Was die Wissenschaft leisten muss : Den Menschen helfen, zur Vernunft zu kommen

Die Menschheit versteht kaum, was sie der Erde antut. Dies ist die Stunde der Wissenschaft, die aber noch handlungsfähig werden muss. Ein politischer Appell.

Jürgen Renn
Kinder spielen an einem vermüllten Strand in Mumbai Cricket.
Der Strand als Müll- und Spielplatz – hier in der indischen Megacity Mumbai.Foto: picture alliance / Divyakant Sol

„Werdet nicht zu Propagandisten“, appellierte der Sozialhistoriker Jürgen Kocka hier am 26. September. Wissenschaftler sollten zwar politisch engagiert sein, dabei aber nicht ihre Regeln, etwa die Verpflichtung zur Objektivität und Nachprüfbarkeit, verletzen. Erwidert haben WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger und TU-Präsident Christian Thomsen. Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, meldet sich jetzt mit einer neuen Definition der Rolle der Wissenschaft in Zeiten des Anthropozäns zu Wort. Renns Buch „The Evolution of Knowledge. Rethinking Science for the Anthropocene“ erscheint Anfang 2020 bei Princeton University Press.

Die Erde ist nicht mehr die unserer Großeltern. Der Klimawandel schreitet beschleunigt voran und führt uns schon bald in kritische Bereiche sich selbst verstärkender Prozesse. Wir erleben den erdgeschichtlichen Eintritt in ein sechstes Massensterben. Menschen haben lediglich 0,5 Prozent Anteil an Biomasse, verbrauchen aber heute bereits 30 Prozent der Photosynthese-Produkte. Angesichts der massiven Auswirkungen industrieller Eingriffe in die Umwelt sind die Trennlinien zwischen Natur und Kultur offenkundig obsolet.

Wir sind dabei, in für geologische Verhältnisse atemberaubender Geschwindigkeit eine Erdepoche zu verlassen, die der menschlichen Zivilisation über 10 000 Jahre weitgehende klimatische Stabilität geboten hat. Für diese umfassende Veränderung unseres Planeten hat der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen den Begriff des Anthropozäns vorgeschlagen.

Welche Rolle haben Wissenschaft und Technologie dabei gespielt? Waren sie die Brandbeschleuniger, die es der auf Kolonialismus und industriellem Kapitalismus basierenden modernen Welt erst ermöglicht haben, zu Erdzerstörern zu werden? Oder waren sie die Kassandra, die frühzeitig warnte, aber auf deren Ratschläge leider niemand gehört hat? Die Menschen sind zu einer planetaren Kraft geworden, haben aber noch keine planetare Vernunft entwickelt.

Was bedeutet das für die politische Rolle der Wissenschaft? Im beginnenden Atomzeitalter hat man bei dieser Frage in erster Linie an die Verantwortung einzelner herausragender Wissenschaftler gedacht. Heute wissen wir, dass dies der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung der Wissenschaft nicht gerecht wird. Es geht nicht um wenige Genies, sondern um ein gesellschaftliches Teilsystem, das weltweit Millionen von Akteuren umfasst. Was genau kann hier politische Verantwortung heißen?

Ein Porträt von Jürgen Renn.
Jürgen Renn ist Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.Foto: Bernd Wannenmacher

Historisch war die Wissenschaft eine eher marginale Aktivität menschlicher Gesellschaften. Heute hängt die Zukunft der Menschheit auch von ihren Erkenntnissen und Lösungsangeboten ab. Bald acht Milliarden Menschen und mithin eine Fülle menschlicher Kulturen werden in unseren hoch technischen Gesellschaften darauf angewiesen sein, dass gerade Wissenschaft und Technologie konkrete Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Aufgabe muss es sein, die unbeabsichtigten Konsequenzen unserer Eingriffe in die planetare Umwelt zu dämpfen und in bedingungslos nachhaltigere Bahnen zu lenken.

Welche Maßnahmen auch immer wir ergreifen, sie werden wesentlich vom verfügbaren Wissen über die Wechselwirkung zwischen dem Erdsystem und seinen menschlichen Komponenten abhängig sein. Wir führen ein globales Experiment mit einem System durch, das wir noch unzureichend verstehen. Es wäre blinder Fortschrittsglaube, wenn man annimmt, dass das Wissen, das wir benötigen, um diesen Herausforderungen zu begegnen, durch einen Automatismus produziert wird, der die benötigten Innovationen von selbst hervorbringt.

Wissen muss umgesetzt werden - für eine humane Zukunft

Umgekehrt wäre es naiv anzunehmen, dass man Wissenschaft einfach steuern könnte, indem man alle Ressourcen für die Lösung der großen Probleme einsetzt. Innovationen lassen sich nicht erzwingen, weil Wissenschaft Freiräume braucht und entscheidende Durchbrüche oft erst durch Neugier getriebene Grundlagenforschung möglich werden. Darüber hinaus reicht es nicht aus, das relevante wissenschaftliche Wissen zu generieren. Es muss auch technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich umgesetzt werden – und zwar nicht unter dem Primat partikularer, kurzfristiger Gewinninteressen, sondern mit Blick auf eine planetarische, humane Zukunft, die die Belastungsgrenzen der Erde achtet.

Wissenschaft ist Teil einer umfassenderen Wissensökonomie, in der das einer Gesellschaft zur Verfügung stehende Wissen produziert und reproduziert wird. Traditionell spricht man von einer Bringschuld der Wissenschaft und einer Holschuld der Gesellschaft. Wissenschaft kann auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse immer nur Optionen anbieten und auf die Konsequenzen bestimmter Maßnahmen hinweisen, entscheiden aber muss die Gesellschaft als Ganze, vermittelt durch die Institutionen demokratischer Entscheidungsfindung.

