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Der einzige Brunnen im Ghetto Piaski.

© Metropol-Verlag / fotopolska.pl

Tagesspiegel Plus

Von Moabit nach Piaski verschleppt: Im Vorhof des Grauens

Vor 80 Jahren begannen die Deportationen von Berliner Juden in das Transitghetto im ostpolnischen Piaski. Dort mussten Judenräte über das Schicksal ihrer Mitmenschen bestimmen.

Von
  • Steffen Hänschen
  • Andreas Kahrs

Neu ausgewertete Berichte und Zeugnisse Überlebender des Transitghettos in der polnischen Ortschaft Piaski zeigen, welche Rolle die Judenräte bei den Deportationen spielten und wozu solche Ghettos eingerichtet worden waren. Letztlich wird dadurch einmal mehr deutlich, wie perfide der Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg organisiert war.

In den okkupierten osteuropäischen Gebieten setzten die Nationalsozialisten bereits ab 1939 „Judenräte“ ein. Ihre Aufgabe war es, die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden nach den Vorgaben der Besatzer zu regeln. Der Judenrat von Piaski verfasste am 7. April 1942 einen Brief an den zuständigen deutschen Kreishauptmann – mit der Auflistung von zwölf Männern, die künftig dieses Gremium bilden sollten. Über den dramatischen Hintergrund der Neubesetzung sagt das Dokument nichts: In Piaski hatte in der Woche zuvor eine sogenannte „Aussiedlung“ stattgefunden.

Die dritte Deportationswelle führte nach Ostpolen

Über 1000 Jüdinnen und Juden waren in das Vernichtungslager Belzec verschleppt worden, das erste Lager der „Aktion Reinhardt“, in dem seit dem 17. März Transporte aus den Distrikten Lemberg und Lublin eintrafen. Unter den Verschleppten befanden sich fast alle Angehörigen des Judenrats. Die Besatzungsbehörde erhielt die Mitteilung, dass von den zwölf bisherigen Mitgliedern nur drei verblieben waren. Die neu Benannten kamen alle aus dem Reichsgebiet – aus Hessen, Bayern, Wien und Berlin.

Der Judenrat in Piaski 1942.
Der Judenrat in Piaski 1942.

© Bildungswerk Stanislaw Hantz

Heinrich Himmler und das Reichssicherheitshauptamt entschieden Anfang der 1940er-Jahre, Ortschaften im besetzten Polen zu Zielstationen für deportierte Juden aus West- und Mitteleuropa zu machen. Zwischen März und Juni 1942 verschleppten die Nationalsozialisten daraufhin annähernd 21 000 Juden aus dem Deutschen Reich.

Zusammen mit Transporten aus Theresienstadt und der Slowakei wurden mehr als 80 000 Jüdinnen und Juden in den Distrikt Lublin gebracht. Diese sogenannte dritte Deportationswelle wird bis heute selten als zusammenhängende Maßnahme der deutschen Besatzer wahrgenommen, auch weil die Transporte nicht an ein bestimmtes Ziel, sondern in 23 verschiedene Ortschaften im heutigen Ostpolen führten.

Warten auf die Weiterfahrt in den Tod

Die sogenannten Transitghettos wie das in Piaski waren Zwischenstationen, an denen die Deportierten mit unmenschlichen Lebensbedingungen konfrontiert waren und auf ihre Weiterfahrt in den Tod warten mussten. Nach Wochen, manchmal nach nur wenigen Tagen wurden die meisten weiter verschleppt – in die Vernichtungslager Belzec oder Sobibor.

Im Jahr 1942 kamen mit den Deportationen etwa 4000 Jüdinnen und Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren und dem Deutschen Reich nach Piaski. Unter ihnen befanden sich Hedwig Reiling, die Mutter der Schriftstellerin Anna Seghers, sowie Hugo Railing, Mitglied im Ältestenrat des FC Bayern München und Mitglied des neuen Judenrats im Ghetto.

Zu den für den Judenrat in Piaski vorgesehenen Mitgliedern zählten auch Walter Guttsmann und Friedrich-Wilhelm Kempner aus Berlin. Ihr Transport hatte die Reichshauptstadt am 28. März 1942 verlassen. In dem Personenzug dritter Klasse saßen außer ihnen 983 Personen aus Berlin und dem Umland.

Die beiden gehören zu den wenigen, von denen noch Lebenszeichen nach ihrer Deportation überliefert sind. Nachdem Walter Guttsmann seinen Arbeitsplatz bei der AEG verloren hatte, weil das Unternehmen seine jüdischen Mitarbeiter in den Ruhestand versetzte, hatte er sich in Berlin ehrenamtlich für die jüdische Gemeinde engagiert. Bis er im März 1942 mit seiner Frau Helene die Aufforderung bekam, sich im Sammellager der Synagoge Levetzowstraße 7-8 zur Abfahrt „in den Osten“ zu melden.

Im Jahr 1941 wohnten in Berlin noch etwa 66 000 Jüdinnen und Juden. Bis 1944 wurden mehr als 35 000 von ihnen „in den Osten“ deportiert und ermordet. Die Verschleppungen begannen mit dem ersten Transport am 18. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt.

Das GLEIS 69 am Gedenkort Güterbahnhof Moabit erinnert an die Deportation von 30 000 Berliner Jüdinnen und Juden, die zwischen 1942 und 1944 von hier aus in Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden.
Das GLEIS 69 am Gedenkort Güterbahnhof Moabit erinnert an die Deportation von 30 000 Berliner Jüdinnen und Juden, die zwischen 1942 und 1944 von hier aus in Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden.

