperspektive. „Im öffentlichen Dienst habe ich einen verlässlichen Arbeitgeber und weiß, dass am Ende des Monats auch mein Geld auf dem Konto landet“, sagt Mario Heybach. Bei seinen vorherigen Arbeitgebern in der Gastronomie sei das nicht immer der Fall gewesen.

Außerdem beobachtet er in seinem Umfeld, wie viele Menschen sich um ihre Zukunft am Arbeitsplatz sorgen. Ein Problem, das viele Studierende umtreibt. So ist Jobsicherheit laut der Studie von EY auch das Hauptauswahlkriterium bei der Berufswahl: 57 Prozent der Studierenden nennen es als einen der wichtigsten Faktoren bei der Wahl eines Arbeitgebers.

Oliver Simon, Leiter der Personalabteilung von EY in Deutschland, überrascht dieses hohe Sicherheitsbedürfnis der Jugend. „Der Arbeitsmarkt boomt, die Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften“, sagt er. „Da ist es schon verwunderlich, dass die Studierenden so sehr auf Sicherheit bedacht sind.“ Die Wahrnehmung der Jugendlichen entspreche nicht der Realität auf dem Arbeitsmarkt.

Eine Folge der Angst vor der "Abstiegsgesellschaft"

Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, hingegen überraschen die Studienergebnisse nicht. „Wir sehen seit Jahren ein hohes Sicherheitsbedürfnis, insbesondere in der Jugend“, sagt er. So gaben 2016 in einer Studie in Österreich 60 Prozent der Befragten an, dass sie Halt im Leben suchen. Bei den unter 30-Jährigen lag dieser Wert sogar bei 75 Prozent. In Deutschland sei die Situation ähnlich.

Heinzlmaier sieht für diese Wahrnehmung auch durchaus gute Gründe. So sei die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Richtung einer „Abstiegsgesellschaft“ gegangen. Der vom Soziologen Oliver Nachtwey in seinem gleichnamigen Buch geprägte Begriff beschreibt eine Gesellschaft, in der die Angst vor dem Statusverlust insbesondere unterhalb der oberen Mittelschicht dominiert. Ein Indiz für die „Abstiegsgesellschaft“ sieht Nachtwey in der starken Zunahme von atypischer Beschäftigung und Solo-Selbstständigen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge arbeiteten 2016 20,7 Prozent der Erwerbstätigen als atypisch Beschäftigte und 5,5 Prozent als Solo-Selbstständige. Zum Vergleich: 1991 lagen diese Zahlen noch bei 12,8 und 3,7 Prozent. Gleichzeitig kam es zu einem Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen und der mit ihnen verknüpften sozialen und wirtschaftlichen Absicherung.

Dass Studierende zunehmend den sicheren Hafen öffentlicher Dienst ansteuern, liegt also nicht unbedingt an fehlendem Mut oder einem Wertewandel in der Jugend. Vielmehr scheint der öffentliche Dienst mit seinen Tariftabellen, großzügigem Rückkehrrecht nach der Elternzeit und festen Urlaubsansprüchen eine Sicherheit zu garantieren, die viele Studierende heute in der freien Wirtschaft nicht vermuten.

Ob sie beim Staat jedoch tatsächlich fündig werden, ist fraglich. Denn fast die Hälfte aller Neueinstellungen bei staatlichen Stellen ist derzeit befristete – gegenüber 31 Prozent in der Privatwirtschaft.

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