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Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bereitet Treuhänderschaft für das Hafenplatz-Ensemble vor.

© Tagesspiegel/Robert Klages

Exklusiv

„Das Haus steht am Rande der Unbewohnbarkeit“: Hafenplatz-Häuser in Berlin-Kreuzberg zwischen Treuhänderschaft und Zwangsversteigerung

Das Pyramiden-Ensemble am Berliner Hafenplatz wird offenbar zunehmend vernachlässigt. Während der Bezirk eine Treuhand für den Gebäudekomplex vorbereitet, könnte es auch auf eine Zwangsversteigerung hinauslaufen.

Stand:

Für das ikonische Pyramiden-Ensemble am Berliner Hafenplatz zahlen die Eigentümer inzwischen offenbar weder Wasser noch Grundsteuern mehr. Im Spätsommer hatte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bereits eine Wasserrechnung von 70.000 Euro vorgestreckt, damit den Mieter:innen des Hafenplatz-Ensembles in Kreuzberg nicht die Wasserversorgung gekappt wurde. Die Hauseigentümer hatten offene Rechnungen zuvor nicht beglichen, obwohl die Mieter:innen ihre Nebenkosten gezahlt hatten.

Nun arbeitet der Bezirk an weitreichenderen Schritten, um die Bewohnbarkeit des Gebäudeensembles im Hafenplatz 5–7, der Köthener Straße 28–33 und der Bernburger Straße 20–21 zu sichern: an der sogenannten Ersatzvornahme und einer Treuhänderschaft.

720
Wohnungen befinden sich im Gebäudekomplex.

Im Gebäudekomplex befinden sich rund 720 Wohnungen, die aktuell teilweise von Geflüchteten bewohnt sind. Die Eigentümer um das Unternehmen Hedera Bauwert würden den Gebäudekomplex aus den Siebzigerjahren, der lange als Studierendenwohnheim genutzt wurde, gern abreißen und neu bauen. Gegen den Geschäftsführer Ioannis Moraitis als Privatperson sowie drei Projektgesellschaften der Hedera Gruppe sind derzeit Insolvenzverfahren anhängig. In Potsdam wurde gerade ein Grundstück, das mehrheitlich einer Tochter der Hedera-Gruppe gehörte, für 8 Millionen Euro zwangsversteigert.

Im Rahmen der Ersatzvornahme übernimmt der Bezirk nun auf Kosten der Eigentümer Aufgaben, die eigentlich die Eigentümer selbst durchführen müssten, es aber nicht tun – wie zum Beispiel die Begleichung der Wasserrechnung. „Die Mieter wurden in der zweiten Dezemberhälfte per Anordnung aufgefordert, ihre Nebenkosten künftig an ein bezirkliches Treuhandkonto zu überweisen, das bei Home and Care liegt“, berichtet der zuständige Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne) dem Tagesspiegel.

Aufzug kaputt und marode Heizung

Die Ersatzvornahme ist also bereits im Gange. Der Bezirk bereitet parallel aber schon Weitreichenderes vor. „Es ist ganz deutlich, dass die aktuellen Eigentümer nichts mehr am Haus machen, also auch keine Schäden beheben“, sagt Schmidt. Für die Betreuung der maroden und deswegen störungsanfälligen Heizung sei zum Beispiel inzwischen keine Fachfirma mehr von den Eigentümern beauftragt. In einem Hausteil sei gerade ein Aufzug kaputtgegangen. „Das Haus steht am Rande der Unbewohnbarkeit“, fasst Schmidt zusammen.

In dieser Situation stoße Home and Care als Verwaltung an seine Grenzen. „Daher prüfen wir intensiv die Frage, ob wir eine vollständige Treuhänderschaft anordnen können“, sagt Schmidt. „Nur dann hätten wir auch Zugriff auf die Mietzahlungen, aus denen wir dann auch die Reparatur der Schäden bezahlen könnten.“

Um die vollständige Treuhänderschaft umsetzen zu können, muss der Bezirk zunächst konkrete Mängelbeseitigungen anordnen, etwa die Reparatur der Aufzüge. „Wenn darauf innerhalb der Fristen keine Reaktion erfolgt und sich verdichtet, dass die Eigentümer gar nichts mehr unternehmen, dann erst können wir den Gebäudekomplex möglicherweise komplett in Treuhänderschaft nehmen“, sagt Schmidt.

Denkbar sei zwar auch, dass der Bezirk auf eigene Kosten die jeweiligen Mängel beseitige. „Das ist aber ein Fass ohne Boden – das Geld würden wir nicht wiedersehen.“ Man sei schon im Gespräch mit dem Senat, ob eine der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften unterstützen und das Haus verwalten könnte.

