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Wladimir Putin sollte gefragt werden.

© Gestaltung: TSP | Fotos: Reuters, imago, freepik

Tagesspiegel Plus

Sven B. und seine Telegram-Terrortruppe: Putin sollte Lauterbach-Entführung absegnen

Mit Kalaschnikows und Steinmeier-Double: Der Brandenburger Sven B. offenbart die Umsturzpläne hinter der „Aktion Klabautermann“. Die Details sind bizarr.

Seit April sitzt Sven B. in Untersuchungshaft. Über den Messengerdienst Telegram plante er den gewaltsamen Sturz der Bundesregierung. Sein Anwalt Philipp Grassl hat nun erstmals Einblick in dessen Gedankenwelt gegeben. Es ist die eines Finanzbuchhalters, der noch immer in Erinnerungen an seine Zeit an der Offiziersschule der Nationalen Volksarmee (NVA) schwelgt, der den russischen Despoten Wladimir Putin mag und unauffällig in einem Einfamilienhaus im brandenburgischen Falkensee lebte.

B. wollte gemeinsam mit anderen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) entführen. Der Code für ihren Plan lautete „Aktion Klabautermann“. Er war bis ins Detail geplant: Ein mit Kalaschnikow-Sturmgewehren bewaffnetes Kommando sollte die Personenschützer des Ministers überraschen, sie dazu zwingen, ihnen den SPD-Politiker auszuliefern. Dann sollte ihm vor laufenden Kameras ein Haftbefehl verkündet werden. Lauterbach sollte an einen unbekannten Ort gebracht und „nach einiger Zeit“ wieder freigelassen werden. Der Plan der Gruppe war, das Deutsche Reich „auf Grundlage der Verfassung aus dem Jahr 1871“ wieder zu errichten.

Der Tagesspiegel konnte nun die umfangreiche Stellungnahme des Strafrechtsanwalts einsehen. Es ist das Geständnis, dass Sven B. über seinen Anwalt bei den Ermittlern der Bundesanwaltschaft abgelegt hat. Zuerst hatte der „Spiegel“ berichtet.

Die Aussagen offenbaren eine Welt, in der seit der Pandemie radikalisierte Männer nicht mehr zurechtkommen – Männer, die schon in der Flüchtlingskrise haderten. B. ist ein Paradebeispiel für die vom Verfassungsschutz neu eingeführte Extremismuskategorie „Delegitimierung des Staates“. Es fing an mit Protesten gegen die staatlichen Coronamaßnahmen, die sich vermengten mit Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Nun reicht das Phänomen weit in die Szene der Reichsbürger, Selbstverwalter und Rechtsextremisten hinein.

Sein Kumpan wollte verdeckten Ermittlern Waffen für 12.000 Euro abkaufen

Der 54-jährige ist einer von fünf Beschuldigten, denen die Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft. Dem Anwalt zufolge geht es auch um Terrorismusfinanzierung und Beihilfe zu Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie das Waffengesetz. B. soll mit Thomas O. Rädelsführer und Finanzbeschaffer der Terrorgruppe gewesen sein. Den nahmen verdeckte Ermittler auf dem Parkplatz eines Baumarktes im pfälzischen Neustadt an der Weinstraße fest. O. wollte für 12.000 Euro Waffen und Munition abholen.

Seit September 2021 haben B. und O. über verschiedene Chatgruppen bei Telegram versucht, Mitstreiter zu gewinnen. Zum festen Kern sollen schließlich fünf Männer gehört haben, bei einem – in Bayern – fanden Ermittler mehrere Waffen. Ein Dutzend weitere sind im Visier der Ermittler, zum größeren Umfeld rechnen sie noch 70 andere Personen. Menschen, die sich in verschiedenen Chatgruppen zusammengefunden haben.

Sven B. war Finanzexperte und Bilanzbuchhalter.
Sven B. war Finanzexperte und Bilanzbuchhalter.

© privat

Die „Aktion Klabautermann“ sah vor, dass nach Lauterbachs Entführung „mehrere Hundert Personen aus dem Umfeld der Telegram-Gruppen“ an „einem geheimen Ort eine Art konstituierende Sitzung zur Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches“ abhalten. Die Reichsverfassung von 1871 sollte das Grundgesetz ablösen und modernisiert werden – und es sollte eine neue Regierung gewählt werden. Sein Mandant habe „die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht beseitigen“ wollen, „sondern wiederherstellen“.

Ein Doppelgänger des Bundespräsidenten sollte vor die Kameras treten

Im nächsten Schritt sollte eine Person, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder einem Bundesminister ähnelt, „vor laufender Kamera die Rechtmäßigkeit dieses Handelns bestätigen“. Aufgabe des Doppelgängers wäre gewesen, „das Volk auf den anstehenden Regierungswechsel vorzubereiten“.

