zum Hauptinhalt
Warten auf die Erhöhung. Das letzte Mal stiegen die Bafög-Sätze im Jahr 2010.

© dpa

Studenten und Hochschulen von heute: Uni-Dozenten müssen vor allem Animateure und Erzieher sein

Die Jungen von heute wollen alles richtig machen. Sie lehnen Vorgaben an der Uni nicht ab – sie fordern sie ein. Über das Leben einer Dozentin als Animateurin, Erzieherin und Motivationstrainerin. Ein Essay.

Einen Namen machen sich Professoren der Politikwissenschaft heute weniger durch bahnbrechende Bücher als durch ihre Fernsehauftritte. Das 90-Sekunden- Statement im Einspieler einer Talkshow zum Koalitionsvertrag bringt mehr Ruhm ein als das Standardwerk zum Regierungssystem der Bundesrepublik. „Sie plädieren doch fürs Diskutieren und Denken. Warum melden sich Politikwissenschaftler nur zu Wort, wenn es um Affären, Skandale und die schnelle Kommentierung von Wahlergebnissen geht?“, fragte mich ein Student in einer Mail. Weil auch Geisteswissenschaftler erkannt haben, dass sich von den Skandalen der anderen besser leben lässt als von der eigenen Originalität.

Zu meiner Studienzeit galt verständliches Formulieren noch als unanständig, mittlerweile gewichten Hochschullehrer ihre Artikel und Interviews in Massenmedien höher als ihre Beiträge in Fachzeitschriften. Die Mediokratie, wie Thomas Meyer die „Kolonisierung“ der „res publica“ durch die Medien nennt, hat nicht nur die praktische Politik erreicht, sondern auch die Wissenschaft. Wer an der Uni lehrt, hat einsehen müssen, dass eine hermetische Sprache noch kein Indiz für exzellente geistige Arbeit ist. Wenn der Hörsaal zum Showroom wird, reden Professoren verständlicher, sie wählen weniger abseitige Themen und bemühen sich um ihr Publikum. Diesen positiven Show-Effekt möchte ich nicht missen.

„Ich bin doch keine Animateurin“, empörte sich in einem Selbsterfahrungsbericht für das SZ-Magazin eine junge Dozentin. Ehrlich gesagt: Ich bin oft genug genau das. Ich präsentiere animierte Filmchen zu medienethischen Fragen und bereite jedes Semester wieder eine Slideshow zum Thema Agenda-Setting vor. Erst bitte ich die Studenten, aus einem Interview oder einer Umfrage eine Meldung zu formulieren, dann vergleichen wir die Ergebnisse mit der professionellen Meldung. Schließlich schauen wir uns an, ob und mit welchen inhaltlichen Verschiebungen Agenturen und andere Medien die Meldung übernommen haben. Dieser Teil des Seminars kommt in der Feedback-Runde immer am besten weg, deutlich besser als Gate-Keeper-Theorien und langfristige Themenkarrierebeobachtungen.

Show statt Lehre

Eine Doppelstunde muss geplant werden wie eine 90-minütige Show. Viele der heute 20-Jährigen haben als Kinder der 90er ein ausgefeiltes Langeweilevermeidungsprogramm von Ausdruckstanz- bis Zauberunterricht durchlaufen. Sie verweilen höchstens zwei Minuten auf einer Internetseite, meistens klicken sie deutlich früher weiter. Ein Moment nachdenklicher Stille im Seminarraum wirkt auf sie wie eine Ton- und Bildstörung. „Dozent ist schlecht vorbereitet“, steht dann in den Evaluationsbögen. Das ist die Kehrseite des Show-Effekts. (...)

An sich Selbstverständliches muss verständlich gemacht, also eingefordert werden. Wenn ich nicht ausdrücklich in drei Rundmails mit Öffnungsbestätigung festhalte, dass Anwesenheit für die Anrechnung von Credit Points notwendig ist, gilt sogar Präsenz als optional. Nicht einmal vor der Frage „Müssen wir bei Referaten da sein oder reicht das Skript?“ schrecken einige zurück. Die zeitweise ausgemusterte Anwesenheitsliste kursiert deshalb wieder. Sie ist klarer als jede Ansage.

Vor allem das Dranbleiben am Lesen macht Probleme

Warten auf die Erhöhung. Das letzte Mal stiegen die Bafög-Sätze im Jahr 2010.

© dpa

Da die meisten Teilnehmer eines Journalismus-Moduls nicht regelmäßig medienkritische Debatten verfolgen, schicke ich ihnen Aufsätze als PDF oder Links zu passenden Artikeln im Internet. Wenn ich nicht „Bitte für unser nächstes Seminar lesen!“ dazuschreibe, geht die Vorbereitung schief. Dann speichern zwar alle die Mail ab, aber nur höchstens drei von 15 dringen tatsächlich bis zu den Artikeln vor. Einer von ihnen ist bereit, die Hauptthesen zusammenzufassen.

