Wissenschaft und Religion : Wie vernünftig ist der Glaube?

Wissenschaft und Religion stehen in einem spannungsreichen Verhältnis. Eine Umfrage unter sechs führenden Wissenschaftlern liefert interessante Ansichten zur Visite des Pontifex in Berlin.

Galileo Galilei (hier eine Darstellung im Planetarium in Jena) stand im Konflikt mit der Kirche. Das kopernikanische Weltbild hat jedoch nichts daran geändert, dass bis heute Milliarden Menschen an Gott glauben.
Galileo Galilei (hier eine Darstellung im Planetarium in Jena) stand im Konflikt mit der Kirche. Das kopernikanische Weltbild hat...Foto: ddp

Immer wieder betont Papst Benedikt, dass Glaube und Vernunft nicht im Widerspruch stehen. Wie vernünftig ist der Glaube aus Sicht der Wissenschaft?

Wir haben Professorinnen und Professoren verschiedener Disziplinen um ein Statement gebeten. Klicken Sie sich hier durch die Antworten.

Teil 1: Günter M. Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin.

Günter M. Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin.
Günter M. Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Günter M. Ziegler, Mathematiker, FU Berlin:

Natürlich haben Glaube und Vernunft gar nichts miteinander zu tun, und das weiß auch der Herr Ratzinger. Insofern stehen sie auch nicht im Widerspruch. Glaube steht immer außerhalb des Vernünftigen, und das ist auch gut so. Das macht ja Glaube (vielleicht) nicht unnötig; Vernunft bleibt nötig. Ich vertrete ja eine Wissenschaft, die absolute und ewig gültige Einsichten und Erkenntnisse anzubieten hat – aber eben auch eine Wissenschaft, die Begriffe wie „wissen“ und „vermuten“, „beweisen“ und „verstehen“ sauber trennt, und die auch über ihre eigenen Limitierungen tiefe Einsichten anzubieten hat.

Wir Mathematiker sind stolz auf diese Einsichten, feiern die Jubiläen: Vor 80 Jahren publizierte Kurt Gödel seine berühmte Arbeit „Über formal unentscheidbare Sätze...“, die unüberwindbare Grenzen des Beweisens aufzeigt. Und im kommenden Jahr feiern wir den 100. Geburtstag von Alan Turing, der als erster „Berechenbarkeit“ formalisiert und „Nichtberechenbarkeit“ nachgewiesen hat. Wenn nur Theologen und Moralprediger die Grenzen ihrer Erkenntnis und ihrer Aussagen und Vorschriften ähnlich scharf erkennen könnten...

Teil2: Gerhard Roth, Hirnforscher an der Uni Bremen

Gerhard Roth, Hirnforscher an der Uni Bremen.
Gerhard Roth, Hirnforscher an der Uni Bremen.Foto: promo

Gerhard Roth, Hirnforscher, Uni Bremen:

Ob Glaube und Vernunft prinzipiell unvereinbar sind, ist unklar und hängt wesentlich von der Definition beider Begriffe ab. Klar ist aber, dass wissenschaftliche Vernunft und institutionalisierter Offenbarungsglaube, wie er von der katholischen Kirche und ihrem Papst vertreten wird, unvereinbar sind. Wissenschaftliche Vernunft besteht darin, nur solche Aussagen oder Aussagensysteme (Theorien) zu akzeptieren, die logisch widerspruchsfrei und hinreichend empirisch belegt sind. Was darunter zu verstehen ist, wird fortschreitend im Konsens von Wissenschaftlern geklärt. Wissenschaft ist also ein gesellschaftlich-diskursives Verfahren und hat nichts mit überzeitlichen Wahrheiten zu tun.

Die katholische Kirche und ihr Papst vertreten hingegen bis heute den Standpunkt, einen privilegierten Zugang zu überzeitlichen Wahrheiten – zum Beispiel den Eigenschaften und dem Willen Gottes – zu besitzen, die sich zugleich einer empirischen Überprüfung entziehen und oft genug mit dem Postulat der logischen Widerspruchsfreiheit unvereinbar sind. Dieser Standpunkt muss vom Gläubigen akzeptiert – eben „geglaubt“ werden. Allen Pseudomodernismen zum Trotz besteht die katholische Kirche nach wie vor auf dem „Opfer des Verstandes“ (sacrificium intellectus). Wenn hingegen Glaube als eine individuell-subjektive Überzeugung oder Ahnung verstanden wird (woher diese sich auch immer speisen mögen), dann können Glaube und wissenschaftliche Vernunft wohl nebeneinander bestehen, weil sie unterschiedliche Geltungsbereiche haben.

