• 75 Visionen für Berlin – Folge 47 : Wie mehr Menschen von der Digitalisierung profitieren könnten

75 Visionen für Berlin – Folge 47 : Wie mehr Menschen von der Digitalisierung profitieren könnten

Berlin könnte führend sein, wenn es um die Entwicklung von digitalen Konzepten geht, die Kooperation und Gemeinwohl fördern, schreiben unsere Gastautor:innen

Carla Hustedt Rasmus Rothe
Ein Fingerzeig - wie auf diesem Wandgemälde in der Brückenstraße in Berlin-Mitte: Berlin ist wegen seiner Diversität womöglich besser als andere Orte für gemeinwohlorientierte Zusammenarbeit.
Ein Fingerzeig - wie auf diesem Wandgemälde in der Brückenstraße in Berlin-Mitte: Berlin ist wegen seiner Diversität womöglich...Foto: Kevin P. Hoffmann

Als Resultat seiner Größe und Vielfalt ist die Stadt Berlin heute ein Ort vieler Elemente: Politisches Zentrum Deutschlands, Start-up-Hub und europäischer Anzugspunkt für Denker:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen, für Visionär:innen aus der ganzen Welt. Daraus ergeben sich einzigartige Chancen – so beispielsweise für die gemeinwohlorientierte Gestaltung von Gegenwarts- und Zukunftstechnologien rund um Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Blockchain. Es wird Zeit, diese Chancen zu nutzen!

Die fortschreitende Digitalisierung ist eine gesellschaftliche Mammutaufgabe. Sie beeinflusst alle Bereiche unseres Lebens, mal sehr offensichtlich und zunehmend ohne dass wir es merken, beispielsweise beim Einsatz neuer Technologien durch den Staat: So nutzt die Polizei bereits seit 2016 eine Prognosesoftware, um Wohnungseinbrüche vorherzusagen. Der Chatbot Bobbi der Senatsverwaltungen beantwortet Fragen zu Dienstleistungen der Berliner Behörden und aktuell auch zu Corona.

Die Corona-Pandemie hat uns deutlicher denn je aufgezeigt, wie wir schon jetzt von der Digitalisierung profitieren, aber auch, welche großen Chancen wir beispielsweise im Bildungswesen oder im Gesundheitssektor nicht hinreichend nutzen. Der berechtigte Ruf nach dem Aufbau von Infrastrukturen und digitale Kompetenzen hat durch die Krise auch die letzten Anhänger*innen des analogen Zeitalters erreicht.

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Zugleich steigt das Bewusstsein dafür, dass digitale Technologien nicht nur Heilsbringer sind, sondern auch Diskriminierung reproduzieren und Machtkonzentration verstärken können. Nicht zuletzt bei der Entwicklung der Corona-Warn-App wurde zudem deutlich, dass die Entwicklung und der Einsatz digitaler Technologien viel Fingerspitzengefühl sowie konstante Verbesserungs- und Kommunikationsarbeit erfordert.

Wollen wir Digitalisierung nicht nur als Instrument für wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen nutzen, müssen unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten: Forschung, Politik und Verwaltung, Zivilgesellschaft, Medien, Start-ups und etablierte Wirtschaft. Auf diesen Feldern versteht man unter der Digitalisierung aber sehr unterschiedliche Dinge: Die einen reden von Kund:innen, die anderen von Bürger:innen, wieder andere von Nutzer:innen oder Verbraucher:innen. Daraus leiten sich jeweils unterschiedliche Ansprüche an die Gestaltung von Technologie ab. Das Ergebnis sind babylonische Verhältnisse: Es werden unterschiedliche Sprachen gesprochen und verhindert, dass man für das Gemeinwohl zusammenarbeitet.

Carla Hustedt leitet den Bereich „Digitalisierte Gesellschaft“ bei der Stiftung Mercator. Zuvor betreute sie das Projekt „Ethik der Algorithmen“ der Bertelsmann Stiftung.
Carla Hustedt leitet den Bereich „Digitalisierte Gesellschaft“ bei der Stiftung Mercator. Zuvor betreute sie das Projekt „Ethik...Foto: Marzena Skubat

[Carla Hustedt leitet den Bereich „Digitalisierte Gesellschaft“ bei der Stiftung Mercator. Zuvor betreute sie das Projekt „Ethik der Algorithmen“ der Bertelsmann Stiftung. Rasmus Rothe baut mit seiner Firma

Merantix Start-ups rund um KI auf.]

Eine der Ursachen für die schleppende Entwicklung des technologischen Fortschritts in Deutschland liegt im fehlenden Austausch zwischen den entscheidenden Akteuren. Diejenigen, die an der Entwicklung der technischen Lösungen arbeiten, sind häufig meilenweit von potenziellen Anwendern entfernt und verstehen die Kontexte nicht ausreichend, in denen ihre Technologien wirken werden. Und sowohl Politik als auch Vertreter:innen der Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die den gesellschaftlichen Diskurs über Chancen und Gefahren moderieren sollen, sind häufig vom Innovationsprozess zu weit entfernt, um ihn in Echtzeit zu prägen.

Rasmus Rothes Merantix baut in Berlin einen Campus für junge Firmen, die sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen.
Rasmus Rothes Merantix baut in Berlin einen Campus für junge Firmen, die sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen.Foto: Viktor Strasse

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft sind wir herausgefordert aus unseren siloartigen Denkmustern auszubrechen. Wir müssen sektor- und disziplinenübergreifend daran arbeiten, neue Technologien für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. Berlin bietet dafür beste Voraussetzungen: Die Stadt ist voll junger, gut ausgebildeter Talente. Berlin hat viele wortführende Thinktanks, Interessenverbände, innovative Startups, exzellente Universitäten und ist Regierungssitz. Mit anderen Worten: Die Stakeholder sind bereits in der Stadt!

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In interdisziplinären Hubs sollten sie nun zusammen gebracht werden: Es braucht physische Orte der Begegnung, an denen alte und neue Wirtschaft aufeinandertreffen und digitale Novizen mit Tech-Expert:innen ins Gespräch kommen. An denen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft miteinander in einen kontinuierlichen Dialog treten können. Orte, an denen neue Allianzen geschmiedet und eine gemeinsame Sprache gefunden werden kann.

Auf diese Weise kann Berlin dazu beitragen, dass digitale Technologien in Deutschland so entwickelt und eingesetzt werden, dass sie uns zu mehr Chancengerechtigkeit, besserer Gesundheit und Bildung, zu Zusammenhalt, kurzum: zu gesellschaftlichen Fortschritt verhelfen können.

Diese Orte können Repräsentanten einer neuen europäischen Innovationskultur sein. Unter Einbindung der Berliner*innen, in all ihrer Vielfältigkeit, kann in Leuchtturmprojekten an konkreten Anwendungen für die Region gearbeitet und auch zugleich der internationale Austausch gefördert werden. Mehr denn je gilt es, global zu denken, aber lokal zu handeln. Kein Ort ist dafür besser geeignet als unser heterogenes und rebellisches Berlin.

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