Einmal nahm sich ein anderer nach ein paar Sekunden betretener Stille ein Herz und sagte: „Ich konnte den Link, den Sie uns geschickt haben, überhaupt nicht öffnen.“ Warum er mir das erst jetzt mitteilte und nicht zwei Tage vorher, als er die Mail geöffnet hatte? „Ich wusste nicht, dass man Sie dann benachrichtigen muss.“

Mit der Leselust ist es genauso wie mit der Eigen-Motivation und der Frustrationstoleranz: Die Uni hat einfach erwartet, dass Studenten diese Antriebskraft im ersten Semester mitbringen. Auch in dieser Hinsicht müssen bisher stillschweigend vorausgesetzte Fertigkeiten mittlerweile extra trainiert werden. Für die einen gibt es Lektüreseminare, für die anderen Motivationsangebote. Als die Frankfurter Universität im vergangenen Jahr ein „Akademisches Schlüsselkompetenztraining“ anbot, drängten sich nach FAZ-Angaben 500 Studenten im Hörsaal, deutlich mehr als erwartet. In sechs Stunden lernten die Teilnehmer, dass akademischer Erfolg auf einem schlichten Dreiklang beruht: „Anfangen, dranbleiben, abschließen“. Vor allem das Dranbleiben macht Probleme.

Die größte Motivation ist immer noch die Liebe zum Fach, an dieser altmodischen Erkenntnis konnte die neueste Motivationsforschung nicht rütteln. Es gab auch in den 1980ern ein akademisches Achtel, das sich aus Verlegenheit oder wegen des kostenlosen Semestertickets an der Uni einschrieb. Selbst die Uni-Ikone Theodor W. Adorno dürfte in einige desinteressierte Gesichter geblickt haben. Allerdings steigt sowohl mit der Zahl der Studierwilligen als auch mit der Zahl der Studiengänge die Wahrscheinlichkeit, dass mehr als früher darunter sind, die sich verwählt haben. Holger Horz, Professor für Pädagogische Psychologie, sagte im Gespräch mit der FAZ-Beilage „Beruf und Chance“: „Früher kamen vorwiegend gute, hochmotivierte Abiturienten an die Hochschule. Heute, in Zeichen wachsender Studierneigung, versuchen auch Schüler mit schwächer ausgeprägten Kenntnissen und Fähigkeiten ihr Glück.“ Dadurch entstehe ein „missmatch“ zwischen dem pädagogisch nicht geschulten Lehrpersonal und den Erwartungen dieser Studenten.

Wasserbetten und Meditationsräumen anstatt mit Bibliotheksöffnungszeiten

Schon Boris Becker wusste: Tennisspiele werden nicht allein mit Vorhand und Beinarbeit entschieden, sondern im Kopf. Meine Generation lernte von dem Wimbledon-Philosophen das Wort „mental“. Jede zweitklassige Fußballmannschaft hat mittlerweile ihren Mentalcoach. Warum nicht auch jede Uni, und zwar nicht nur für Studenten, sondern vor allem für Professoren und Dozenten? Wenn ich schon Animateur, Erzieher und Motivationstrainer sein soll, will ich das ebenso professionell gelernt haben wie die Luhmann’schen Nachrichtenkriterien.

Die heute 20-Jährigen sind mit Debatten über Lernbedingungen groß geworden. Mein Sohn, gerade neun, hat an seiner Grundschule ein Zimmer mit Wasserbett und farbigen Lichtern. „Snoezeln“ heißt das Konzept, die Kinder entspannen in diesem Ambiente also pädagogisch wertvoll. Ausprobiert wurde es in der Behindertenarbeit, nun wird die Methode auf einen größeren Personenkreis übertragen. Die Kinder – vor allem die Jungs – sollen beim Snoezeln runterkommen vom Stress eines Drittklässleralltags zwischen Gymnasialempfehlungsrattenrennen und Notenvermeidungspädagogik. Sollte der Junge in neun Jahren ein Studium beginnen, werden Hochschulen mit Wasserbetten und Meditationsräumen anstatt mit Bibliotheksöffnungszeiten um seine Gunst wetteifern. Welche Universität traut sich schon, selbstbewusst damit zu werben, dass in ihren Räumen vor allem gelesen, experimentiert und argumentiert werden muss?

Wir haben uns als Dozenten überschätzt

Warten auf die Erhöhung. Das letzte Mal stiegen die Bafög-Sätze im Jahr 2010.

© dpa

Je kürzer die Studienzeit wird, desto mehr allgemeine Lebenshilfe werden die Universitäten leisten müssen. Orientierungs-, Motivations- und Lernorganisationskurse sind erst der Anfang. Angebote zur guten Lebensführung oder, Bologna-gerechter ausgedrückt, Lifemanagement-Angebote werden folgen. Den angehenden Bachelor allerdings empört der Wust an Vorgaben und Unterstützungsangeboten gar nicht. Er ist entrüstet über die eine fehlende Anweisung. Damit ist er in bester Gesellschaft: Die Ratgeberregale sind voll mit Anleitungen zum Erziehen, Ernähren, Lieben, Arbeiten, Pausieren, Vererben. Zwischen pränataler und postmortaler Phase kann der Mensch vieles falsch machen.

