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Die Landschaft, die uns in der Seele sitzt.

© Illustration: Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Zwischen Migration und Globalisierung: Heimat! Wo liegt sie?

Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Das nutzen Ideologen bis heute aus. Doch nicht die Scholle, die Sprache schafft wirkliche Gemeinschaft.

Von Ralf Schnell

Das Wort Heimat besitzt auf Anhieb einen sympathischen Klang. Schon beim ersten Hören stellt sich ein Echoraum aus verwandten Wörtern ein: Heim, heimisch, heimelig, heimlich – „heimatlich“ eben. Wärme und Klarheit strahlt dieses Wort aus. Der weiche Diphthong „ei“ trägt, wie im Wort Heiterkeit, zur Erhöhung geistiger Temperaturen bei, der Vokal „a“, wie in Wahrheit, zu emotionaler Helligkeit. Ein Wort, das Nähe vermittelt und Geborgenheit ausstrahlt, ein Bei-sich-selbst-Sein, wie wir es im Deutschen sonst nur in Prägungen wie Zuhause oder Gemütlichkeit finden.

Heimat besitzt zudem den Vorzug, sich in einer nahezu unbegrenzten Vielfalt variabler Komposita unterbringen zu lassen. Darunter sind Wahlheimat und Heimatverein die geläufigsten, Mietheimat, Momentheimat, Selbstheimat und Leidensheimat die vielleicht kuriosesten. Die Variabilität zeigt: Das Wort Heimat ist in allen Lebenslagen und -bereichen präsent, es stimmt zufrieden und macht ruhig.

Dabei könnte man es belassen. Wenn nicht – ja: wenn nicht bei genauerer Betrachtung dieses Wortes ein Effekt sich einstellte, den Karl Kraus schon vor mehr als einem Jahrhundert in der Zeitschrift Die Fackel beschrieben hat: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ Gerade die Vertrautheit mit diesem Wort muss misstrauisch stimmen, seine vielfältige Verwendbarkeit und Einsatzfähigkeit macht es fragwürdig.

Instrumentalisierung durch Vertriebenenverbände

Dieser Effekt hat vermutlich mit der jahrzehntelangen Instrumentalisierung durch Vertriebenenverbände zu tun, ganz gewiss mit der semantischen Besetzung durch die extreme Rechte und entsprechende Äußerungen aus dem Umkreis der identitären Bewegung und nicht zuletzt mit einer ideologischen Inanspruchnahme, die Wirkung bis in die offizielle Regierungspolitik hinein gezeigt hat.

So trug das von 2018 bis 2021 von der CSU geführte Bundesministerium des Innern zusätzlich die Bezeichnungen „Bau und Heimat“, die letztere ausgestattet mit einer durch den amtierenden Minister eigens eingeführten Heimatabteilung. Diese sollte, wie auf der Homepage des Ministeriums betont wurde, dazu dienen, „den Zusammenhalt, das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation in bzw. mit unserem Land zu erhöhen“ und „die Lebensbedingungen vor Ort im ganzen Land zu verbessern“.

Doch so wenig man das Christentum braucht, um Nächstenliebe zu praktizieren, so wenig bedarf es – wie sich bei den jüngsten Flutkatastrophen gezeigt hat – des Terminus Heimat, um Nachbarschaftshilfe zu leisten. Die aus den ministerialen Formulierungen sprechende naive Vorstellung, Heimat sei gewissermaßen ein flächendeckender Begriff, unter dessen schützendem Dach Menschen sich zusammenfinden könnten, entstammt der Romanwelt des 19. Jahrhunderts.

Bäuerliche Stimmungswerte

Im Heimatroman finden sich Stimmungswerte des Landlebens, dörflicher Verbundenheit und bäuerlicher Gemeinschaft, deren öffentliche Nutzung sich in Deutschland mit der Propagandamaschinerie des Nationalsozialismus historisch erschöpft hat. Ihre literarische Nachkommenschaft reduziert sich ästhetisch wie intellektuell auf das Format von Leseheftchen, soweit sie nicht in TV-Produktionen wie Heidi in den 1970er Jahren eine kurzlebige Wiederauferstehung als Zeichentrickserie erfuhren.

