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Seit kurzem stehen die Deutschen wieder Schlange, um sich impfen zu lassen - wie hier in einem Pankower Einkaufszentrum.

© Jörg Carstensen/dpa

Tagesspiegel Plus Interaktiv

Wirkt 2G? : In Deutschland lassen sich wieder mehr Ungeimpfte immunisieren

Mit steigenden Inzidenzen und neuen Maßnahmen steigt auch die Zahl der Erstimpfungen wieder etwas. Wie schnell rückt die Herdenimmunität näher?

Von Yannik Achternbosch

| Update:

Die Impfschlangen sind zurück. Vor dem Impfzentrum am ehemaligen Flughafen Tegel steht eine; vor der Messe ebenfalls. Und auch anderswo stehen Menschen an, um sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. Wer nun denkt, dass seien alles Ungeimpfte, die sich nun doch umentschieden haben, irrt. Die allermeisten derzeit verabreichten Impfdosen sind Drittimpfungen, sogenannte Booster. Trotzdem steigt inzwischen auch die Zahl der täglich durchgeführten Erstimpfungen wieder an – zuletzt waren es knapp 64.270 pro Tag, wie aus Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Ist diese Zahl ein Grund zur Hoffnung?

Die Erst- und Zweitimpfungen gelten nach wie vor als das entscheidendste Mittel zur Überwindung der Pandemie. Entsprechend lautet das vergangenen Donnerstag erklärte Ziel der Ministerpräsidentenkonferenz: die großen Impflücken in Deutschland schließen, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern.

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Auch wenn die Zahl der Erstimpfungen weiterhin deutlich unter dem Niveau vom Sommer liegt, lässt die Grafik hoffen: In den vergangenen sieben Tagen wurden in Deutschland durchschnittlich rund 64.270 Erstimpfungen pro Tag durchgeführt. So hoch lag der Mittelwert immerhin seit dem 25. September nicht mehr. Noch am 1. November hatte der Mittelwert mit 27.200 Erstimpfungen pro Tag seinen Tiefstwert seit Beginn der Impfkampagne erreicht. Die Appelle der Politik – und womöglich auch der Beschluss, dass Bundesländer ab einer Hospitalisierungsinzidenz von drei 2G einführen müssen – könnten dazu beigetragen haben.

Lassen sich mehr Menschen impfen, weil die Maßnahmen verschärft werden?

Schaut man sich die Daten im Verlauf der Zeit an, weist einiges darauf hin. Ein so deutlicher Anstieg der täglichen Erstimpfungen wie aktuell war bundesweit zuletzt nach der Ministerpräsidentenkonferenz am 10. August 2021 zu verzeichnen. Im Rahmen dieses Treffens hatten die Ministerpräsident:innen zusammen mit der Kanzlerin entschieden, dass die kostenlosen Schnelltests zum 11. Oktober wegfallen würden. Kurz danach stieg die Zahl der Impfungen pro Tag.

Und es sieht ganz so aus, als zeige sich jetzt der gleiche Effekt. Vergangenen Donnerstag beschlossen Bund und Länder: Je nach Hospitalisierungsrate wird in den Bundesländern 2G oder sogar 2G plus eingeführt. Seitdem steigt die Zahl der Erstimpfungen weiter an.

In manchen Bundesländern gilt 2G schon flächendeckend, zum Beispiel in Berlin. Seit dem 15. November gelten in der Hauptstadt für Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen deutlich verschärfte Maßnahmen in Innenräumen, Zugang haben nur noch Genesene oder Geimpfte. Darauf folgte in Berlin ein deutlicher Anstieg der täglichen Erstimpfungen: Innerhalb eines Monats hat sich der wöchentliche Durchschnitt verdoppelt – von rund 1600 am 24. Oktober auf 3600 Erstimpfungen am 24. November. 

Für viele, die zuvor noch nicht geimpft waren, könnte allerdings auch die steigende Infektionsgefahr einen Einfluss auf die Entscheidung für die Impfung haben. Zum Beispiel in Bayern, wo die Inzidenz schon seit Wochen deutlich über dem bundesweiten Wert liegt. Hier hat sich die Zahl der Erstimpfungen pro Tag seit Anfang November mehr als verdoppelt. Die 2G-Regel gilt in dem Bundesland allerdings erst seit dem 16. November.

Wie lange noch bis zur Herdenimmunität? 

Aus epidemiologischer Sicht wäre eine weitere Steigerung der Impfquote wünschenswert. Einige würden sagen: bitter nötig. Denn wenn genug Menschen immun sind, erreicht die Gesellschaft Herdenimmunität. Dann findet das Virus nicht genug Wirte; es kann sich nicht mehr stark ausbreiten. Und die Pandemie endet. 

Berechnungen des RKI zeigen, wie weit es bis dahin noch sein könnte. Im Sommer dieses Jahres legte es eine Berechnung vor, laut der eine Impfquote von mindestens 85 Prozent unter den 12- bis 59-Jährigen sowie eine Impfquote von mindestens 90 Prozent unter den Über-60-Jährigen in Deutschland nötig sei, um einen Zustand der Herdenimmunität gegen die Delta-Variante des Coronavirus herzustellen. 

Da kommt es gelegen, dass die Zahl der Impfungen wieder steigt, nachdem sie monatelang auf stabilem Niveau niedrig war. Ende Oktober wurden in Deutschland durchschnittlich nur noch rund 128.000 Corona-Impfungen pro Tag verabreicht, jetzt sind es wieder knapp 463.700 (Sieben-Tage-Durchschnitt). 

Unter 626.535 Impfungen am Mittwoch (24.11.) waren immerhin 101.338 Erst- und 67.513 Zweitimpfungen. Sie gelten als besonders wichtig, um die Pandemie einzudämmen. Der Rest waren Auffrischungs-Impfungen. Auch in sie setzt die Politik Hoffnung: In Israel halfen sie maßgeblich, die vierte Welle zu brechen.

Doch von dem Ziel Herdenimmunität ist Deutschland selbst mit dem gesteigerten Impftempo noch Monate entfernt. Selbst wenn das aktuelle Tempo bei den Erstimpfungen beibehalten werden kann, würde es rein theoretisch noch etwas über zwei Monate dauern, bis eine Impfquote der Erstimpfungen von 85 Prozent erreicht wäre, eine Impfquote von 90 Prozent würde noch 119 Tage dauern.

Und egal, wie viel in diesen Tagen geimpft wird, ein besonders akutes Problem wird das nicht lösen. Die Impfungen werden erst einmal keinen starken Einfluss auf die Entwicklung der Neuinfektionen in den nächsten Wochen haben. Dafür kommen sie zu spät, denn der Impfschutz besteht nicht sofort. Zwischen den beiden Impfdosen liegen bei Biontech/Pfizer mindestens zwei, bei Moderna sogar mindestens drei Wochen. Und selbst nach der zweiten Dosis dauert es noch zwei Wochen, bis die Impfung den vollen Schutz bietet.

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