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Die Klimaforschung sieht sich immer wieder Angriffe ausgesetzt - zu Unrecht.

© picture-alliance / dpa

Kritik an der Klimaforschung: Teils ignoriert, teils attackiert

Wie Klimaforschung funktioniert und warum immer irgendwer etwas daran auszusetzen hat.

Tödliche Hitzewellen, versinkende Küstenstädte, Dürren, Hungersnöte: Solche Schlagworte fallen regelmäßig, wenn in Medien über den Klimawandel berichtet wird. Auf der anderen Seite sind hin und wieder Stimmen zu vernehmen, die wissenschaftliche Theorien und Prognosen dazu grundsätzlich in Frage stellen – obwohl in der Klimaforschung starke Übereinstimmung darin besteht, dass die globale Erwärmung real ist, maßgeblich vom Treibhausgasausstoß des Menschen verursacht wird, und erhebliche Risiken bedeutet. Wie kommt es zu den gegensätzlichen Standpunkten?

Weltweit befassen sich unzählige Wissenschaftler mit einzelnen Aspekten des Klimawandels und den größeren Zusammenhängen. „Diese Zusammenarbeit funktioniert grob gesagt auf zwei Ebenen“, erläutert Jürgen Kurths, Professor für Nichtlineare Dynamik am Institut für Physik der Humboldt-Universität und Leiter des Forschungsbereichs für Transdisziplinäre Konzepte und Methoden am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Zunächst sammeln Forscher reine Beobachtungsdaten. Sind diese ausgewertet, werden auf der nächsten Ebene daraus Reanalysedaten.“ Das sind Daten, die aus einer wohlüberlegten und sehr kritischen Kombination von Beobachtungsdaten mit Simulationsergebnissen aus Modellberechnungen die Entwicklungen der Vergangenheit wiedergeben. Auf dieser Basis können Szenarien über künftige Entwicklungen hochgerechnet werden.

Kurths sitzt an der Schnittstelle dieser beiden Ebenen. HU-Forscher befassen sich zum Beispiel mit lokalen Phänomenen des Klimawandels wie in städtischen Ballungsräumen. Das PIK wiederum ist eine der Einrichtungen weltweit, die übergreifende Modelle und daraus Zukunftsszenarien entwickeln. Ein Ziel des Forschungsbereichs Transdisziplinäre Konzepte und Methoden ist es, die Komplexitäts- und Nachhaltigkeitsforschung durch die Entwicklung und Anwendung neuer Modellierungs- und Analyseverfahren zu bereichern, die auf der Theorie komplexer Netzwerke basieren. Damit können Wissenschaftler Grundlagenfragen des Klimawandels beantworten.

Derzeit arbeiten Vertreter der HU und des PIK mit Kollegen aus Sao Paulo in einem Internationalen Graduiertenkolleg zusammen. Von beiden Seiten kommen 50 Doktoranden zusammen, die sich mit den Auswirkungen von Monsunregen in Südamerika befassen. „Die Brasilianer haben hervorragende Modelle von der Region, wir haben die Methoden und Modelle, um die Daten im größeren Rahmen anzuwenden“, sagt Kurths. Wenn man künftig besser vorhersagen kann, wann und wo es aufgrund von Starkregen in den Anden zu Erdrutschen kommt, ließen sich die Betroffenen rechtzeitig evakuieren. Das kann vielen Menschen das Leben retten. Außerdem lernen die Europäer, welch unterschiedliche Rolle Regen in Südamerika im Vergleich zu hiesigen Breiten spielt.

Das PIK – und damit auch eine Reihe von HU-Forschern – spielt zudem eine wichtige Rolle im Weltklimarat (englisch: Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC). Er wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie als zwischenstaatliche Institution ins Leben gerufen, um für politische Entscheidungsträger den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammenzufassen. In den Jahren 2001, 2007 und 2013/14 machte der IPCC in seinen von hunderten Forschern weltweit zusammengetragenen Sachstandsberichten Aussagen über zukünftige Klimaveränderungen. Diese Aussagen sind seit Jahren die dominierende Basis der politischen und wissenschaftlichen Diskussionen über die globale Erwärmung.

2009 sah sich der IPCC mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Der Report von 2007 sei an etlichen Stellen unkorrekt, hieß es. Manche Kritiker behaupteten, der IPCC übertreibe die Risiken des Klimawandels bewusst –  inzwischen wurde dies umfassend widerlegt. Betrugsvorwürfe gegen IPCC-Autoren, die vor allem auf Zitaten aus gehackten, privaten E-Mails basierten, erwiesen sich in mehreren Untersuchungen als haltlos.

Woher aber kommt die vehemente Kritik? Sowohl eine Reihe großer Konzerne als auch Schwellenländer wie Indien profitieren derzeit enorm von Praktiken, die klimaschädlich sind. „Werden mahnende Stimmen aus der Wissenschaft zum Klimawandel per se abgekanzelt, ist das meist interessengeleitet“, sagt Kurths.

Eine weitere Hürde: Das Untersuchungsobjekt, die Biosphäre der Erde, ist enorm komplex. Entsprechend komplex sind oft auch wissenschaftliche Erkenntnisse darüber. Um diese erfolgreicher publizieren zu können, versuchen einige Medien aber, die Forschung auf eine knallige Zahl oder eine simple Antwort hinunterzubrechen. Differenzierungen gehen da schnell unter. Im Herbst 2013 wurden in England 1906 Artikel aus Massenmedien untersucht. Nur jeder siebte Artikel stellte Unsicherheiten der Ergebnisse dar, die im Uno-Klimareport durchaus dargestellt worden waren.

Teils wird die Wissenschaft also simplifiziert, teils ignoriert, teils attackiert. Fragwürdig ist also nicht die Klimaforschung, sondern was die Gesellschaft daraus macht. Lars Klaaßen

- Dieser Text erschien in der Beilage "Humboldt-Universität 2015".

Lars Klaaßen

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