• Absturz und Wiederaufstieg des Patrick Wagner: Berlin liebt dich, Berlin liebt dich nicht

Absturz und Wiederaufstieg des Patrick Wagner : Berlin liebt dich, Berlin liebt dich nicht

Größer als Gott - mit dieser Haltung prägte Patrick Wagner die Stadt, als die nicht wusste, was aus ihr wird. Heute ist der frühere Rockmusiker und Labelchef eine von vielen gescheiterten Existenzen und sucht seinen Weg zurück. Porträt eines Menschen, der zu laut ist

Voll aufgedreht. Patrick Wagner, 48, hat ein anstrengendes Temperament. Hier kommt er gerade von der Bühne.
Voll aufgedreht. Patrick Wagner, 48, hat ein anstrengendes Temperament. Hier kommt er gerade von der Bühne.Foto: Jan Philip Welchering

Es war die erste Mail von ihm seit einer Ewigkeit, und sie las sich, als wäre nichts passiert.

Er musste mittlerweile annähernd 50 sein, trotzdem war da gleich wieder dieser Patrick-Wagner-Sound aus Dringlichkeit und Zweifel. Er schrieb, dass er eine neue Rockband gegründet habe, sie würde fleißig 7-Inch-Singles aufnehmen, mal bei diesem, mal bei jenem Label, je nachdem, wer sich diesen Wahnsinn überhaupt antue, und dass sich gewiss keine Sau dafür interessieren würde, aber egal, die Band also trete auch auf …

Patrick, ist das dein Ernst?

Was für eine Frage.

Rockbands von 50-Jährigen sehen immer ein bisschen verzweifelt aus. Man denkt, dass Leute dieses Alters doch eigentlich Wichtigeres zu tun haben müssten. Dass sie es jedenfalls nicht allzu ernst meinen können, jetzt, da sie wissen, wie’s läuft in der Welt.

Patrick Wagners Leben hatte sich lange um Bands gedreht, was es heißt, in einer Band zu sein, was es einen fühlen lässt. Nämlich ganz überwiegend lässt es einen Größe spüren. Ende der 90er Jahre hatte er als Kopf des Rock-Trios Surrogat für Aufsehen gesorgt und aus dem Nichts das Berliner Musiklabel Kitty-Yo zur internationalen Marke gemacht, war zu Universal gegangen, hatte es dort nur ein Jahr ausgehalten und wieder ein eigenes Label gegründet. Mit dem ging er sechs Jahre später furios pleite. Danach verstummte er irgendwie. Es hieß, er sei Fußballtrainer geworden.

Fünf Jahre sind ein großes Loch

Zwölf Jahre fasste er seine E-Gitarre nicht an. Die Welt hatte ihn kleingekriegt. Von Größe hatte er so ziemlich die Schnauze voll: „Die letzten fünf Jahre saß ich in meinem Zimmer und hab’ die Decke angestarrt. Meine Eltern haben gesagt, ich hab’ ne Depression. Ich hab’ gesagt, das ist ne Depression. Aber es fühlte sich nicht so schlimm an.“ Fünf Jahre ergeben ein ziemlich großes Loch.

Wie ernst kann er es meinen? Und auf welche Art ernst? Auf die hilflose Weise von jemandem, der sonst nichts hat als das Temperament eines Rock'n'Rollers? „Berlin liebt dich“, hat Wagner in einem Lied vor 18 Jahren gesungen. Damals hat er die Stadt „mitgemacht“, so drückt er es aus, gemacht zu dem coolsten Ort der Welt, wo man sich keiner sozialen Struktur unterordnen oder alten Eliten fügen muss. Wo heute mehr internationale Künstler und Musiker leben denn je. Wo die Bodenpreise steigen, weil es eben so viele Menschen gibt, die an Berlin teilhaben wollen.

In diesem neuen Berlin ist er nur eine von etlichen gescheiterten Existenzen, die hart aufgeschlagen sind. Seine Bedürfnisse hat er so weit heruntergeschraubt, dass er heute mit 700 Euro im Monat auskommt, hat keine Kreditkarte und auch sonst keinen Vertrag, der eine Schufa-Auskunft erforderlich machte. Berlin liebt dich? Sollte dieses schöne Versprechen für ihn selbst nicht gelten?

Diese Geschichte, die vor über einem Jahr mit einer harmlosen Mail begann, folgt Patrick Wagner auf einer Suche. Er sucht den Weg ins Rampenlicht und zu sich selbst. Denn er will immer noch zu viel. „Wir haben vergessen“, sagt er in einem aufgeregten Moment, „wie es ist, wenn uns jemand was sagt. Ich habe was zu sagen, also muss es raus.“ Seine neue Band heißt: Gewalt.

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