Unter allen Wipfeln : Baumkronen schützen vor Klimafolgen

Ein dichtes Blätterdach hilft, die Artenvielfalt am Waldboden zu erhalten. Das hat auch Implikationen für die forstliche Bewirtschaftung.

Kronen, die sich lohnen - oder auch nicht. Unter allen Wipfeln ist es jedenfalls nicht cool, denn lichte Baumkronen wie diese hier erhöhen die Temperatur am Waldboden.
Kronen, die sich lohnen - oder auch nicht. Unter allen Wipfeln ist es jedenfalls nicht cool, denn lichte Baumkronen wie diese hier...Foto: Friedberg Fotolia

Dichte Baumkronen können Pflanzen und Tiere am Boden eines Waldes vor extremen Temperaturen und vor anderen Folgen des Klimawandels schützen.

Lichtet sich das Blätterdach, kann die Temperatur am Boden hingegen stark steigen und die Lebensbedingungen für die dort lebenden Arten drastisch verändern.

Das berichtet eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Florian Zellweger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft im Schweizerischen Birmensdorf im Fachmagazin „Science“.

Faktor Mikroklima

Bisher werde das spezielle Mikroklima am Waldboden bei Prognosen zu den Auswirkungen des Klimawandels nicht ausreichend berücksichtigt.

Für Klimamodelle werden überwiegend die Temperaturwerte von Messstationen herangezogen, die die Temperaturen etwa zwei Meter über dem Boden auf freier Fläche messen.

„Die meisten Organismen auf der Erde erleben jedoch Temperaturbedingungen, die sich vom Makroklima unterscheiden“, schreiben die Wissenschaftler. So könnten die Landschaftsform und die Vegetation durch Verschattung, Luftmischung und Verdunstungsraten sehr unterschiedliche Mikroklimate in Bodennähe erzeugen.

Zellwegers Team maß in 100 Wäldern in 56 Regionen Europas mit gemäßigtem Klima die Temperaturen im Unterholz. In einem Computermodell kombinierten sie die Ergebnisse mit Aufzeichnungen über die Dichte des Baumkronendachs von 2955 Stellen in diesen Regionen. Diese Aufzeichnungen boten Zeitreihen über die Veränderungen im Wald über 12 bis 66 Jahre.

Auf diese Weise ermittelten die Wissenschaftler, dass Veränderungen im Makroklima zwar einen Einfluss auf das Mikroklima hatten - das auch in anderen Zusammenhängen beim Umgang mit Klimafolgen eine Rolle spielt. Es kam aber auch heraus, dass 48 Prozent der Veränderungen im Mikroklima sich nicht mit Veränderungen im Makroklima erklären lassen.

Konsequenzen für den Holzeinschlag

Überhaupt war das Mikroklima in den untersuchten Gebieten um 45 Prozent variabler als das Makroklima. Denn wenn das Blätterdach im Laufe der Zeit dichter wird, verringert es die Klimaerwärmung am Boden. Umgekehrt erwärmt sich der Boden umso schneller, wenn sich der Wald lichtet – aus natürlichen Gründen oder aufgrund von Eingriffen des Menschen.

Die Wissenschaftler plädieren dafür, das Mikroklima in Wäldern bei Berechnungen zur Entwicklung der Biodiversität einzubeziehen, und fordern Waldbewirtschafter auf, die Auswirkungen von Forsteingriffen auf die Klimabedingungen am Waldboden und deren Einfluss auf das gesamte Ökosystem zu berücksichtigen. „Eine zu starke Auflichtung des Kronendaches sollte – wo immer es möglich ist – vermieden werden“, sagt Markus Bernhardt-Römermann von der Universität Jena, einer der Ko-Autoren der Studie. (Stefan Parsch, dpa)

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