Mehr als Adorno oder Max Weber prägt diese Gedankenwelt die heute 20-Jährigen. Sie wollen alles richtig machen, noch richtiger als ihre ratgeberlesenden Eltern. Detaillierte Angaben geben den Studenten das gute Gefühl, aus der Fülle der Möglichkeiten das Richtige oder wenigstens das Erwünschte zu tun. Verfechter des Humboldt’schen Bildungsideals mögen in seitenfüllenden Zeitungsartikeln das Verschulte des Bachelorstudiums beklagen – viele Studenten schätzen genau das: Vorgefertigte Stundenpläne und detaillierte Arbeitsanweisungen mindern aus ihrer Sicht das Risiko, Fehler zu machen. Exakte Angaben – bis hin zur Zeichenzahl von Klausuren – mögen Studenten früherer Jahrzehnte als Gängelung empfunden haben, viele der heutigen fühlen sich um eine ihnen zustehende Lehr-Leistung betrogen, wenn die Uni sie nicht umsorgt.

Was nach Freiheitsberaubung aussehen könnte, macht Freiheit erst erträglich. Ohne Vorschriften wäre die Entscheidungsfreiheit im übrigen Leben kaum auszuhalten. Geisteswissenschaften gelten noch als einigermaßen frei, die engmaschige Betreuung hat aber auch sie erreicht. Als Hochschulpolitiker, wie 2007 geschehen, ein „Jahr der Geisteswissenschaften“ auslobten und sogar der „Spiegel“ in einer Serie aufregende Denker an deutschen Hochschulen entdeckt hat, dürfte sich mancher Lehrbeauftragte an der geisteswissenschaftlichen Basis ziemlich blöd gefühlt haben. Bevor bundesweit beachtete intellektuelle Gipfel überhaupt in Sichtweite kommen können, müssen wir Dozenten erst einmal umfangreiche Umsorgungspakete schnüren. Bis wir uns mit den Studenten Gedanken zur Zukunft der Demokratie oder zu verschiedenen Skandaltheorien machen können, hat das Organisatorische einen großen Teil unserer Lehrkraft absorbiert. Lehrer berichten dasselbe.

Wir waren schlecht vorbereitet

Wenn wir in der letzten Stunde vor den Semesterferien über die geplanten Hausarbeiten sprechen, stellt niemand eine Frage zum Inhalt, zu möglichen Gliederungsvarianten oder zur Literaturrecherche. Stattdessen: „Wann müssen wir abgeben? Wie lange brauchen Sie für die Bewertung? Wie groß muss der Zeilenabstand sein? Wenn es zehn Seiten sein sollen, darf ich da Titelseite und Inhaltsverzeichnis mitzählen?“ Natürlich sind nicht alle Studenten unselbstständige Vorschriftenjunkies. Aber der Anteil ist so groß geworden, dass die Universitäten darauf reagieren mussten. Hochschulen sind seit Jahrzehnten geübt in Strukturdebatten, mühsam haben sie sich in den neunziger Jahren daran gewöhnt, unternehmensähnlich zu denken. Sie haben gelernt, die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zu berücksichtigen. In Mentalitätsdebatten sind sie dagegen unerfahren.

Auf den Lebensstil-Wandel der Studenten waren wir schlecht vorbereitet. Wir Lehrenden sahen die Wasserflaschen, die Notebooks, die subtilen Codes der Markenvermeidungsmarken. Wir blickten in die Gesichter von künftigen Geisteswissenschaftlern, die Erfolg und Effizienz nicht mehr ideologisch bekämpften. Die Hochschulen gaben ihnen die Möglichkeit, effizient zu studieren. Doch wir haben das abgeklärte Auftreten unseres Gegenübers mit Erwachsensein verwechselt. Bewundernd haben wir zugehört, wenn sie vom Schüleraustausch in Schanghai erzählten. Neidisch sind wir darauf, wie versiert sie sich im World Wide Web bewegen. Die kennen die Welt, analog und digital!

Wir Dozenten haben uns selbst überschätzt: Wir hatten geglaubt, mit unseren Themen mithalten zu können, wir hatten auf so etwas wie Liebe zum Fach gehofft. Das war eine vermessene Erwartung, ein Relikt jener Zeit, als Geisteswissenschaften noch Leitwissenschaften waren und Studenten die Uni wegen eines bestimmten Professors oder einer bestimmten Denkschule aussuchten. Heute punkten wir nicht mehr mit der Dialektik der Aufklärung, sondern kämpfen mit der Dialektik der Abklärung. Jedes formale Detail wird per Mail und Einzelgespräch abgeklärt. Was unsere Kunden aber vom großen Ganzen denken, gibt uns Rätsel auf.

Die Autorin ist Lehrbeauftragte am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Sie ist Redaktionsleiterin von „Christ und Welt“ in der „Zeit“. Der Text ist ein Auszug aus ihrem neuen Buch: „Warum unsere Studenten so angepasst sind“, Reinbek 2014.

Christiane Florin

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false