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U-Bahn Symbol MAGO / Emmanuele Contini

© Imago/Emmanuele Contini

Tagesspiegel Plus

40 Jahre nach U-Bahn-Eröffnung in Berlin-Spandau: Ein Aufzug, endlich ein Aufzug!

Der U-Bahnhof unter Berlins größter Fußgängerzone bekommt einen Fahrstuhl - dafür wird anderes abgerissen. Hier Zeitplan, Kosten und Historie zum U-Bahnhof Altstadt Spandau

Nur 40 Jahre nach Inbetriebnahme des U-Bahnhofs in der Altstadt von Berlin-Spandau bekommt er auch schon einen Fahrstuhl in die Tiefe. Glückwunsch! Zur Relation: Damals war Helmut Kohl noch Kanzler und kam zur Eröffnung der U-Bahnlinie U7. Der bekannte Unternehmer Olaf Höhn nannte 1984 das „Café Annelie“ an der Klosterstraße in „Florida Eis“ um und begann seine Karriere. Und der Spandauer SV kämpfte im Stadion an der Neuendorfer Straße um den Aufstieg in die 2. Liga.

Ist also alles ganz schön lange her.

Der neue Aufzug in Berlins größer Fußgängerzone wird gefühlt auch schon eine Ewigkeit geplant. Aber jetzt gibt es einen neuen Zeitplan im April 2022 und die konkreten Details aus der BVG-Zentrale um Eva Kreienkamp.

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„Aufgrund der Lage und Tiefe des Bahnhofs wird der Bahnsteig über 2 Aufzüge mit Umstieg in der Vorhalle erreichbar sein“, heißt es in BVG-Bauplänen, mit denen Planer gesucht werden und die dem Tagesspiegel-Newsletter für Spandau vorliegen. Auch ein Blindenleitsystem wird eingebaut. Hier vier wichtige Zahlen.

  • Baubeginn: 12/2022
  • Bauzeit 22 Monate
  • Inbetriebnahme: 3. Quartal 2024
  • Kosten: 4,945 Mio Euro

Der U-Bahnhof hat zwei Ausgänge. Einen in der zentralen Carl-Schurz-Straße vor dem alten Kant-Gymnasium, der andere Ausgang befindet sich am bekannten Kino. Dort soll auch der neue Aufzug hin: Breite Ecke Havelstraße. „Das Aufzugshaus oberirdisch ist als eine Stahl-Glas-Konstruktion herzustellen“, so die BVG.

Hier wird der Aufzug eingebaut. Die beiden Rolltreppen werden laut BVG-Bauakte durch eine feste Treppe ersetzt.

© André Görke

„Der Bahnhof liegt in einer Tiefe von 14 Metern und unterquert dadurch die nah gelegene Havel. Aus diesem Grund wurde beim Bau dieses Bahnhofs die Senkkastenbauweise genutzt“, schreibt die BVG - und nennt den Bau daher „statisch anspruchsvoll“.

Doch der Bau des Aufzugs wird Folgen haben. Die jetzigen Rolltreppen kommen weg. In den BVG-Papieren heißt es dazu nämlich: „Der Ausgang wird umgebaut, beide bestehenden Fahrtreppen und die feste Treppe werden zurückgebaut. Es wird im Endzustand eine feste Treppe über die gesamte Ausgangsbreite entstehen.“


1. Oktober 1984: Die Eröffnung der U-Bahn nach Spandau - mit Helmut Kohl

Der Kanzler kam persönlich nach Spandau - rechts der U-Bahnhof am Rathaus. Eine Kathedrale.

© pa/dpa/Görke

Am 1. Oktober 1984 wurden die U-Bahnhöfe in Spandau eröffnet - allein 1400 geladene Gäste kamen zum Rathaus. Auf dem Bahnsteig: Bezirkschef Werner Salomon, SPD, und der extra aus Bonn eingeflogene Bundeskanzler Helmut Kohl, CDU. Der verewigte sich im Goldenen Buch von Berlin-Spandau – und seit jenem Tag liegt das Zeitdokument unbeachtet in der Schrankwand in der Stube des Bürgermeisters. Als ich einmal den ehemaligen Bürgermeister Helmut Kleebank, SPD, in dessen Büro besuchte und ihm am Rande von Helmut Kohl 1984 erzählte, sprang Kleebank plötzlich auf, wuchtete das Buch aus dem Glasschrank und schleppte den Schinken vorsichtig auf den Schreibtisch. Und dann suchten wir Helmut Kohl. Das Foto sehen Sie hier.

Wiederentdeckt vom Tagesspiegel: als Helmut Kohl sich in Spandau verewigte.

© André Görke

Das goldene Buch des Bezirks wurde für den Tagesspiegel vorsichtig geöffnet.

© André Görke

In der allerersten U-Bahn 1984 saß auch Monika Herrmann, die später Bürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg werden sollte. Herrmann erinnert sich noch heute: „Ich hatte als Erwachsene einen Garten in Hakenfelde und bin mit der ersten U-Bahn von Rudow nach Spandau gefahren. Wenn in der auch Helmut Kohl war, sind wir gemeinsam nach Spandau gefahren.“ Waren Sie auch Bord? Haben Sie Erinnerungen oder gar Fotos? Meine Mail: spandau@tagesspiegel.de

Die U-Bahn veränderte Spandau

Zehn Jahre wurde gebuddelt – eigentlich hatte man schon 1977 am Falkenseer Platz ankommen wollen (aber auch früher war nicht alles besser). Der 1. Oktober 1984 jedenfalls wurde zum Volksfest. Klar, denn Spandau lag noch weiter in der Peripherie als heute. Der S-Bahnhof Spandau-West war schon seit Jahren verrammelt und verwaist.