Der Filmtrilogie „Heimat“ von Edgar Reitz blieb es vorbehalten, die mit diesem Wort verbundenen ideologischen Vorstellungen vollends zu entzaubern. Seither kann man wissen, dass die Idee Heimat sich weder auf einen geografischen Ort reduzieren noch gar als strukturpolitischer Kollektivbegriff nutzen lässt.

„Heimat? Aber wo liegt sie?“, möchte man angesichts dieses Befundes in leichter Abwandlung einer der Xenien Friedrich Schillers fragen. Und die Antwort lautet auch in diesem Fall: „Ich weiß das Land nicht zu finden.“ Gern würde man sich bei der Suche nach diesem Land in die Conclusio von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ retten, in die so häufig zitierte abschließende Wendung: „Die Wurzel der Geschichte ist der arbeitende, der schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Geschichtsphilosophische Vision

Das letzte Wort dieses Opus mit einem Umfang von mehr als anderthalbtausend Seiten, fasst dessen Tendenz prägnant in sich zusammen. Es bietet in nuce seine erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, seine politischen Implikationen und auch die ihm eigene Dynamik. Der Marxsche Arbeitsbegriff ist in diesem gleichermaßen philosophischen wie poetischen Bild enthalten und auch die Idee der sozialen Revolution, die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ebenso wie der Gedanke einer verwirklichten Demokratie.

Seiner Sprachgewalt und seinem Assoziationsreichtum würde sich der Leser gern vorbehaltlos überlassen – offenbarte es nicht einen Makel, der zugleich ein Grundzug der Blochschen Philosophie ist: ihr teleologischer Charakter, der das erwünschte Ziel stets vor Augen hat. Lässt sich aber Heimat ernsthaft als utopische Vision am Ende eines geschichtsphilosophisch entworfenen Weges bestimmen, der auf das Bild einer unschuldigen Kindheit zurückgeführt wird?

Eher stellt sich, bei aller Sympathie für den Denker Ernst Bloch, angesichts solcher Formulierungen eine Art Kitschverdacht ein. Man wird einer Antwort bei der Suche nach dem, was das Lebensaggregat Heimat bedeuten kann, vermutlich nur dann nahekommen, wenn man von den lebensgeschichtlichen Prägungen der Kindheit und frühen Jugend ausgeht, die jeder Mensch durchläuft, von jenen Entwicklungsphasen, die ihm, beginnend mit der Mutter-Kind-Dyade, einst ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt haben. Niemand ist davor geschützt, dieses Zugehörigkeitsgefühl im Laufe der Jahre, im Zeichen lebensgeschichtlicher Verwerfungen, zu verlieren. Und so kann womöglich gerade der Verlust dessen, was Heimat einmal gewesen sein mag, zu einer präziseren Bestimmung ihrer substanziellen Bedeutung führen.

Um nicht abstrakt zu bleiben: Wer, geboren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, ohne eigenen Vater aufwachsen musste (in Russland „gefallen“); wer in einer zerstörten Familie groß wurde (mit einem autoritären und cholerischen Stiefvater); wer die ideologischen Kontinuitäten in der Sozialisationsinstanz Schule miterlebte („Die Juden – sie sind ja auch ein Kreuz“, sagte der Geschichtslehrer); wer die entscheidenden Phasen seiner intellektuellen Sozialisation durch politische Skandale bestimmt sah (darunter 1962 die „Spiegel“-Affäre); wer sich als Student bei der Wahrnehmung seiner demokratischen Grundrechte durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin beschimpfen lassen musste („Seht euch diese Typen an!“, Klaus Schütz, 1968); wer sich durch den Beschluss der Ministerpräsidenten der Länder und des Bundeskanzlers Willy Brandt in seiner persönlichen und beruflichen Zukunft bedroht sah („Radikalenerlass“, 1972) – der nahm seine Jugend und die Institution Familie, sein Land, den Staat und die ihn repräsentierenden Institutionen in zunehmendem Maße aus einer mehr als kritischen Distanz wahr und durchaus nicht als Heimat.