Nach der Konstituierung des Reichsparlaments sollte ein bundesweiter Stromausfall ausgelöst werden, damit die Bevölkerung von den Medien abgeschnitten ist und „die neue deutsche Regierung ungestört ihre Arbeit aufnehmen kann“. Weitere „andere Kräfte“ sollten sich anschließen. Sven B. ging nach Angaben seines Anwalts davon aus, „dass Teile der Polizei und der Bundeswehr“ sich nicht gegen ihn stellen, sondern die Pläne unterstützen würden“.

Putin sollte den Umsturzplänen zustimmen

Allerdings sei für B. die Zeit zur Umsetzung der Pläne noch nicht reif gewesen. Er habe erst die Zustimmung des russischen Präsidenten einholen wollen. Und er habe gehofft, dass Putin die neue Reichsregierung „anerkennen und unterstützen würde“.

Sven B. bei einem Treffen des „Veteranen Pools“  in Thüringen im September 2021.
Sven B. bei einem Treffen des „Veteranen Pools“ in Thüringen im September 2021.

© Andrea Röpke/Tim Mönich

Nach Ansicht von B. hat die Bundesregierung die Interessen des deutschen Volkes seit Jahren missachtet. Das Geständnis listet auf: „kriegstreiberische Außenpolitik“, die „verheerende Finanz- und Europapolitik“, eine „verfassungswidrige Migrationspolitik“ – und „die deutsche Corona-Politik hat das Fass bei ihm zum Überlaufen gebracht“.

Sein Weltbild: „Menschen ohne Familie, Geschlecht, Sprache, die digital kontrolliert werden“

Schließlich sah B. hinter dem Kurs der deutsche Politik in der Pandemie einen verschwörerischen, großen Plan am Werk, der sich eher an der Überwachungspolitik Chinas orientiert. Andersdenkende seien diskriminiert worden, „um den Weg frei zu machen für eine neue Welt der unkritischen und folgsamen Menschen, welche digital kontrolliert werden“. Es gehe um „Menschen, die digital beeinflusst werden“, „ohne Familie, ohne Geschlecht und ohne Sprache“.

Der AfD stehe Sven B. aber nicht nahe, er finde sich auch nicht rechtsradikal, heißt es vom Anwalt. Und die angebliche SS-Uniform, die bei ihm gefunden worden sei, sei eine NVA-Uniform. B. „mochte seine Zeit bei der NVA“ und vermisse die Achtung für Veteranen. Dass die Ermittler bei ihm eine Kalaschnikow gefunden haben, bestreitet B. nicht. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt B., dass er auch Sprengstoff besorgen wollte, um die Pläne umzusetzen.

Hauptoffizier

Sven B.. als Offiziersschüler bei der NVA.
Hauptoffizier Sven B.. als Offiziersschüler bei der NVA.

© privat

Nach eigenen Angaben diente B. zwischen 1986 und 1990 an der NVA-Offiziershochschule im sächsischen Zittau im Bereich Raketentruppen und Artillerie, absolvierte dabei auch ein Diplom als Mathematiker. Nach der Wiedervereinigung war er bis 1992 für eine Leipziger Firma zeitweise in Russland tätig. Mit O. verband ihn die militärische Erfahrung in der DDR. O. diente nach eigenen Angaben bis 1989 als Stabsmatrose auf einem Küstenschutzschiff der Marine.

Ins Visier der Sicherheitsbehörden geriet B. im Frühjahr 2021. Hinweise kamen aus Rheinland-Pfalz. Auch der Verfassungsschutz des Landes Brandenburg beobachtete Sven B. bei Telegram, etwa als einer der Chefs der Chatgruppe „Veteranen Pool“, wo sich frühere Soldaten von NVA und Bundeswehr tummelten und über den Umsturz sinnierten.

Sein Nutzername dort: „Georg_im_Widerstand“. Ende April 2021 schrieb er: „Wir ziehen nicht in den Krieg. Wir sind im Krieg. Es gilt, den Bann zu brechen. Geduld und Verlässlichkeit zeichnen einen guten Soldaten aus.“ Bei einer Demonstration von Querdenkern sagte B. im März 2021 in Kassel: „Wir wollen nur dieses System weghaben. Das ist keine wirkliche Demokratie.“

Die Veteranen wollten im Frühjahr 2021 bei Protesten gegen die Auflagen in der Pandemie eingreifen, sich schützend zwischen Demonstranten und Polizei stellen. Sven B. war maßgeblich beteiligt. Im September traf sich die Gruppe in Thüringen. Zwei Tage vor seiner Festnahme schrieb B. im Chat: „Kameraden, Achtung! Ich hoffe ihr seid vorbereitet und bereit.“

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