Zwangsvollstreckung eingeleitet

Derweil gibt es aber noch eine andere Entwicklung: Wie der Tagesspiegel erfahren hat, hat das Amtsgericht Kreuzberg drei Zwangsvollstreckungsverfahren für das Hafenplatz-Ensemble eingeleitet. Das bestätigte die Pressestelle der Zivilgerichte auf Anfrage. Die Verfahren könnten dazu führen, dass die Grundstücke zwangsversteigert werden, was aber wohl noch eine Weile dauern dürfte. Der die Vollstreckung betreibende Gläubiger sei jeweils das Finanzamt Friedrichshain-Kreuzberg wegen rückständiger Grundsteuern, so die Pressestelle der Zivilgerichte.

Eine Zwangsversteigerung halte ich für nicht zielführend. Dies könnte erneut Investoren anziehen, die auf Verwertung durch Entmietung und Abriss setzen.

Florian Schmidt (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg

Das „älteste“ Verfahren betreffe die Grundstücke Hafenplatz 6-7 und Köthener Straße 28-32, schreibt der Pressesprecher. Dort habe am 15. Dezember ein Ortstermin für die Erstellung des erforderlichen Verkehrswertgutachtens stattgefunden. Die beiden jüngeren Verfahren beträfen die Bernburger Straße 20 und 21 sowie die Köthener Straße 33. Diese seien gerade erst eingeleitet worden, gerichtliche Anordnungen stünden noch aus. Wie lange die Verfahren dauern, hänge ganz erheblich vom Verhalten des jeweiligen Schuldners ab und davon, ob er Rechtsmittel gegen gerichtliche Zwischenentscheidungen einlegt.

Auf die Bitte um Stellungnahme, weswegen offenbar Zahlungen an Finanzamt und Versorgungsunternehmen nicht geleistet würden und ob es stimme, dass das Haus, zum Beispiel wegen eines ausgefallenen Aufzugs und der mangelnden Betreuung der Heizungen „am Rande der Unbewohnbarkeit“ stehe, antwortet ein Hedera-Sprecher: „Die von Ihnen angesprochenen Themen betreffen überwiegend laufende Prüfungen, Abstimmungen mit Behörden, Versorgern und Dienstleistern sowie rechtliche Verfahren, die sich derzeit noch in Klärung befinden oder noch nicht abgeschlossen sind.“

Vor diesem Hintergrund könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Detail öffentlich äußern. Die Vielzahl und Komplexität der Punkte lasse sich innerhalb der gesetzten Frist außerdem nicht seriös beantworten, man bitte hierfür um Verständnis. Zu einem späteren Zeitpunkt ordne man die Themen gerne ein, „sobald ein belastbarer Gesamtstand vorliegt.“ Die vom Tagesspiegel gesetzte Frist hatte 24 Stunden betragen.

Wann ein „belastbarer Gesamtstand“ vorliegen dürfte, bleibt derweil unklar. Zunächst arbeiten sowohl Bezirk als auch Amtsgericht an einer Zukunft des Gebäudekomplexes, der die Hedera Gruppe in unterschiedlichem Maße entmachtet.

Nach den Zwangsvollstreckungsverfahren gefragt, sagt Baustadtrat Florian Schmidt, er plane, demnächst eine Gläubigerkonferenz durchzuführen: „Eine Zwangsversteigerung halte ich für nicht zielführend. Dies könnte erneut Investoren anziehen, die auf Verwertung durch Entmietung und Abriss setzen.“ Einen Abriss des Ensembles hat das Bezirksamt im November 2025 ohnehin schon per städtebaulicher Erhaltungsverordnung deutlich erschwert.

Aus der von den Eigentümern misshandelten Siedlung sollte man ein Modellprojekt für sozialverträgliche Sanierung machen.

Florian Schmidt (Grüne), Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg

Statt Entmietung und Abriss wünscht Schmidt sich eine behutsame Entwicklung des Areals: „Ideal wäre es, wenn die Gläubiger, zu denen auch das Land Berlin und landeseigene Gesellschaften gehören, einen kommunalen oder genossenschaftlichen Erwerb anstreben und verhandeln. Aus der von den Eigentümern misshandelten Siedlung sollte man ein Modellprojekt für sozialverträgliche Sanierung machen.“ Das sei möglich, wenn alle an einem Strang ziehen.

Anm. der Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Bezirk habe 800.000 Euro für die Wasserrechnung im Spätsommer vorgestreckt. Das ist falsch, es handelt sich um 70.000 Euro. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.

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