© TSP / Kitty Kleist-Heinrich

Bis zum Frühjahr 1942 mussten die Menschen die Deportationszüge auf Sondergleisen des Bahnhofs Grunewald besteigen. Danach setzten die Machthaber Züge am Güterbahnhof Moabit ein. Der erste Transport aus Moabit war der vom 28. März 1942 in das polnische Piaski.

Die meisten Deportierten kamen nur mit dem, was sie am Körper trugen, in Piaski an. Ihr Gepäck war ihnen bei einem Zwischenhalt im Lubliner Lager „Alter Flugplatz“ abgenommen worden. Von dort wurden die Transporte in die Ghettos geleitet.

Nach der Ankunft in Piaski sperrten die Wachmannschaften die Berliner Jüdinnen und Juden in ein abgetrenntes Viertel, das mit einem zweieinhalb Meter hohen Bretterzaun umgeben war. Das Verlassen des Areals war ihnen streng verboten. Der umzäunte Bereich war von einer Durchgangsstraße in zwei Bereiche geteilt.

Es gab nur einen Brunnen im Ghetto. Wasser konnten also nur diejenigen holen, die im „richtigen“ Teil untergebracht waren, die anderen nur zu begrenzten Zeiten, wenn das Ghettotor geöffnet wurde. In Piaski mussten die Deportierten schwerste Arbeit verrichten und unter schlimmsten hygienischen Bedingungen ausharren.

Das Ghetto war bereits überfüllt

Als die Jüdinnen und Juden aus Tschechien, Deutschland und Österreich im März 1942 in Piaski ankamen, war das Ghetto bereits überfüllt. Die deutschen Behörden entschieden erneut, „Platz zu schaffen“ und polnische Jüdinnen und Juden in den Tod zu schicken. Die Wege von neu Ankommenden und zur Deportation in ein Vernichtungslager Bestimmten kreuzten sich hier.

Dies berichtete auch das Ehepaar Martha und Max Bauchwitz, das bereits im Jahr 1940 aus Stettin nach Piaski deportiert worden war: „Die 1500 aus Mainz, Worms und Darmstadt sind in die Wohnungen der Verreisten gekommen.“

Piaski hatte keinen eigenen Eisenbahnanschluss. Die nächste Bahnstation lag im zwölf Kilometer entfernten Trawniki, von wo aus die verängstigten Berliner Jüdinnen und Juden auf einem Fußmarsch nach Piaski getrieben wurden. Als sie eingetroffen waren, konfrontierten die deutschen Mannschaften sie mit der nächsten „Aktion“, wie die Verschleppungen in die Gaskammern der Vernichtungslager bezeichnet wurden.

Nach der Beendigung der Aktion gehörte ich zu denjenigen, die die Leichen aus den Wohnungen und von den Straßen zum Friedhof wegschaffen mussten.

Towja Perec, Überlebender des Ghettos Piaski

Der Leiter der Abteilung „Bevölkerungswesen und Fürsorge“ der deutschen Zivilverwaltung in Lublin, Richard Türk, fasste in einem Bericht für März 1942 zusammen, dass „aufgrund meines Vorschlags grundsätzliche Klarheit (besteht), dass möglichst im gleichen Ausmaß, wie Juden vom Westen her eingesiedelt werden, hiesige Juden auszusiedeln sind“. Als deutsche Polizeieinheiten am 6. April 1942 in das Ghetto Piaski einfielen, wussten die polnischen Jüdinnen und Juden bereits genau, was sie erwartete. Viele widersetzten sich der Anordnung, sich auf einem zentralen Platz einzufinden.

Darüber berichtete Towja Perec in seinen Erinnerungen: „Bei dieser zweiten Aktion waren die Juden ja nicht mehr ahnungslos. Viele Leute wollten nicht mehr zum Umschlagplatz gehen. Man hat sie mit Gewalt dorthin getrieben, mit Schlägen, Stößen, Kolbenhieben, man hat auch geschossen. Nach der Beendigung der Aktion gehörte ich zu denjenigen, die die Leichen aus den Wohnungen und von den Straßen zum Friedhof wegschaffen mussten. Es waren etwa 50-60 Leichen.“

Der Judenrat fügte seinem Schreiben von Anfang April 1942 an den Kreishauptmann Lichtbilder und Lebensläufe seiner neuen Mitglieder bei. Bevor er zustimmte, ließ der Kreishauptmann sie beim Kommandeur der Sicherheitspolizei in Lublin überprüfen. Die Bescheinigungen, die er kurz darauf ausstellte und die den Männern erlaubten, das Ghetto zu verlassen und die beiden getrennten Ghettobereiche zu betreten, waren zeitlich begrenzt.

Auf der Liste befanden sich Ende 1942 nur noch zehn Männer. Einer der beiden Fehlenden war Walter Guttsmann. Ende September standen noch acht Männer auf der Liste, darunter Friedrich Wilhelm Kempner.

Doch auch er fiel einer „Aktion“ zum Opfer, denn im November lösten die Deutschen das Ghetto Piaski auf. Die Verbliebenen wurden in Sobibor und auf dem jüdischen Friedhof von Piaski ermordet. Den Aussagen polnischer Anwohner zufolge machten deutsche Jüdinnen und Juden einen großen Teil der Opfer dieser letzten „Aktion“ in Piaski aus.

Heute erinnert nur noch der jüdische Friedhof an die jüdische Gemeinschaft von Piaski, deren Angehörige jahrhundertelang im Ort gelebt hatten. Wahrscheinlich ist er auch die letzte Ruhestätte einiger der Berliner Jüdinnen und Juden, die am 28. März deportiert wurden.

Die Autoren sind Mitarbeiter des Bildungswerks Stanislaw Hantz. Im März ist ihr Buch „‚Aktion Erntefest’. Berichte und Zeugnisse Überlebender“ im Berliner Metropol Verlag erschienen.

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