Teil 3: Nina Degele, Soziologin an der Uni Freiburg

Nina Degele, Soziologin an der Uni Freiburg.
Nina Degele, Soziologin an der Uni Freiburg.Foto: Promo

Nina Degele, Soziologin, Uni Freiburg:

Glaube hat so viel mit Vernunft zu tun wie ein Fisch mit einem Fahrrad, nämlich herzlich wenig. Glaube ist Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses nach Sicherheit und unzweifelhafter Gewissheit. Vernunft stellt Rationalität und Zweifel in den Vordergrund. Angesichts einer sich permanent und immer schneller wandelnden Gesellschaft, in der Sicherheiten wie lebenslange Berufs- und Liebeskarrieren abgedankt haben, verliert die katholischeKirche dreieinhalb Millionen Gläubige innerhalb von 20 Jahren, mit der katholischen Geschlechterpolitik und Sexualmoral sind acht von zehn repräsentativ Befragten nicht einverstanden. Nur konsequent, wenn die katholische Kirche mit ihrem Festhalten an Tradition auf dem besten Weg ist, sich als Institution ihr eigenes Grab zu schaufeln. Hinderlich für eine gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Pluralität, Demokratie und Gerechtigkeit ist das nicht.

Teil 4: Paul Nolte, Historiker an der FU Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin

Paul Nolte, Historiker an der FU Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin.
Paul Nolte, Historiker an der FU Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin.Foto: promo

Paul Nolte, Historiker, FU Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin:

Die Spannung zwischen Glauben und Vernunft ist nicht erst ein Produkt der Aufklärung oder der modernen Naturwissenschaften. Sonst wären vor bald zweitausend Jahren die Wundergeschichten des Neuen Testaments nicht aufgeschrieben worden. Deshalb war es immer ein Missverständnis, Darwins Evolutionstheorie oder die Entdeckung ferner Galaxien würden Religion und Glauben widerlegen und damit letztlich zum Verschwinden bringen. Historisch ist das ein Denkprodukt des 19. Jahrhunderts, in dessen Bann noch heute ein Richard Dawkins ebenso steht wie bestimmte Berliner Atheistenmilieus. Geschichts- und Kulturwissenschaften zeigen immer wieder, dass Moderne und Religion, Glauben und Vernunft zusammengehören – in widerspruchsvollen Mischungen, natürlich. Auch hat sich der Glaube vernünftig gemacht, zum Beispiel in der Theologie als Wissenschaft und Kulturleistung. Ein Stück weit war das gewiss eine Anpassung. Sie hat aber zugleich die Frage nach dem radikal Anderen der Vernunft aufgeworfen: nach dem Punkt, von dem aus sich die vermeintliche Absolutheit des Wissens und der menschlichen Verfügung kritisch betrachten lässt. So gesehen mag es vernünftig sein zu glauben. Aber es bleibt Glaubenssache.

Teil 5: Birgit Aschmann, Historikerin an der HU Berlin

Birgit Aschmann, Historikerin, HU Berlin:

Im 19. Jahrhundert war der Glaube noch lange das dominierende Orientierungssystem, das dem Menschen half, die Welt und sich selbst zu verstehen. Doch seit der Französischen Revolution war es unter Druck geraten, als der Glaube an Gott durch einen „Kult der Vernunft“ ersetzt werden sollte. Dies war das Präludium einer Auseinandersetzung, die das Jahrhundert prägen sollte. Insbesondere die Katholiken Europas sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, ihr Glaube sei wider die Vernunft. Sie reagierten, indem sie triumphierend auf zahlreiche Wunder verwiesen, aus denen sie die göttliche Bestätigung des Katholizismus herauslasen. Die Polarisierung hatte weitreichende Folgen und ging zu Lasten der vermittelnden Positionen. So kam es nicht zuletzt durch die geistigen und politischen Wirren des 19. Jahrhunderts zur Zentralisierung und antimodernen Festlegung der römisch-katholischen Kirche, die gerade diejenigen Katholiken vor den Kopf stieß, die sich um Brücken zur zeitgenössischen Lebenswelt bemühten. Erst das 2. Vatikanische Konzil schlug einen anderen Weg ein, wobei unklar ist, ob Papst Benedikt XVI. auf diesem wirklich weitergehen möchte.

Der Glaube wird den Menschen so lange vernünftig erscheinen, wie er ihnen plausible Antworten auf ihre zentralen Lebensfragen gibt. Die Rolle der Kirche aber wird davon abhängen, ob sie diese Antworten in unserer pluralen Gesellschaft authentisch vermitteln kann. Gerade Frauen haben da Zweifel.

Teil 6: Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe an der Uni Kassel

Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Uni Kassel:

Religiöser Glaube basiert auf übernatürlichen Wundern, Mythen und Offenbarungen, die der Vernunft widersprechen und irrational sind. Die Behauptung des Papstes, diese Glaubensinhalte wären vernünftig, ist schlichtweg eine verantwortungslose Irreführung seiner Schäfchen, die mit dieser dogmatischen Hirnwäsche beruhigt werden sollen, nach dem Motto: Biblische Märchen von der Schöpfung, dem auferstandenen Jesus usw. sind logisch-rationale Ereignisse und daher mit dem Verstand begreifbar. Das ist falsch – biblische Wundergeschichten widersprechen dem kausalen, logischen Denken, da in dieser mystischen Fantasy-Welt Wirkungen ohne reale Ursachen vorausgesetzt werden. Glauben heißt: nicht Wissen, und archaische Märchen sollten in den Kirchen bleiben, wo sie als Lebenshilfe für verzweifelte Gläubige durchaus ihre Berechtigung haben.

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