U-Bahn in Spandau mit Freibier und Suppe gefeiert

Tagesspiegel-Titel, 1. Oktober 1984

„U-Bahn in Spandau mit Freibier und Suppe gefeiert“, schrieb mein Kollege Klaus Kurpjuweit im Tagesspiegel 1984. „Obwohl die Gäste dieses Mal Willkommen waren, hielten die Spandauer sie wie im Mittelalter vor dem Betreten der Stadt an der Zitadelle auf: Die Eröffnungszüge der BVG, die mit 1400 geladenen Gästen nebeneinander auf der neuen Strecke zum Rathaus Spandau fuhren, wurden von Mitgliedern der Schützengilde zu Spandau auf dem U-Bahnhof Zitadelle gestoppt. Sie ließen die Weiterfahrt erst zu, nachdem Bezirksbürgermeister Werner Salomon und der Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung, Karl Neugebauer, die von BVG-Direktor Joachim Piefke beantragte ‚Durchfahrtsgenehmigung‘ erteilt hatten.

Für Salomon gab es vor dem Rathaus einen großen Bahnhof — er feierte nämlich nicht nur den Anschluss Spandaus an die U-Bahn-Welt, sondern gleichzeitig seinen 58. Geburtstag. Vorher musste er aber auch an seinem Ehrentag noch „arbeiten“. Gemeinsam mit BVG-Direktor Piefke durchsägte er ein Seil, das die Züge auf dem Bahnhof Zitadelle gestoppt hatte. Anschließend setzten die Premierenzüge die Fahrt bis zum neuen Endbahnhof am Rathaus Spandau fort. Dort gab es nach der Eröffnungsfeier im Bahnhof Freibier und Erbsensuppe. Und dies war dann bald wichtiger als die U-Bahn. 600 Liter waren in einer halben Stunde weggelöffelt. Auch das Bier reichte nicht viel länger.

Wer noch Hunger und Durst hatte, konnte auch auf dem Rathaus-Vorplatz seinen Magen füllen — allerdings gegen einen Obolus. Und das schmeckte nicht allen. Immer wieder hört man aus der Menge rufen: „Und wo ist nun das Freibier?“ Das stundenlange Programm auf der Bühne war für viele nur ein schwacher Trost. Aber es gab ja noch den Stand der BVG, an dem Mitarbeiter Aufkleber und Fähnchen, Luftballons und Bastelbogen unentgeltlich verteilten sowie Plakate verkauften. Und wie fast immer bei solchen Anlässen wurde der Stand fast gestürmt. Am Ende der Schlange wussten die Anstehenden gar nicht, was es vorne gab. Aber sie hielten durch, bis sie einen Aufkleber oder einen Bastelbogen mit nach Hause oder bis zum nächsten Papierkorb nehmen konnten.

Tausende ließen sich nach Spandau fahren, schauten unterwegs die neuen Bahnhöfe an: Den Sternenhimmel unter der Erde an der Paulsternstraße, Haselhorst mit seiner an die umliegende Industrie erinnernde Aluminium-Architektur, den der historischen Architektur nachgebildeten Bahnhof Zitadelle, die dreischiffige weißrote Station Altstadt sowie die repräsentative Station Rathaus mit ihren großen tragenden Stützen, Kapitelle und Leuchten.

Mit Kritik wurde aber nicht gespart 

Bürgerinitiativen erinnerten mit Montagen aus BVG-Plakaten an die S-Bahn, die in Spandau weiter vor sich hinrostet.

Andere forderten Aufzüge für Behinderte und viele sehnten sich nach den Buslinien zurück, die die BVG nach der Eröffnung der U-Bahn eingestellt hat. Auf den Straßen vor dem Rathaus gab es an diesem Tag Chaos.

Helmut Kohl saß im falschen Zug 

Dafür konnte die U-Bahn zeigen, wie schnell sie ist: In knapp einer Stunde legt sie die 32,4 Kilometer von Rudow bis Spandau zurück. Bequem war die Fahrt allerdings meist nicht. Die Züge waren oft voll besetzt. Und als der Bundeskanzler im Wagen nach Spandau stand, hieß es gar: „Nichts geht mehr.“ Fahrgäste konnten wegen der Enge im Waggon nicht mehr aussteigen, und auf den Bahnsteigen verhinderten Sicherheitsbeamte ein Einsteigen in den „Kanzler-Wagen“. Kohl war nämlich in den falschen Zug gestiegen. Der für ihn vorgesehene Sonderzug kam zehn Minuten später. So fuhr der Kanzler in einem Linienzug und erfüllte dort Autogrammwünsche. Geplant war stattdessen, dass ihm Lehrlinge von AEG eine selbstgebastelte Sonnenuhr überreichen. Als Kohl dann vor dem Rathaus Hände schüttelte, musste sogar der Verkehr vor dem Platz gesperrt werden, weil die Autogrammjäger einfach über die Straße rannten.“

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