Seine produktiven Impulse bezog der Bildungsroman einer solchen Jugend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den Rhythmen der Rebellion: dem Rock’n’Roll, dem Existenzialismus, der Studentenrevolte, der Befreiung aus den Zwängen überholter Traditionen und autoritärer Strukturen, und verbunden mit alledem die Einsicht, dass es verallgemeinerbare Lebensentwürfe nicht (mehr) gab. Bekanntlich ist es nicht allen Angehörigen dieser Generation gelungen, solche Verlusterfahrungen zu kompensieren.

Wo man den Dingen erstmals einen Namen gibt

Was aber hat das Wort Heimat uns heute dann noch zu sagen? In einer globalisierten Welt und im Zeichen der digitalen Transformation aller Lebensbereiche? Unter den Bedingungen des Klimawandels und im Angesicht der einstweilen ungebremsten Covid 19-Pandemie? Und was besagt es vor dem Hintergrund von Migrationsbewegungen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß? Der kosmopolitische Journalist und Weltbürger Georg Stefan Troller hat auf solche Fragen eine Antwort gefunden, die man bedenkenswert nennen kann.

„Das Heimatgefühl“, so Troller in einem Interview mit der „Süddeutsche Zeitung“, „entsteht in dem Moment, in dem man den Dingen erstmals einen Namen gibt. Anfangs bestehen die Dinge nur aus unseren Gefühlen zu ihnen. Erst wenn das Kind die Dinge mit Namen kennt, wird ihnen ihr Schrecken genommen. So erwächst einem langsam Zugehörigkeit.“ Troller geht von der sprachlichen Aneignung der Welt durch das einzelne Kind aus. Unausgesprochen zitiert er dabei die Schöpfungsgeschichte (Genesis 1,1-2,4a) und mit ihr die biblische Namensgebung. Seine Assoziation erinnert daran, dass Sprache die erste, jedem Einzelnen eigene Form der Weltaneignung ist.

Dieser Befund gilt nicht allein für die Kindheit. Er gilt darüber hinaus überall dort, wo sich dem einzelnen Menschen – wie einem Kind – eine Wirklichkeit eröffnet, der er zum ersten Male begegnet. Eine Welt, für deren Erschließung und Aneignung er eine verständigende Form des Sprechens benötigt. Erinnert sei nur an das Ende des Zweiten Weltkriegs, an die Situation einer jungen Autorengeneration, die nach 1945 zu schreiben begann, inmitten von Schutt und Trümmern. „Das war unsere neue Heimat“, so schrieb der spätere Nobelpreisträger Heinrich Böll im Rückblick auf diese Zeit, „und wir nahmen sie an.“

Die Voraussetzung für diesen Neubeginn, so Böll, war das Bewusstsein, „dass jeder, der in einer Sprache schreibt, eine Vorstellung haben müsste, wo diese Sprache eine geschichtliche oder politische Heimat hat.“ Die Sprache wurde zum Medium einer Selbstbegegnung. Sie baute Brücken, und sie bot Orientierung. Sie schuf angesichts des unerhörten Traditionsbruchs, den der Nationalsozialismus bedeutete, literarisch wie publizistisch neue Wahrnehmungsformen: Zugänge zu einer anderen Welt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Inmitten eines Umbruchs von epochalem Ausmaß, wie ihn die Migrationsbewegungen unserer Zeit darstellen, lässt sich Sprache als das Non plus ultra aller Bemühungen um Integration bestimmen. Im Akt des Sprechenlernens, der sprachlichen, mündlichen wie schriftlichen Identifizierung von Personen, Gegenständen und Zusammenhängen, der Bannung durch Benennung, der Charakterisierung des Bezeichneten durch ein Bezeichnendes, mit einem Wort: durch das Gespräch erschließt sich der Mensch (s)eine Welt, erschafft er sich (s)eine (Sprach-)Heimat.

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