Jenseits des Klein-Klein handlungsfähig werden

Allerdings müssen diese Institutionen angesichts der Gewaltigkeit der Probleme erst noch Handlungsfähigkeit jenseits des Klein-Klein erlernen. Welcher Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bedarf es angesichts der globalen Herausforderungen des Anthropozäns? Die Versuchung liegt nahe, die Schnittstellen durch engagierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu besetzen, die einen direkten Dialog mit politischen Entscheidungsträgern führen.

Eine andere Versuchung ist die, dass die Wissenschaft, wie andere gesellschaftliche Interessengruppen auch, Lobbyismus praktiziert, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Beide Modelle werden allerdings dem Anspruch an Wissenschaft, möglichst gesicherte objektive Erkenntnisse zu liefern, die weder von persönlichen noch von Gruppeninteressen geleitet sind, nicht gerecht.

Schülerinnen und Schüler der Fridays for Future-Bewegung bei einer Demonstration in Wien.
Schülerinnen und Schüler fordern bei den Fridays for Future-Demos - hier in Wien - auch das verstärkte Engagement von...Foto: REUTERS/Lisi Niesner

Schüler und Jugendliche, die weltweit unter dem Motto Fridays for Future für radikale Maßnahmen zum Klimaschutz eintreten, berufen sich auf die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und fordern von ihr zu Recht, ihre Einsichten stärker in die öffentliche Diskussion einzubringen. Gerade auch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, den Objektivitätsanspruch von Wissenschaft nicht zu gefährden.

Aber dürfen wir überhaupt von Objektivität reden, da doch die Wissenschaft ebenso wie andere Bereiche der menschlichen Kultur immer auch von Interessen und Normen geleitet ist? Die kollektiven Prozesse, durch die sich die Qualität wissenschaftlicher Aussagen absichern lässt, mögen im Einzelfall durchaus versagen, weil Wissenschaft auch nur Menschenwerk ist. Aber wissenschaftliche Verfahren liefern eben die besten Erkenntnisse, die menschenmöglich sind.

Lesen Sie auch folgende Debattenbeiträge:
- Jürgen Kocka: Forscher, werdet nicht zu Propagandisten [hier]
- Jutta Allmendinger und Harald Wilkoszewski: Sagt was, Wissenschaftler [hier]
- Christian Thomsen: Nur Mut, liebe Kollegen [hier]

Die Öffentlichkeit muss diese Verfahren kennen, auch um beurteilen zu können, von welchen Interessen einzelne Expertenempfehlungen möglicherweise geleitet sind. Mit anderen Worten, die Gesellschaft braucht Einsicht in das Funktionieren ihrer eigenen Wissensökonomie, um diese kontrollieren und wo nötig verbessern zu können. Wie kann eine transparente Wissensökonomie der Nachhaltigkeit aussehen?

Jedenfalls bedarf sie einer Bündelung der Kompetenz, weil sich die realen Probleme nicht von selbst in disziplinäre Zuständigkeiten unterteilen. Diese Bündelung ist nicht nur ein Organisations- und Kommunikationsproblem, sondern verlangt intellektuelle Integration, also eine Forschungsanstrengung ganz eigener Art. Sie könnte etwa dadurch gestärkt werden, dass man die Leopoldina als Nationalakademie in die Lage versetzt, mit den dazu benötigten Mitteln solche integrativen Anstrengungen zu unternehmen und der Wissenschaft eine öffentlich vernehmbare Stimme verleiht.

Ein neues MPI zur Wechselwirkung von Mensch und Erdsystem

Aber Neustrukturierungen der Beratung helfen allein nicht. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir auch genuin neue Erkenntnisse benötigen, die sich nicht einfach aus dem laufenden Betrieb ergeben. Die Prozesse, die uns gegenwärtig ins Anthropozän katapultieren, beruhen auf einer Wechselwirkung zwischen der globalen menschlichen Gesellschaft und dem Erdsystem. Diese Kopplungen sind bisher noch kaum verstanden.

Wie hängen die ko-evolutionären Pfade von Klima, Biodiversität, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung, Recht, Digitalisierung, Energie- und Rohstoffsystemen miteinander zusammen? Die Max-Planck-Gesellschaft überlegt deshalb zurzeit, ob sie ein neues Institut gründet, das unter der Bezeichnung „Geoanthropologie“ der Erforschung der ineinandergreifenden globalen Transformationsprozesse gewidmet ist.

Auch an vielen anderen Stellen des deutschen Wissenschaftssystems hat das Thema Nachhaltigkeit schon jetzt einen Innovationsschub ausgelöst. Hinzukommen müsste der Dialog einer arbeitsfähigen nationalen Wissenschaftsakademie mit einer in Hinblick auf Nachhaltigkeit sprechfähigen Bundesregierung – etwa durch Einrichtung einer entsprechenden Taskforce im Kanzleramt. Ein solcher Dialog muss öffentlich und transparent geführt werden. Und er bedarf des Korrektivs durch breite gesellschaftliche Diskussionen über wünschenswerte Szenarien und ihre Konsequenzen. Ein Rahmen dafür wären neue Formate des Bürgerdialogs.

Die Frage der Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Frage nach dem Umgang mit Ressourcen, sie ist auch eine Frage der Nachhaltigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung. Erst wenn die zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen gebührt, können wir wenigstens in dieser Hinsicht zuversichtlich sein.

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